Volker Schütz

Volker Schütz

Trump und "Spiegel" Der morbide Populismus des Nachrichtenmagazins

Montag, 06. Februar 2017
Seinen Ruf als politisches Leitmedium hat der „Spiegel“ schon vor Jahren verloren. Nun soll der unberechenbare US-Präsident dem Hamburger Magazin wieder helfen, an alte Glanzzeiten anzuknüpfen. Dabei verliert die US-Freiheitsstatue auf dem Cover ihren Kopf – und die Redaktion die Haltung.

Das ist kein Text über den neuen, unberechenbaren US-Präsidenten Donald Trump und seinen rechtsradikalen Souffleur Stephen Bannon. Und ich bin der gleichen Meinung wie „Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer, der sagt: „Es ist an der Zeit, für das, was Bedeutung hat, einzustehen: Demokratie und Freiheit, den Westen und seine Bündnisse.“ Nur: Diese kämpferische Besonnenheit ist dem aktuellen „Spiegel“-Cover nicht anzumerken. Es zeigt Donald Trump mit einer blutigen Machete in der linken, dem blutenden Kopf der Freiheitsstatue in der rechten Hand. Daneben steht: America first.

Wie weit darf ein Cover zuspitzen und übertreiben?
Wie weit darf ein Cover zuspitzen und übertreiben? (© Spiegel)
Gezeichnet hat das Bild der aus Kuba stammende Künstler Edel Rodriguez. In der „Washington Post“, die das Cover übrigens „bemerkenswert“ findet, sagt Rodriguez, dass der von Trump verhängte, inzwischen von einem Gericht aufgehobene Einreisestopp aus sieben islamischen Ländern eine „Enthauptung der Demokratie, Enthauptung eines heiligen Symbols“ sei.

Rodriguez gestaltet nicht zum ersten Mal für den „Spiegel“ ein Trump-Cover. Das „Spiegel“-Titelbild vom 12. November vergangenes Jahr zeigt Trump als einen riesigen zähnefletschenden Kometen, der auf eine Mini-Erde rast. Daneben steht (die Übersetzung eines Titels der US-Rockband R.E.M.): „Das Ende der Welt (wie wir sie kennen)".

Schon dieses Titelbild ist mir – auf den zweiten Blick – böse aufgestoßen, weil es im Prinzip damit spielt, was angeblich nur eine Domäne von Trump (und europäischen Neurechten) ist: Populismus, Apokalypse, Plakativität statt Diskurs, Erzeugen von Angst statt Aufklärung und vieles mehr.

Auch das aktuelle Cover hyperventiliert in seiner Aussage: Trump als IS-Schlächter darzustellen, ist ziemlich daneben. Klar: Satire darf alles, das hat uns schließlich Kurt Tucholsky beigebracht. Aber darf Satire auch schlecht sein? Und, ganz banal: Hilft es der Auflagenentwicklung, der Steigerung der Relevanz und der notwendigen Auseinandersetzung mit dem US-Präsidenten, wenn man ihn mit Terroristen gleichsetzt?

Der "Spiegel" als journalistischer Nostradamus
Der "Spiegel" als journalistischer Nostradamus (© Spiegel-Cover)
Ich dachte bislang eigentlich, dass eine zentrale Erkenntnis der Trump-Kritiker nach dem Trump-Sieg lautete: „Wir haben es uns zu einfach gemacht, weil wir @realDonaldTrump nur als raffgierigen, sexistischen Heuchler ohne Moral und Verstand verhöhnt haben, aber nicht erkennen wollten, dass und warum sein Populismus auf offene Ohren stößt.“

 Beim „Spiegel“ ist diese Erkenntnis offensichtlich noch nicht angekommen, stattdessen agiert man weiterhin als journalistischer Nostradamus. Und macht das, was man ansonsten immer bei anderen kritisiert: Populismus, und zwar eher die morbide Variante.

Welche Steigerung ist nach dem IS-Vergleich für ein Cover über Donald Trump eigentlich noch möglich? Welches Bild wird Rodriguez und „Spiegel“-Chefredakteur Brinkbäumer einfallen, wenn Trump anfängt, so richtig ernst zu machen, wenn es zu Eskalationen an der US-mexikanischen Grenze kommt? Gibt’s dann auf dem „Spiegel“-Titel einen Atompilz mit einer Trump-Silhouette? Viel ist nicht mehr möglich.  Das einstige „Sturmgeschütz der Demokratie" hat jedenfalls nach zwei Titelstories über die USA offensichtlich schon sein Pulver verschossen. vs

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