Tim Theobald

Tim Theobald

Schulz und Böhmermann Warum Spotify mit dem Exklusiv-Deal ein echter Coup gelungen ist

Dienstag, 26. April 2016
Die Meldung erhitzt seit gestern Abend die Gemüter in den sozialen Netzwerken: Jan Böhmermann und Olli Schulz kehren dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk den Rücken und wechseln exklusiv zu dem schwedischen Musikstreamingdienst Spotify. Bei all den Diskussionen um die Beweggründe der "Sanft & Sorgfältig"-Macher drängt sich aber auch eine andere Frage auf: Was bedeutet der Deal eigentlich für Spotify?

Während immer noch viele Twitter-Nutzer in Rage sind und den so beliebten Moderatoren Jan Böhmermann und Olli Schulz vorwerfen, in erster Linie auf ein deutlich höheres Honorar aus zu sein, dürften sie sich bei Spotify die Hände reiben. Zwar sind noch keine Details über das neue Podcast-Format bekannt. Aber es dürfte als gesichert gelten, dass die beiden ihr seit drei Jahren laufendes Format "Sanft & Sorgfältig", das sich zuletzt auf mehreren öffentlich-rechtlichen Wellen und als Podcast im Internet einer immer größeren Zuhörerschaft erfreute, fortsetzen - und dem Musikstreamingdienst so einen Abonnentenzuwachs bescheren. Mit der Verpflichtung von Schulz und Böhmermann sendet Spotify in Deutschland ein klares Zeichen an die Konkurrenten Apple, Deezer und Co - getreu dem Motto: Seht her, der weltweite Marktführer schläft nicht und ruht sich nicht auf seinen Lorbeeren aus. Im Gegenteil: Das schwedische Unternehmen zeigt der Konkurrenz, worauf es im modernen Kampf um die Gunst der Nutzer ankommt - auf Individualität durch exklusive Inhalte.

Denn der noch junge Streamingmarkt ist durch die Fülle an Anbietern, die alle auf eine vergleichbare Preisstruktur setzen (ca. 10 Euro im werbefreien Abo), eine ähnliche Anzahl an verfügbaren Titeln anbieten (20-40 Millionen Songs) und meist ein kostenloses, werbefinanziertes "Freemium"-Modell zusätzlich anbieten, hart umkämpft. Für die einzelnen Plattformen geht es immer mehr darum, sich mit Streaming-Only-Deals von den Wettbewerbern abzusetzen. Vorreiter in diesem Bereich ist sicher Tidal, der Dienst von Hip-Hop-Star Jay Z, bei dem schon Superstars wie Kanye West und jüngst Beyoncé ihre Alben - zumindest für einen gewissen Zeitraum - exklusiv veröffentlichten. Das Beispiel zeigt: Künftig wird es immer weniger um den physischen Release eines mit Spannung erwarteten Pop-Albums gehen, sondern darum, bei welchem Streaminganbieter es zuerst erscheint.
Olli Schulz Jan Böhmermann
Bild: ZDF/Philippe Fromage

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Sanft & Sorgfältig Schulz und Böhmermann wechseln zu Spotify

Zugegeben, der Vergleich passt natürlich nicht wirklich zu dem nur für den deutschsprachigen Raum interessanten Spotify-Deal mit Schulz und Böhmermann. Aber er deutet an, mit welchen harten Bandagen die einzelnen Dienste schon heute und in der nahen Zukunft verstärkt um ihre Hörer kämpfen werden. Denn für Spotify kam es nach HORIZONT-Informationen nicht in Frage, eine Kooperation mit Radio Eins einzugehen, wo "Sanft & Sorgfältig" bis zuletzt lief. Eine zeitversetzte Ausstrahlung im Radio kam für die Schweden nicht in Frage. Das spricht Bände.

Ein Glücksfall für Spotify ist ganz sicher das sensationelle Timing bei der Verpflichtung von Schulz und Böhmermann. Denn dass der Deal kurz nach dem Getöse um die "Böhmermann-Affäre" publik wurde, ist für Spotify ein echter Coup. Schließlich war der Satiriker bis vor kurzem nur einem Liebhaber-Publikum aus der Millennials-Generation bekannt. Jetzt drängt der 35-Jährige, ob gewollt oder nicht, in die Masse. Aber: Schon vor den großen Diskussionen um das Erdogan-Schmähgedicht war Böhmermann drauf und dran, ein größeres Publikum für sich zu gewinnen und sorgte mit seinen regelmäßigen Viral-Videos auf Facebook und Twitter für Millionen von Klicks.

Nachdem Spotify seit einigen Monaten zusätzlich zum Musik-Kerngeschäft bereits mit Videocontent experimentiert und dazu Partnerschaften mit Comedy Central, BBC und Vice Media geschlossen hat, ist die Verpflichtung der beiden "Everybody's Darlings" ein Schritt, der für das Unternehmen aufgrund deren großen Fanbasis kaum schief gehen kann. Er wird der Marke Spotify neben dem Nutzerzuwachs hierzulande auch einen Sympathie-Vorsprung bescheren. Und der ist in den Zeiten des harten Abgrenzungskampes im Streamingmarkt Gold wert. Die Love-Brand Netflix lässt grüßen. tt
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