Volker Schütz

Volker Schütz

Truth as a Service Warum Publisher Facebook helfen sollten

Sonntag, 26. Februar 2017
In Sachen Fake News wirkt Facebook auch nach Start der Fact-Checking-Initiative ungewohnt zögerlich und hilflos. Für deutsche Medienhäuser ist das gut. Sie haben endlich einen Hebel, um dem mächtigen und erfolgsverwöhnten Internet-Konzern ein Angebot zu machen, das er nicht ablehnen kann.

Digitalbusiness ist seit gefühlter Ewigkeit für Publisher, Medienhäuser und Vermarkter ein Spiel, bei dem fast immer die gleichen Kombattanten als Sieger hervorgehen. Sie heißen Google, Facebook und Amazon. Und es ist ein Match, bei dem auch die Regeln meist von den Giganten aus Silicon Valley und Seattle festgelegt werden. 

Fake
© Fotolia / Balint Radu

Mehr zum Thema

Correctiv als Partner Facebook will gefälschte Nachrichten in Deutschland bekämpfen


Doch nun ist den Medien unerhofft ein kleines, aber feines Geschäftsfeld in den Schoß gefallen. ARD und ZDF, Axel Springer und Spiegel, Gruner + Jahr und Burda - sie alle eint der Kampf gegen Fake News und Hass im Netz. Und sie alle sind perplex über die freundschaftlichen Anfragen des Zuckerberg-Konzerns, beim Aussieben der falschen von den richtigen Nachrichten doch bitte behilflich zu sein.

Zynisch könnte man sagen: Fake News, Hate Speech, Cambridge Analytica, Donald Trump, Neurechten und AfD sei Dank - journalistisches Know-how ist auf einmal ein Gut, das kein Algorithmus ersetzen kann.  

Ich nenne es „Truth as a Service“ (TaaS): Journalistische Hilfe für überforderte Big-Data-Companies. Vielleicht bietet das publiztische Pendant zum in der IT so geläufigen "Software as a Service" Publishern endlich die Chance, mit Facebook (und anderen sozialen Plattformen) auf Augenhöhe ins Gespräch und ins Geschäft zu kommen.

Auf konkrete Fragen zur Fake-News-Problematik gibt Facebook nur allgemeine Antworten. Wenn man wissen will, wie viel Geld das Social Network in den Kampf gegen alternative Facts investiert, verweisen Facebook-Sprecher auf das politische Manifest des Firmengründers – und dessen Erkenntnis, dass noch vieles verbessert werden muss: „Any system will always have some mistakes, but I believe we can do better than we are today“, schreibt Zuckerberg. Wie hoch ist der Anteil an Fake News auf den Facebook-Plattformen? Das Thema sei wichtig, aber kompliziert, lautet die Antwort eines Sprechers. „Das ist wie der Kampf gegen die Pest“, stöhnt jemand aus dem Facebook-Umfeld beim Bier in der Lounge der „Night of Honour“-Party des ADC.

Ich nehme Mark Zuckerberg ab, dass der junge Milliardär wirklich glaubt, für eine bessere Welt zu sorgen. Und es scheint, als ob der 32-jährige Ausnahmeunternehmer allmählich erkennt, dass Technologie per se kein Paradies auf Erden erschafft. So lassen sich zumindest seine Gedankengänge zu Fake News in seinem politischen Manifest vor wenigen Tagen deuten.

Aber nur Gedanken machen reicht nicht.

Das Unternehmen Facebook zeichnete sich seit dem Börsengang 2012 dadurch aus, extrem fokussiert Business zu machen. Und wenn nötig werden formulierte Strategien radikal über den Haufen geworfen: Imponierend, mit welcher Turbogeschwindigkeit seinerzeit „Mobile First“ und damit die Voraussetzung für das Megawachstum der vergangenen drei Jahre proklamiert und umgesetzt wurde. 

Diese Fokussierung fehlt beim Thema Fake News. Natürlich wissen die Manager um Zuckerberg, dass das soziale Netzwer bei Werbekunden und Nutzern langfristig nur dann erfolgreich bleiben wird, wenn Lügen (und Hate Speech) auf den unterschiedlichen Facebook-Plattformen eliminiert werden. Und eigentlich müsste der Milliardenkonzern mit entsprechendem  Investment genau dafür sorgen. Das Geld dafür ist da. Stattdessen profiliert sich das Unternehmen als Snapchat-Copycat. Trotz aller verkündeten Menschenfreundlichkeit gilt im Zweifelsfall die Maxime: Facebook first. Der Börsenkurs ist wichtiger als die Gutmenschen-Attitüde; der Versuch, dem jungen Konkurrenten Snapchat das Wasser abzugraben, wichtiger als irgendwelche delierenden Trolle, Hass-Redner und Fake-News-Produzenten zur Räson zu bringen.


Gerade deshalb kann der Hilferuf von Facebook, nichts anderes ist die Fact-Checking-Initiative, den Publishern nur recht sein. Unversehen bekommen alte journalistische Tugenden neues Gewicht: Faktencheck, Gerüchte auf Wahrheitsgehalt überprüfen, Recherche statt Behauptung – all dies ist notwendig, will man Wahrheit von Lüge unterscheiden. 

Und all dies kann oder will Facebook aus eigener Kraft nicht liefern. Als globale neutrale Plattform müsse man schließlich die kulturellen Unterschiede zwischen den Ländern berücksichtigen. 

Nun ist Facebook auf der Suche nach "Partnern", um dem Problem Herr zu werden. Eine Honorierung der Hilfe sei derzeit nicht geplant, heisst es. Das ist eine merkwürdige Geschäftsphilosophie. Altruismus ist schön und gut, doch keine Währung, mit der sich Faktencheck und Qualitätsjournalismus bezahlen lässt.

"Truth as a Service" können und müssen die Medien deshalb offensiv in die Waagschale bei Gesprächen und Verhandlungen werfen. Das Modell liefert Gruner + Jahr: Facebook Hilfe anbieten – aber Bedingungen stellen. Wie sagt G+J-Chefin Julia Jäkel: "Wir freuen uns auf die Gespräche." 

Meist gelesen
stats