Thomas Port, SevenOne Media

Thomas Port, SevenOne Media

Thomas Port Warum Deutschland auf seine Gründerszene stolz sein kann

Donnerstag, 31. Oktober 2013

Beim Thema digitale Innovation denkt man beinahe automatisch an das Silicon Valley. Tumblr, Instagram, Pinterest und Twitter stehen beispielhaft für eine ganze Reihe von US-Start-ups, die weltweit Aufsehen erregt haben. Aus Sicht von Thomas Port, Geschäftsführer Digital bei SevenOne Media, müssen sich die deutschen Gründer allerdings nicht verstecken. Warum Deutschland stolz auf seine Digital-Pioniere sein kann, erläutert er in seiner Kolumne für HORIZONT.NET. Der Schein trügt: Deutschlands Gründer von digitalen Geschäftsmodellen sind keine Kopierkatzen. Klingt etwas aufgesetzt. Deutschlands Digital-Startups bringen nur Copy Cats hervor würde in unserem Marketing-Englisch geläufiger klingen. Damit sind wir beim Punkt: Der deutsche Minderwertigkeitskomplex dominiert die digitale Welt.

Thomas Port: Die US-Superstars klotzen eher mit Verlusten als mit Gewinnen. “
Amerikanische Unternehmen aus dem Silicon Valley beherrschen zwar scheinbar den digitalen Kosmos und die bekanntesten Startups kommen auch aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Scheinbar, denn es schwappen nur Erfolgsmeldungen über den großen Teich, über die Dunkelziffer an Rohrkrepierern und gescheiterten Projekten hören wir dagegen wenig. Spannend wäre: Eine transparente Top- bzw. Flop-Quote von Startups verknüpft mit dem Engagement der Investoren. Diese ergäbe dann eine Art ROI von Startup-Invests. Startups wie Tumblr, Instagram, Pinterest und Twitter sind zwar bekannt wie bunte Hunde aber von einer Cash Cow sind sie meilenweit entfernt.

Beispiel Tumblr: Über eine Milliarde Dollar ließ Yahoo für die Blogplattform springen. Tumblr hatte bei etwa 130 Millionen Nutzern vergangenes Jahr einen Umsatz von kolportiert 13 Millionen Dollar und eine Cash Burn Rate von 25 Millionen Dollar. Letztere soll 2013 auf 40 Millionen Dollar ansteigen. Auch die anderen US-Superstars klotzen eher mit Verlusten als mit Gewinnen.

Klingt das jetzt typisch deutsch, zu negativ oder risikoscheu? Nein, die weltbekannte German Schadenfreude greift nicht in diesem Kontext. Angesichts der folgenden Punkte können wir aber stolz auf das Erreichte sein: Berlin ist auf dem besten Weg, die führende Gründermetropole in Europa zu werden. So das Ergebnis der brandaktuellen Studie "Berlin gründet - Fünf Initiativen für die Start-up-Metropole Europas" von McKinsey & Company. Bis 2020 werden am Spree-Standort über 100.000 neue Arbeitsplätze durch Start-ups entstehen. 133 Millionen Euro investierten deutsche und ausländische Wagniskapitalgeber vergangenes Jahr in die Berliner Gründerszene.

Thomas Port: Berlin ist auf dem besten Weg, die führende Gründermetropole in Europa zu werden. “
Zugegeben: Relative Peanuts im Vergleich zu den Summen, die im Digitalgeschäft in den USA über den Tisch gehen. Aber auch das Land der Dichter und Denker hat die Transformation geschafft und German Engineering gilt global als echtes Gütesiegel. Zahlreiche innovative, digitale Geschäftsmodelle kommen aktuell aus der deutschen Paradedisziplin, dem Automotive-Segment: Apps wie MyTaxi oder Carsharing-Modelle wie Drive Now, Flinkster, Zebramobil, Citeecar etc. stehen den amerikanischen Playern in nichts nach. Und der in der Start-up-Szene viel beachtete Technologieblog TechCrunch aus San Francisco hielt seine Technologiemesse gerade zum ersten Mal in Europa ab genauer: in Berlin.

Auch deutsche Publisher und Telekommunikationsunternehmen engagieren sich für die Stärkung der hiesigen Innovationskraft und nutzen nationale Acceleratoren und Inkubatoren. Es gibt längst unternehmerische Erfolgsmeldungen wie Zalando, den digitalen Shirtdesigner Spreadshirt, die Brillenhändler Mr. Spex und Brille 24 oder Dawanda, einen Online-Marktplatz für self-made Produkte, Kleinserien und Unikate. Die USA sind übrigens für Spreadshirt der am schnellsten wachsende Markt. Mehr Selbstbewusstsein in Good old Germany ist angebracht.

Leicht haben es die nationalen Start-ups allerdings nicht: Staatliche Auflagen, unsinnige Bürokratie und steuerliche Hürden erschweren einen fairen Wettbewerb in unserem Heimatmarkt. Amerikanische Global Player in Deutschland agieren dagegen relativ frei und unbeschwert vor deutschen Regulierungsbehörden.

Aber eines stimmt auch. Ideen und Patente werden in den USA schneller operationalisiert, Scheitern wird immer als Lernerfolg in Kauf genommen. Daran sollten wir uns orientieren nicht an den irrwitzigen Summen, die im Land der unbegrenzten Möglichkeiten täglich durch die Gazetten geistern. Deutscher Erfindergeist mit einem Schuss amerikanischem Spirit und Pragmatismus wäre eine gute Mixtur und zusätzlicher Beschleuniger für den aufstrebenden Start-up-Star Deutschland.

Thomas Port ist Geschäftsführer Digital bei SevenOne Media
Meist gelesen
stats