Ulrike Simon

Ulrike Simon

Türkei-Anzeige in der "SZ" Die Alarmglocken haben versagt

Sonntag, 16. Juli 2017
„Sieg der Demokratie über den Terror“ stand über der ganzseitigen Anzeige in der Wochenendausgabe der „Süddeutschen Zeitung“. Unübersehbar wurde mit weißer Schrift auf der gänzlich in Rot gehaltenen Seite der Tag des Türkei-Putschs vor einem Jahr als „Tag der Demokratie und der nationalen Einheit der Türkei“ bezeichnet. Die Reaktionen in den sozialen Medien waren entsprechend. HORIZONT Online fragte Stefan Hilscher, den Geschäftsführer der SZ, warum sein Verlag die Anzeige gedruckt hat und nicht abgelehnt, wie andere Medien auch.

Die „Süddeutsche“ fordere gern Solidarität mit dem seit Monaten in Einzelhaft gefangenen Deniz Yücel, sei sich aber nicht zu schade für diese Anzeige, twitterte einer. Ein anderer fragte, bei welchem Anzeigenpreis die Pressefreiheit ende?
Die Reaktionen auf die Anzeige sind harsch. Der Imageschaden ist da. Und dann plädiert ausgerechnet in derselben Ausgabe der „Süddeutschen Zeitung“ Detlef Esslinger im Leitartikel auf der Meinungsseite dafür, weiterhin Urlaub in der Türkei zu machen, um nicht ein ganzes Volk für Erdogans Treiben zu bestrafen.

Redaktion und Anzeigenabteilung haben in Verlagen getrennt zu sein. Vielleicht ist der Esslinger-Kommentar sogar der Beweis, dass die Trennung bei der „Süddeutschen Zeitung“ funktioniert. Es verlangt allerdings auch von Anzeigenleuten wenig politischen Sachverstand, um zumindest den Hauch eines Verdachts zu bekommen, dass eine derartige Anzeige womöglich mit Fingerspitzengefühl zu behandeln ist.

Hat denn wirklich niemand die Alarmglocken läuten gehört, als die Druckvorlage für diese Anzeige einging? Verantwortlich im Sinne des Presserechts, so steht es am Ende der Absenderliste, ist „The Union of Chambers and Commodity Exchanges of Turkey“, eine branchenübergreifende Vereinigung privater Unternehmen. Sie schreiben: „Mit Demut und Respekt verneigen wir uns nochmals vor unseren Märtyrern, die ihr Leben im Widerstand gegen den Putschversuch heldenhaft geopfert haben“. Gleichzeitig beschuldigen sie „das als FETÖ/PDY bekannte kriminelle Terrornetzwerk“ und beschwören den „festen Willen, die türkische Demokratie zu schützen und zu stärken und die demokratische Tradition unseres Landes zu unterstützen“.

Staatspräsident Erdogan bekräftigte derweil bei einer Gedenkfeier in Istanbul seine Bereitschaft zur Wiedereinführung der Todesstrafe und sagte: „Diesen Verrätern werden wir zuerst die Köpfe abreißen“.

HORIZONT Online fragte den Geschäftsführer des Süddeutschen Verlags, wie es dazu kommen konnte, dass die SZ diese Anzeige gedruckt hat, anders als der „Spiegel“ und die „Bild“, die dies abgelehnt haben. Hilscher antwortete am Sonntag: „Grundsätzlich veröffentlichen wir Anzeigen, wenn und solange Absender oder Inhalt nicht gegen den Geist der Verfassung oder sonstiges Recht und Gesetz verstoßen. Selbstverständlich ist die Anzeige entsprechend vorab geprüft worden. Ihre Frage, wie der Verlag zum Inhalt der Anzeige steht bzw. ob er  diesen für unbedenklich hält, ist somit für die Entscheidung, ob diese Anzeige veröffentlicht wird, nicht ausschlaggebend.“  usi

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