Roland Pimpl

Roland Pimpl

Studie von „Spiegel“ und BR zur Wohnungssuche Diskriminieren die Medien die Männer beim Thema Diskriminierung?

Montag, 26. Juni 2017
Der „Spiegel“ und der Bayerische Rundfunk haben herausgefunden, dass Menschen mit arabisch klingenden Namen bei der Wohnungssuche diskriminiert werden – so lautet dann auch die Berichterstattung. Die Studie ist, natürlich, verdienstvoll und methodisch sauber. Allein: Sie zeigt, dass noch eine weitere Gruppe benachteiligt wird. Schlagzeilen ist das aber keine wert – ganz im Gegenteil.

Statistiken sind etwas Wunderbares, gerade für Journalisten. Oft kann man vieles herauslesen, manchmal auch das Gegenteil. Man kann (wissentlich oder unwissentlich) Korrelationen und Kausalitäten verwechseln oder relative und absolute Definitionen, gerne praktiziert beim Armutsbegriff. So kommt man schnell zu überschriftentauglichen Scheinschlüssen. Man kann aus einem Datensatz auch nur eine bestimmte Aussage herauspicken – und andere eben nicht. Und man kann für Gleiches unterschiedliche Begriffe wählen, warum auch immer.

Die Studie also von „Spiegel“ und Bayerischem Rundfunk. Sie zeigt, dass vor allem private Großstadt-Wohnungsvermieter vor allem Interessenten mit arabischem Namen signifikant seltener zu Besichtigungsterminen einladen als Bewerber mit klassisch deutsch klingenden Namen. „Diskriminierung“, schreiben daher „Spiegel“, der Bayerische Rundfunk und andere. „Unter den arabischen und türkischen Bewerbern haben es Männer noch schwerer als Frauen“, heißt es zudem. Das ist allerdings noch nicht alles, was in dem umfangreichen Datenschatz steckt.

Denn die Zahlen zeigen auch: Männer (-vornamen) generell werden bei der Wohnungssuche diskriminiert. Sowohl unter den „deutschen“ Testprofilen als auch insgesamt (unabhängig von der vermuteten Nationalität) „erhalten Männer anteilig weniger“ Termine als Frauen, erklären die Autoren auf HORIZONT-Nachfrage. Jedoch würde man hier nicht von „Diskriminierung“ sprechen, sondern etwa von „geringeren Aussichten auf eine positive Rückmeldung“, heißt es. Denn Diskriminierung richte sich per Definition gegen Minderheiten. Ach wirklich? Man stelle sich nur einmal vor, die Daten würden zeigen, dass umgekehrt Frauen bei der Wohnungssuche benachteiligt würden. Wie würden dann wohl die Überschriften lauten?

Weil Männer keine Minderheit darstellen, sollte deren statistisch belegbare Benachteiligung nicht Diskriminierung heißen, sondern nur mit „geringeren Aussichten“ umschrieben werden? Okay, kann man ja so machen. Nur sollten dann statistisch belegbare Benachteiligungen von Frauen (ebenfalls ja keine Minderheit) ebenso nicht „Diskriminierung“ genannt werden.

Doch genau dies tun „Spiegel“ und Bayerischer Rundfunk an anderen Stellen, zum Beispiel beim Erörtern der „Diskriminierung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt“, auch aus wissenschaftlichem Munde, und sogar beim Thema Shoppen. Auch andere Medien bezeichnen (statistisch) schlechtere Chancen für Frauen wie selbstverständlich als Diskriminierung, von „TAZ“ bis „Tagesschau“, von „Süddeutscher Zeitung“ bis „Mitteldeutscher Zeitung“.

Im Sinne der Gleichberechtigung aller Menschen und der Glaubwürdigkeit der Medien sollten letztere beim Umgang mit Statistiken vielleicht ihren Blick etwas weiten für Erkenntnisse jenseits des Erwarteten. Und wenn’s um das wichtige Thema Diskriminierung geht, schadet es nicht, bei der Definition einheitliche Maßstäbe anzuwenden, anstatt weiterhin Narrative zu bemühen, die bestimmten Gruppen absprechen, überhaupt diskriminiert werden zu können. rp

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