Pauline Tillmann, Gastautorin

Pauline Tillmann, Gastautorin

Vorbild USA Die 10 zentralen Trends für Journalisten

Freitag, 10. Juli 2015
Jetzt ist die beste Zeit für anspruchsvollen Journalismus – und doch haben viele Angst davor. Denn das Geschäftsmodell des klassischen Journalismus erodiert und bislang gibt es keine kompatible Alternative. Auch in den USA, wo Trends im Medienbereich gesetzt werden, hat man bislang noch kein Allheilmittel gefunden. Aber: Dort wird deutlich, wo die Reise hingeht. Das zumindest glaubt die Journalistin Pauline Tillmann, die nach einer Reise durch die USA 10 zentrale Trends für Journalisten herausgearbeitet hat.

1) Mobile & Mobile Reporting

Der größte Trend, den man derzeit ausmachen kann, ist Mobile. Das scheint bei vielen Medienhäusern in Deutschland, aus meiner Sicht, immer noch nicht angekommen zu sein. Längst sind mobile Endgeräte vollwertige Abspielstationen; man denke nur an Mediatheken, Spotify oder auch Video-Streaming-Dienste wie Netflix. Das heißt, die Verlage müssen viel mehr Angebote schaffen, die in erster Linie auf dem Smartphone konsumierbar sind. Wenn es um Mobile geht, sollte man aber auch Mobile Reporting nicht vergessen. Dabei ist nicht das primäre Ziel, dass der Journa­list alles macht. Es geht eher darum, eine sinnvolle Ergänzung zu schaffen. Schließlich hat jeder sein Handy in der Hosentasche. Und warum damit nicht einfach eine Minute lang Pro­test filmen? Oder diesen Protest in Echtzeit online streamen? Bei der Maidan-Bewegung in Kiew war genau das beliebter als jeder Studiotalk, weil es ein unverfälschtes Bild auf die Realität gab.

2) Social Media

Doch die sozialen Medien werden nicht nur bei der Recherche immer wichtiger – es wird gleichzeitig enormer Traffic generiert. Das heißt konkret: In den USA kommen etwa 30 Prozent der Online-User von den sozialen Medien. Wenn man als Redaktion also auf diesen Kanälen nicht aktiv ist, verliert man vor allem die jüngere Leserschaft, die – in der Regel – nicht mehr zur gedruckten Zeitung greift. In den USA gibt es deshalb nicht nur Social-Media-Redakteure, sondern sogenannte "Audience-Engagement-Redakteure", die damit beschäftigt sind, das Publikum mit zielgruppengerechten Nachrichten direkt anzusprechen. Und das wiederum funktioniert in erster Linie über soziale Medien.
„Die Verlage müssen viel mehr Angebote schaffen, die in erster Linie auf dem Smartphone konsumierbar sind“
Pauline Tillmann

3) Datenjournalismus

In den USA sitzt heutzutage in nahezu jedem Newsroom ein Datenjournalist – in Deutschland wissen immer noch viele nicht, was sich dahinter verbirgt. Unter Datenjournalismus versteht man die Analyse und graphische sowie multimediale Aufbereitung großer Datenmengen – und zwar so, dass sie jedem einzelnen User etwas bringen. Zwei Beispiele: "Kriminalität in Berlin – so gefährlich ist ihr Kiez" oder auch "Wo die Feinstaub-Belastung in Berlin am höchsten ist". Jeder Berlin-Bewohner erfährt hier, wie es in seinem Stadtteil mit der Kriminalität oder mit der Feinstaub-Belastung aussieht. Das ist: Leser-Service vom Feinsten.

4) Die lange Form

Lange hat man geglaubt, dass die Menschen keine langen Artikel im Netz lesen möchten. Dass Onlinejournalismus gleichbedeutend ist mit Häpp­chenjournalismus. Und tatsächlich ging es früher meist darum, bestehenden Content via Copy & Pas­te auf die Webseite zu hieven. Doch daran hat sich in den vergangenen Jahren viel geändert. Mit Hilfe von opulen­ten Multimedia-Reportagen bekommt der Bereich auch langsam die Bedeutung, die ihm zusteht. Das zeigen Beispiele wie das Online-Reportagenmagazin "Weeklys", Reportagen.fm, das jede Woche die drei besten langen Lesegeschichten aus deutschsprachigen Zeitungen und Zeitschriften auswählt, oder die SZ Langstrecke, die auch auf Twitter, Tumblr und Instagram zunehmend an Beliebtheit gewinnt.

