Roland Pimpl

Roland Pimpl

Spiegel-Sparprogramm Mitarbeiterbeteiligung im Realitätstest

Mittwoch, 02. Dezember 2015
Am gerade verkündeten Sparprogramm, das den „Spiegel“ jede fünfte Vollzeitstelle kosten dürfte, hat einer seiner drei Gesellschafter ganz besonders zu knabbern: Der Haupteigentümer, die Mitarbeiter KG. Sie hat durchgewinkt, auch in den eigenen Reihen massiv zu kürzen – und damit einen harten Realitätstest bestanden. Doch bald wird sie neu gewählt.

Seit 1974 gehören 50,5 Prozent des Verlags den derzeit rund 300 Print-Redakteuren, 90 Dokumentaren und 340 kaufmännischen Angestellten. Als stille Gesellschafter haben sie ihre Anteile in der Mitarbeiter KG gebündelt und wählen alle drei Jahre fünf KG-Geschäftsführer aus ihren Reihen. Dieses Quintett bestimmt als Hauptgesellschafter über die grundsätzlichen Geschicke des „Spiegel“.

Dass es der KG-Spitze kaum leicht gefallen ist, 150 Stellen ihrer Mitgesellschafter und Kollegen zu streichen, mag ihre Stellungnahme zeigen: „Dies ist die wohl schwerste Entscheidung, die eine Mitarbeiter-KG-Geschäftsführung bislang zu treffen hatte“, teilen die Fünf mit. Das Programm „markiert das Ende einer Zeit, in der wir geglaubt und gehofft haben, einem mehrheitlich den Mitarbeitern gehörenden Unternehmen könnten Maßnahmen wie diese erspart bleiben“. Doch der Medien-Strukturwandel lasse keine Alternative, um den Verlag handlungsfähig zu erhalten und „die Unabhängigkeit des ,Spiegel‘ zu bewahren“. Der Umbauprozess solle nun „so sozialverträglich wie nur irgend möglich gestaltet werden“.

Eine Entscheidung wie diese, wenn Mitarbeiter an sich selber sparen müssen, berührt das Rollenverständnis der Mitarbeiter KG und ihrer Spitze. Als am langfristigen Verlagswohl interessierte stille Gesellschafter sollten sie den Kurs der Verlagsführung – mehr Produkte, weniger Stellen, schlechtere Konditionen – unterstützen. Als kurzfristig orientierte Mitarbeiter, deren persönliche Interessenspanne maximal bis zur eigenen Rente reicht, sollten sie entsprechende Pläne dagegen ablehnen. Die amtierende KG-Spitze hat sich mit der „Agenda 2018“ für die langfristige Gesellschafterperspektive entschieden.

Namentlich sind dies: Rainer Buss (Controller), Gunther Latsch (Redakteur Deutschland-Ressort), Thomas Riedel (Dokumentar) als Sprecher der Gruppe, Johannes Varvakis (Verkaufsleiter bei der Vermarktungssparte Spiegel QC) und Marianne Wellershoff (Kulturredakteurin). Sie müssen es nun aushalten, beim Mittagsessen in der Kantine, im Fahrstuhl oder im Büro nebenan von Kollegen angesprochen zu werden, deren Stellen auf dem Spiel stehen. Man möchte nicht mit ihnen tauschen, mit keiner Seite.

Doch bereits ab Februar 2016 steht turnusmäßig die Neuwahl der fünf KG-Chefs an, schon bald beginnt das interne Trommeln. Was passiert, wenn sich vom Stellenabbau direkt – der mit dem Betriebsrat vereinbarte Kündigungsverzicht bis Ende Mai 2016 lässt dies zu – oder auch nur indirekt Betroffene zur Wahl stellen? Und gewählt werden? Wenn die Mehrzahl der 730 stillen Gesellschafter dann ein Gremium zusammenstellt, das sich eher als zweiter Betriebsrat positioniert denn als Kapitaleigner? Und das Spar-Rad zurückdrehen will? Dann könnte es „Spiegel“-Geschäftsführer Thomas Hass ab Frühjahr mit einem neu formierten Hauptgesellschafter zu tun haben, der seine Pläne empfindlich stören, wenn nicht gar stoppen könnte.

Hass könnte daher jetzt versucht sein, bei seinen Stellenstreichungsplänen eher machtpolitisch als betriebswirtschaftlich vorzugehen, also wahlberechtigte „KG-isten“ und Abteilungen mit größerem Wählerpotenzial zu schonen. Dies weist er beim Pressegespräch weit von sich: „Wir lassen uns bei unseren Überlegungen in keiner Weise davon leiten, ob jemand stiller Gesellschafter ist oder nicht.“

Und wer weiß, vielleicht haben versierte „Spiegel“-Leute wie Hass (er war zuvor selber in der KG-Führung, zuletzt auch deren Sprecher) ja längst die Erfahrungen gemacht, dass sich mit dem Einzug ins Gremium so manche kämpferische Wahlkampfparole abschwächt, nach der vollen Einsicht in alle Zahlen und der Übernahme von Gesellschafterverantwortung. Selbst wenn die stillen Gesellschafter eine Contra-KG wählen würden – was ja keineswegs gesagt ist! –, könnte Hass das neue Gremium deshalb möglichweise halbwegs gelassen begrüßen. rp

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