Vincent Nicolai, Buddybrand

Vincent Nicolai, Buddybrand

Tumblr Der heimliche Star unter den Social Networks

Mittwoch, 12. April 2017
In Deutschland wird die Social-Media-Debatte derzeit vor allem von Snapchat, Instagram und Facebook bestimmt. Tumblr spielt hierzulande dagegen kaum eine Rolle. Zu Unrecht, findet Vincent Nicolai. Der Beratungs-Geschäftsführer der Berliner Kreativ- und Social-Media-Agentur Buddybrand glaubt, dass Marken die 2013 für satte 990 Millionen Dollar von Yahoo übernommene und nun zu Verizon gehörende Plattform viel stärker nutzen sollten. In seinem Gastbeitrag für HORIZONT Online erklärt er, warum.
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Eine echte Überraschung für die Stars: Wer bei der Verleihung der "5. Critic’s Choice Television Awards" in Los Angeles den roten Teppich betrat, wurde Teil einer besonderen Aktion. Der TV Sender A&E hatte gemeinsam mit dem Social Network Tumblr eine Art Fan-Teppich, den "Fan Art Red Carpet", gestalten lassen. Da mussten sie vorbei, die Danny DeVitos, John Nobles, Jane Lynchs oder die anderen TV- und Film-Stars. Und das Echo war so positiv, dass die Aktion tausende Tweets auslöste, die rund 4 Millionen User erreichten. Die heimlichen Stars dieser Preisverleihung waren also die Fans, die diesen "roten Teppich" gestaltet hatten. Und Tumblr.

Tumblr wird hierzulande gerne unterschätzt – auch von Marken. Die verbreitete Bezeichnung "Blogger-Netzwerk" wird dem sozialen Netzwerk bei weitem nicht gerecht. Tumblr ist viel mehr als das – und kann viel mehr. Es verbindet die Stärken und Features anderer Social Networks und bietet eine enorme Reichweite. Was die Plattform so interessant macht: Tumblr bildet mit dem Social Newsfeed Reddit gewissermaßen das Epizentrum für Internettrends. Hier entstehen die inzwischen berühmten Rage Faces und Memes, die später auf anderen Networks wieder auftauchen. Gerade Marken, die an der Speerspitze der digitalen Kommunikation agieren, sollten dabei sein. Es lohnt sich, Tumblr genauer unter die Lupe zu nehmen, das sich heimlich, still und leise zu einem der angesagtesten Social-Media-Kanäle entwickelt.

„Die verbreitete Bezeichnung Blogger-Netzwerk wird dem sozialen Netzwerk bei weitem nicht gerecht. Tumblr ist viel mehr als das.“
Vincent Nicolai
Das bestätigen aktuelle Zahlen. Anfang 2017 verzeichnete Tumblr 335 Millionen Nutzer und 146 Milliarden (!) Posts. Zum Vergleich: Instagram erzielte 2016 mit 500 Millionen Nutzern 40 Milliarden Posts. Twitter hat 320 Millionen Nutzer und Pinterest 100 Millionen. In den Vereinigten Staaten ist Tumblr schon viel populärer als in Deutschland: Während der Dienst hierzulande bisher nur 4 Prozent der Online-Nutzer erreicht, liegt der Anteil der User in den USA bei 42 Prozent. Die Zielgruppe, die sich hier herumtreibt, ist dabei im Vergleich zu anderen Kanälen eher jung. Es sind vorwiegend 13- bis 22-Jährige. Also eher wie Snapchat und weniger wie Facebook, Twitter oder gar Google+.

Tumblr war 2007 zwar ursprünglich tatsächlich als Blogger-Plattform gestartet. Aber inzwischen setzen die User wie die von Pinterest oder Instagram eher auf Bilder, Animationen (Gifs), Videos, Audios – oder eben die berühmten Memes, also lustige Text-Bild-Kollagen. Dafür nutzen sie ein eigenes Dashboard, das – ähnlich wie der Newsfeed bei Facebook – Inhalte der von ihnen gefolgten Tumblr-Seiten in chronologischer Reihenfolge einspielt. Content lässt sich somit, man verzeihe an dieser Stelle die Anglizismen, „rebloggen“ und „liken“. Beiträge werden im wahrsten Sinne des Wortes „getumbled“ – durcheinandergewirbelt – wie in einem Wäschetrockner. Je relevanter und aufmerksamkeitsstärker, desto mehr. So verbreiten sich Inhalte zum Teil rasend schnell in der Tumblr-Community und darüber hinaus.

„Tumblr ist noch das, für das soziale Netzwerke mal angetreten sind: ein digitaler Ort für Begegnungen, Gespräche und Interaktionen. “
Vincent Nicolai
Tumblr ist also noch das, für das soziale Netzwerke mal angetreten sind: ein digitaler Ort für Begegnungen, Gespräche und Interaktionen. Oft ungefiltert und kaum eingeschränkt. Hier wird einiges auf den Weg gebracht, was bei Instagram oder Facebook schon gegen die Policies oder Richtlinien verstoßen würde. Darum tummeln sich hier auch die kreativsten Nutzer und auch die Leute, die das Internet zu dem machen, was es ist: eine Inspirations- und Unterhaltungsquelle.

Die große Stärke von Tumblr liegt in der Offenheit. Keine Beschränkung der Inhalte, etwa auf 140 Zeichen wie bei Twitter. Einfaches Teilen dieser Inhalte durch ein Reblogging, das ähnlich funktioniert wie bei Facebook oder Twitter. Und: Blogs und deren Inhalte können gelesen werden, ohne dass ein eigener Tumblr-Blog oder Account notwendig ist. Extern ist intern –somit ist die Zahl der Nutzer weitaus höher als die der registrierten Blogs.

Und genau davon profitieren auch Marken. Die Offenheit, kombiniert mit den kreativen Möglichkeiten, lässt es zu, Blogger, Kreative und Marken zu vernetzen und ermöglicht viel breitere Austauschmöglichkeiten als andere soziale Netzwerke. Wie das funktioniert, zeigt zum Beispiel der Microsoft-Blog #dogreatthings auf Tumblr. Hier haben Kreative und Künstler Kurzvideos gepostet, die zeigen, wie sie den Tablet-Computer Surface einsetzen. Diese werden wiederum von anderen verbreitet – und sind auch von außen sichtbar. Microsoft geht es dabei nicht um Vertrieb oder das Produkt selber. Im Mittelpunkt stehen Menschen und Geschichten. Das inspiriert andere User.

Und auch die Tumblr-Aktion "Fan Art Red Carpet" zeigt, wie Unternehmen – in diesem Falle der Sender A&E – die Plattform nutzen können. Für den digitalen roten Teppich konnten Künstler auf Tumblr ihre Fan-Bilder zu TV-Stars, Protagonisten und Serien einreichen, die dann zu der besagten Collage zusammengefügt wurden. Bei der Preisverleihung konnten die echten Stars vor dieser Collage für ein Foto posen – und wurden auf diese Weise wiederum mit den Tumblr-Usern vernetzt. Immer dabei: A&E als Veranstalter der Aktion.

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