Roland Pimpl

Roland Pimpl

"Verschlossene Auster" an Bauer, Burda, Funke Verachtet das Netzwerk Recherche die Klatschpresse – oder ihre Leserinnen?

Montag, 12. Juni 2017
Das nennt man wohl "ein Zeichen setzen": Die Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche (NR) vergibt ihren jährlichen Negativpreis "Verschlossene Auster" an Bauer, Burda und Funke. Damit befinden sich die drei Großverlage nun in bester schlechter Gesellschaft. Denn mit der Anti-Auszeichnung hat Deutschlands Qualitätsjournalistenverein in den Vorjahren etwa den Waffenhersteller Heckler & Koch, Atomstromkonzerne, die deutschen Banken und Bischöfe, Sportfunktionäre und, natürlich, Wladimir Putin bedacht.

Name und Selbstbezeichnung suggerieren, dass mit der „Verschlossenen Auster“, die laut NR an den „Informationsblockierer des Jahres“ vergeben werde, restriktive Kommunikation von Unternehmen, Verbänden und Politikern gerügt werden soll. Aber wahrscheinlich – man ist ja schließlich nicht das „PR Magazin“! – geht es um sehr viel mehr: Die Liste der Preisträger der vergangenen Jahre liest sich wie ein Register des institutionalisierten Bösen, Kapitalistischen oder Konservativen und lässt vermuten, dass es dem NR, zumindest mittlerweile, vor allem um allgemeingesellschaftliche Statements geht. Also eher um gesamte Weltsichten und Wirtschaftszweige als ums gemeine Informationsgebaren.

Verhöhnt das Netzwerk Recherche die Leserinnen?
Verhöhnt das Netzwerk Recherche die Leserinnen? (Bild: Fotolia / Henry Schmitt)
Bei den nun Auserwählten begründet das NR dies auch so: Bauer („Das neue Blatt“, „Freizeitwoche“, „Neue Post“, „Das Neue“), Burda („Freizeit Revue“) und Funke („Die Aktuelle“, „Das goldene Blatt“, „Frau aktuell“) erhalten den Negativpreis für ihre genannten bunten Blätter und laut NR „stellvertretend für die übrigen Verlage der Branche“. Das gesamte Genre wird gerüffelt: Die Yellow-Titel, die Klatschblätter. Laut NR untergrabe die „Regenbogenpresse“ mit irreführenden Schlagzeilen, falschen oder erfundenen Texten, fehlender Nachfrage bei den Betroffenen, Manipulationen von Fotos und nicht selten der Verletzung von Persönlichkeitsrechten „das Vertrauen in die Glaubwürdigkeit der Medien“. Eher nebenbei soll die Auster auch rügen, „dass die Verlage nur äußerst ungern Auskunft geben zu Form, Machart und Inhalt ihrer Magazine“ (Begründung des NR und Reaktionen der drei Verlage hier).

Zuspitzen, überdrehen, herbeispekulieren und -phantasieren vor allem in den Coverzeilen – das gehört in der Tat zum Geschäftsmodell der Yellows, inklusive hoher Sonderetats für Anwälte und für Fragezeichen, mit denen die abenteuerlichsten Thesen juristisch meist gerade noch tolerabel aufgestellt werden: Eine Prinzessin, die auf einem Foto zufällig mal die Hand vor ihren Bauch hält, lässt den Regenbogenwald schnell „Babyglück?“-Schlagzeilenreflexe gebären.

Die bunten Blätter leben gut damit und davon, bewusst Teil der Unterhaltungsindustrie zu sein – und nicht der Informations- und Aufklärungsbranche. Das weiß auch jeder, auch die Leserinnen selbst. Insofern ist es arg viel der Ehre, den Yellows Schuld am Glaubwürdigkeitsverlust der Medien zuzuschreiben – ganz so, als gäbe es sie nicht, die Hinterfragwürdigkeiten der Politikpresse, die doch wohl ungleich schwerer wiegen als dann doch nicht schwangere Prinzessinnen. Und hält das NR-Preisgericht die Leserinnen tatsächlich für so doof, einer Titelzeile in „Frau im Spiegel“ das gleiche Vertrauen zu schenken wie einer im „Spiegel“, den sie vielleicht nicht lesen, der aber auch in den TV-Nachrichten zitiert wird?

Bitte nicht falsch verstehen: Handwerkliche Schnitzer müssen geahndet werden – und werden geahndet. Gut so. So etwas muss richtig viel Geld kosten, denn nur diese Sprache verstehen die Blattmacher. Und klar, jeder krasse Einzelfall gehört an den Branchenpranger. Wobei, nebenbei bemerkt, Yellow-Häme natürlich die allereinfachste und dankbarste Disziplin der Medienkritik ist. Eine Pauschalschelte à la Auster gegen ein Genre, das man persönlich gut und gerne verachten oder verlachen darf, unterscheidet sich im differentialdiagnostischen Niveau indes nicht wesentlich von den tumben „Lügenpresse“-Rufen ganz anderer Couleur.

Allein die genannten acht Bauer-, Burda- und Funke-Titel werden Woche für Woche von 10 Millionen (meist) Frauen gelesen. Und es ist noch viel schlimmer: Sie kaufen diese acht Blätter sogar – fast 3 Millionen Hefte jede Woche, freiwillig, ohne Zwang (anders als beim Gebührenfernsehen). Auf alle Yellows bezogen sind die Käufer- und Leserzahlen noch viel höher. Warum tun diese Menschen das? Glaubt das NR, dass sie zu blöd sind (sich) zu merken, dass die Prinzessin auch bei den vergangenen fünf „Babyglück?“-Fragen am Ende nicht schwanger war? Oder wissen es die Leserinnen sehr wohl – aber es ist ihnen egal, weil sie sich, auch im Wortsinn, schlicht und einfach unterhalten lassen wollen?

In beiden Fällen würde sich das NR nicht nur über das Genre mokieren, sondern vor allem über die Wiederholungskäuferinnen, die offensichtlich am liebsten für „Babyglück?“-Fragen Geld und Zeit investieren. Und die Yellows stellen sie. Dafür gibt es die „Verschlossene Auster“ 2017 fürs "Goldene Blatt" und Co - das kann im kommenden Jahr dann wirklich nur noch ein Preisträger namens Donald Trump toppen. rp

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