5) Unternehmerjournalismus

Ein Grund, warum man derzeit von einem "gol­denen Zeitalter für den Journalismus" spricht, sind die vielen Neugründungen und Startups im Medi­enbereich. Jeremy Caplan, Experte für Unterneh­merjournalismus, glaubt, dass es in den nächsten Jahren ein großes Wachstum an spezialisierten Quellen geben wird. Und diese Quellen werden, seiner Meinung nach, eine vergleichbar hohe Re­putation genießen wie etablierte und traditionel­le Medien. Ein gutes Beispiel dafür ist schon jetzt David Sassoon mit seinem Onlineportal "Inside Climate Change". Ob eine Idee überlebt oder nicht, entscheidet einzig und allein der Markt. Dabei sollten wir, findet Caplan, unsere Scheuklappen ablegen. Die journalistische Quali­tät kann, muss aber nicht gegeben sein. "Wir haben auch schon Ideen im Bereich Kochen, Sport und Unterhaltung gefördert. Es geht einzig und allein darum, das Publikum mit dem, was es braucht und nachfragt, zu versorgen."
„Ob eine Idee überlebt oder nicht, entscheidet einzig und allein der Markt“
Pauline Tillmann

6) Stiftungsfinanzierter Journalismus

Stiftungsfinanzierter Journalismus ist in Deutschland noch nicht sehr verbreitet – das große Vorbild ProPublica kommt aus den USA. Mit "Correctiv" unterstützt die Essener Brost-Stiftung nun das erste gemeinnützige Recherchebüro im deutschsprachigen Raum. Ähnliche Beispiele sind die Wochenzeitung "Kontext", die sich über Spenden und Abonnements finanziert, als Verein geführt wird und samstags als unabhängige Beilage der "taz"-Wochenendausgabe erscheint, und das Debattenforum "Vocer", das sich thematisch mit dem aktuellen Medienumbruch beschäftigt und die damit verbundenen Folgen für die Gesellschaft analysiert. 

7) Hyperlokale Blogs

Ein weiterer Trend, den man in den USA aus­machen kann, sind hyperlokale Blogs. In Deutschland war der "Heddenheimblog" 2009 der erste professi­onelle Lokalblog, mittlerweile gibt es viele Ableger. Doch in Deutschland hat sich das Konzept der hyperlokalen Blogs noch nicht richtig durchgesetzt. Vielerorts sind die Lokalzei­tungen – immer noch – gut und es gibt keine Lücke, die es in der Berichterstattung zu füllen gilt. Aber allen ist klar, dass das Internet zur wichtigsten Informationsquelle geworden ist – und so können Blogs zu so etwas wie einer digitalen Lo­kalzeitung werden. Das Problem beschreibt Katarina Hybenova, die in New York den Blog "Bushwick Daily" betreibt, wie folgt: "Diejenigen, die einen Blog starten, sind nicht notwendigerweise Journa­listen. Das heißt, sie wissen nicht, wie viel Zeit und Mühe es kostet, das aufzuziehen. Meistens sind sie total aufgeregt, fangen an und nach drei Monaten verläuft sich das Ganze im Sand, weil keiner die Sei­te aufruft." Anderen hyperlokalen Bloggern rät sie: Erstelle einen Businessplan! Kenne dein Zielpublikum! Geh hinaus und sprich mit Leuten! Finde Kooperationspartner! Lege Geld beiseite – das erste Jahr wird hart!

