Volker Schütz

Volker Schütz

Trump-Sieg 100 Peitschenhiebe für das Silicon Valley

Mittwoch, 09. November 2016
Der Wahlsieg Donald Trumps schockiert die Investmentbanker in der Wall Street, die Werber in der Madison Avenue und die liberalen Silicon-Valley-Millionäre. Es wird Wochen dauern, bis das US-Big-Business wieder zum Business as usual übergehen wird.

"Unfassbar" (Richard Gutjahr). "This is Americas very own 11/9."(Jan Böhmermann).  "I fear that journalism is irredeemably broken, a failure. My profession failed to inform the public about the fascist they are electing."(Jeff Jarvis) "Die Welt muss sich an den Gedanken gewöhnen, dass in Amerika fortan ein unberechenbares Raubein regiert." (Mathias Müller von Blumencron).

Wir haben an anderer Stelle die entsetzten Tweets über das Unfassbare, das in den USA eingetreten ist, dokumentiert. Über die Trump-Mania hatte vor einem Jahr (!!), als viele Beobachter noch glaubten, Trumps Größenwahn, seine Lügen, sein Sexismus und Rassismus disqualifizierten ihn für das wichtigste politische Mandat der Welt, Medienwissenschaftler Martin Andree in einem Kommentar für HORIZONT Online hellsichtig geschrieben. Überschrift der Analyse: "Wie ein reicher Geschäftsmann zu einem eigenen  Markenzeichen aufgestiegen ist und auszog, Präsident zu werden." Heute ist Andree, wie tausende anderer Beobachter auf der ganzen Welt, nach eigenem Bekunden ziemlich deprimiert.
Donald Trump
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Wie gespalten muss ein Land sein, dass so einer Präsident werden kann? Das Schlimme: Erst als der 8. November immer näher rückte, kam dem einen oder anderen professionellen Beobachter die Erkenntnis, dass in den USA vieles im Argen liegt. Die Meinungsforscher dagegen waren bis zum Schluss immer noch optimistisch, dass Hillary Clinton Wahlsiegerin wird – zu solchen Fehlprognosen kann man eigentlich nur kommen, wenn man sich für eine Umfrage nicht auch mal aufs Land begibt.

Trumps Sieg ist vieles. Die Wähler haben nicht nur für Trump gewählt. Es ist vor allen Dingen ein Votum gegen das Establishment in Washington und die global agierenden Medien und Werbenetworks in der Madison Avenue. Und er ist ein 100facher Peitschenhieb auf die Rücken der liberalen Silicon-Valley-Millionäre, die ganz fasziniert bei veganer Ernährung die neue digitale Welt(ordnung) entwerfen, weit weg von den Sorgen und Nöten der Landsleute im mittleren Westen.

So gesehen ist der Sieg Donald Trumps ein reaktionärer Protest gegen die digitale Globalisierung. Vielleicht hätte man sich in der Digitalindustrie, aber auch in den Medien viel früher Gedanken machen müssen, wie man denjenigen, die sich ausgegrenzt und ausgestoßen fühlen, die Möglichkeiten des Netzes näher bringt.

Donald Trump
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In Deutschland versteht der eine oder andere Verleger immer noch nicht (oder will es nicht verstehen), warum Google, Facebook und Co so erfolgreich sind. Wie soll ein Bauer in Kentucky verstehen, warum ein Unternehmen mit einem Suchschlitz und einem Logo auf einer nackten Website eine Art Weltherrscher für Informationen ist. Wie kann man Menschen in Kleinstädten in Minnesota erklären, dass ein 32-Jähriger der  Chef der weltweit größen Dorfkneipe ist, bei der Grenzen keine Rolle spielen und man zwischen 62 Gendern auswählen kann?

Es gibt inzwischen zahlreiche Studien, die davor warnen, dass die digitale Welt neue Klassenverhältnisse hervorbringen könnte. In den USA ist es offensichtlich schon so weit.

Der Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW), sonst nicht immer der schnellste in Sachen Kommunikation, kam als erster deutscher Kommunikationsverband wenige Stunden nach dem Wahlergebnis mit einer Pressemitteilung raus. Darin stand: "Wenn der designierte US-Präsident tatsächlich bestehende Handelsabkommen aufkündigen und neu verhandeln möchte, wird das ein Problem für die Weltwirtschaft – denn gute Handelsbeziehungen sind abhängig von verlässlichen Rahmenbedingungen.

Gerade für die Digitale Wirtschaft ist diese Verlässlichkeit besonders wichtig, weil die Wirtschaftsräume der USA und EU in diesem Bereich eng verflochten sind. Wenn die bisherige Rechtssicherheit nicht mehr gegeben ist, schadet das beiden Seiten."

Donald Trump wird die BVDW-Mitteilung nicht lesen, aber vielleicht der Pressestab der deutschen Kanzlerin. So gesehen war es vom BVDW das richtige Zeichen. Trump ist schrecklich, aber die deutsche Industrie wird mit ihm umgehen müssen. Gerade im digitalen Zeitalter braucht man verlässliche internationale Koordinaten. Ein nationales Internet wird sich auf Dauer noch nicht einmal China leisten können, die USA erst Recht nicht.

Man kann von Jeff Jarvis halten, was man will. Keine große Veranstaltung kommt in Deutschland ohne den Journalistik-Professor aus. Und kaum ein Kongress vergeht, ohne dass der Professor deutschen Verlegern mehr oder minder unsinnige Vorschläge macht (beispielsweise: „Gebt Eure Abonnenten-Daten doch Google“). Doch mit seiner Aussage legt Jarvis die Finger in die Wunde seiner US-Kollegen. Journalismus ist auch über 200 Jahre nach dem Tod von Immanuel Kant im Idealfall ein Mittel der Aufklärung.  Und das Internet ermöglicht – theoretisch – einen  grenzenüberschreitenden und demokratischen Diskurs, den es vor 1994 nicht gab. Doch viele Journalisten in den USA, schreibt Brian Beutler von The New Republic, hätten sich noch in den letzten Tagen vor der Wahl in Diskussionsrunden akribisch mit den Details von Clintons Email-Affäre beschäftigt, aber keine Ahnung von Donald Trumps Steuerplänen gehabt. Und die sozialen Netze? Trump ist ein Twitter-Champion, der genau weiß, wie er die sozialen Netzwerke für seine Zwecke nutzen kann. Demokratische Politiker und ihre Agenturen müssen daraus für die Bundestagswahl im kommenden Jahr Lehren ziehen. Auch in Deutschland verpesten derzeit wenige die Stimmung und die Themen vieler. Das darf nicht so bleiben.

Er fühle sich wie nach einem verloren gegangenen Fußball-WM-Finale, murmelte mir heute morgen ein Kollege frustriert zu. Trumps Wahlsieg ist viel schlimmer eine WM-Niederlage. Doch wie beim Fußball-Match geht es auch in der Politik und Wirtschaft weiter. Hillary Clinton habe viel für das Land getan, sagte Trump in seiner Rede heute morgen. Vor wenigen Tagen wollte er sie noch ins Gefängnis werfen. In den nächsten Wochen wird sich zeigen, ob Trump nur Kreide gefressen hat oder selbst weiß, dass er nicht jeden Irrsinn, den er während des Wahlkampfs versprach, einlösen darf.

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