8) Crowdfunding

Beim Crowdfunding gilt das Prinzip alles oder nichts. Sollte die angepeilte Summe nicht bis zu einem vorher festgelegten Datum zusammenkom­men, erhalten die Spender ihr Geld zurück. Grundsätzlich ist es wichtig, dass sich der In­halt leicht vermitteln lässt – so wie es der berühm­te Küchenzuruf von Henri Nannen verspricht. Ein Satz – und die Geschichte ist klar. Außerdem rate ich Crowdfunding-Anfängern immer, klein anzu­fangen, also mit einer Pitch-Summe von 1000 bis 1500 Euro. Ausnahme: Man ist schon sehr bekannt.
„Blogs können zu so etwas wie einer digitalen Lo­kalzeitung werden“
Pauline Tillmann
Darüber hinaus ist es ratsam, sich darüber Gedanken zu machen, wie man die Crowd in den Prozess ein­binden kann. Denn am Ende sollten sich die Spen­der – idealerweise – mit dem Projekt identifizieren. Das heißt, entschei­dend sind Dialog und Austausch, vor allem via Social Media. Allerdings: Die Erfolgsquote liegt normalerweise bei 30 bis 40 Prozent. Das heißt, auch wenn es hart klingen mag, die meisten Projekte scheitern. Ich persönlich finde es gar nicht entscheidend, ob man die geforderte Summe erreicht oder nicht. Im Laufe des Prozesses lernt man sehr viel über sich selbst, über Kommunikationsstrategien und den Umgang mit Kritik. Deshalb würde ich jedem, der ein geeignetes Projekt hat, empfehlen, es einfach aus­zuprobieren. Ich glaube, man kann nur gewinnen.

9) Native Advertising & Paid Content

Laut einer repräsentativen Umfrage des Bran­chenverbands Bitcom war 2014 jeder dritte Online-User – 34 Prozent – bereit, für digitalen Content zu bezahlen. Im Schnitt gaben die Befragten 15,10 Euro im Monat aus. Die meisten bezahlen für poli­tische Berichte oder Analysen, danach folgen: Wirt­schaftsinformationen, exklusive Sportberichte, Ge­sundheit, Ernährung und Fitness. Ausschlaggebend sind die Exklusivität und die Qualität der Inhalte. Dennoch werden diese Erlöse die Werbeeinnahmen bis auf Weiteres nicht ersetzen können. Potenzial sieht Kuldeep Kapade,  der nach seinem Masterstudium an der Elite-Universität Berkeley mit ein paar Kommilitonen das Startup "AdsNative" ge­gründet hat, vor allem in "Native Advertising". Zu seinen Kunden gehören die Politik-Portal Politico, aber auch Firmen wie HP, IBM oder McDonald’s. "Viele Verleger wechseln gerade zu Na­tive Advertising. Wir sind überzeugt, dass das der nächste große Trend ist. Es wird die Bannerwerbung früher oder später ersetzen", sagt der 29-Jährige. Des­halb stehen die Zeichen auf Wachstum. Innerhalb eines Jahres will er die Mitarbeiterzahl auf knapp 30 verdoppeln. In fünf Jahren will er den Bereich Native Advertising dominieren.

10) Multimedia

Es mag uns gefallen oder nicht – Multimedia ist die Zukunft. Und wenn man seinen Widerstand aufgibt und sich auf dieses Abenteuer einlässt, hat man auch noch in 20, 30 Jahren eine Zukunft im Journalismus. Wer sich allerdings dage­gen wehrt, bleibt früher oder später auf der Strecke. "Die Regeln ändern sich im Moment fundamental – man denke nur an Amazon und Netflix", sagt Journalismusprofessor Gabriel Kahn. "Was mich am heutigen Journa­lismus so begeistert ist, dass es keine festen Regeln gibt. Alles erfindet sich derzeit neu. Das heißt, es ist Zeit, die Zukunft neu zu denken." Erste Beispiele aus Deutschland steuern Axel Springers "Welt" mit dem interaktiven Projekt zum Thema Angst, der "Spiegel" mit Cordt Schnibbens "Mein Vater, der Werwolf" und die Webdokumentation des Bayerischen Rundfunks zum Oktoberfest-AttentatDas E-Book "10 Trends für Journalisten von heute" steht hier zum kostenlosen Download bereit und entstand mit Unterstützung von Next Media Hamburg und der Hamburg Media School.

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