Tim Theobald

Tim Theobald

"Schulz & Böhmermann" im HORIZONT-Check Herrlicher Narzissmus mit Luft nach oben

Montag, 11. Januar 2016
Kaum ein Spartenformat wies schon vor seinem Start eine so große Fangemeinde auf wie "Schulz und Böhmermann" - schließlich sind die beiden Moderatoren Jan Böhmermann und der eigentliche Liedermacher Olli Schulz seit ihrer gemeinsamen Radioshow "Sanft & Sorgfältig" so etwas wie die Lieblinge der Millennials. Die erste gemeinsame Talksendung bei ZDF Neo ist den beiden vor allem dank zweier Gäste und trotz ein paar Anlaufschwierigkeiten gelungen. Aber freilich ist noch Luft nach oben.

Vorzeichen

Die Erwartungen an "Schulz & Böhmermann", das vier Wochen lang Sonntags um 22:45 Uhr auf ZDF Neo und in der ZDF-Mediathek zu sehen ist, waren schon vor der ersten Ausstrahlung hoch. Schließlich war der Vorgänger des Formats, "Roche und Böhmermann", das 2012 nach einem Jahr wegen "Uneinigkeit zwischen den Beteiligten" eingestellt wurde, aufgrund seines konsequent durchgezogenen Anarcho- und Retro-Konzepts ein echter Liebling von Fans und Feuilleton. Kein Wunder, dass die Verantwortlichen auch bei der Neuauflage auf diese Eckpfeiler setzen. Es darf geraucht und Whisky getrunken werden und auch das Setting der Show folgt wieder einer historisch-stylischen TV-Ästhetik: Die Beleuchtung ist sparsam - wenn auch leider nicht ganz so gedämpft wie bei "Roche & Böhmermann" - , statt Ansteckmikrofonen werden feste Mikrofone auf dem Tisch verwendet und auch die Namensschilder für Moderatoren und Gäste bleiben bestehen. Dennoch wirkt die Neuauflage nicht ganz so aus der Zeit gefallen wie ihr Vorgänger. Ein bisschen Unterschied muss eben doch sein. Zudem haben die Gäste bei "Schulz & Böhmermann" die Möglichkeit, über das Einsetzen einer Spielkarte eine Minute Sprechzeit herausschneiden zu lassen, wenn sie zum Beispiel eine Aussage oder ein Wortgefecht verwerfen wollen. Genauso können sie über eine weitere Karte eine Minute einfordern, die nur für das Studiopublikum bestimmt ist. Eine Neuerung, die in der ersten Folge gnadenlos floppte: Den Gästen schien die Option trotz mehrerer Erklärversuche unklar, dazu irritierte die Möglichkeit, den Einsatz der einen Karte mit dem der anderen auszugleichen, so dass nichts passierte. Da dieser Fauxpas auch den Moderatoren auffiel, scheint es gut möglich, dass diese Regelung schon in der zweiten Folge ad acta gelegt wird.

Schulz vs. Roche

Ein Hauptaugenmerk der Zuschauer lag natürlich auf der Frage: Wie schlägt sich der sympathische Liedermacher in seiner ersten Rolle als TV-Moderator - gerade im Vergleich zu Autorin Charlotte Roche, die als Gegenpol zu dem vorlauten Irrwisch und intelligenten Assoziationswunder Jan Böhmermann beruhigend auf den Sendungsverlauf einwirkte. Mit Schulz, den eine private Freundschaft zu Böhmermann verbindet, ist nun vieles anders: In der ersten Folge hatte der Musiker zu Beginn überraschende Anpassungsschwierigkeiten, präsentierte sich bisweilen allzu forsch und hatte gegenüber den Gästen zu viel Redezeit. Auch seine Zuneigung zu Rapper Kollegah und die Kenntnis über dessen "sechs beste Punchlines" wurde vielleicht ein wenig zu sehr in den Mittelpunkt gerückt.

Immerhin: Seine erste Zigarette nach ein paar Minuten wirkte, der aufgekratzte Schulz fuhr etwas herunter und passte sich besser dem Tempo der Sendung an. Die Anlaufschwierigkeiten seien dem Debütanten gestattet, von dem aufgrund seiner brachialen, aber durchaus charmanten Wortgewandtheit dennoch einiges erwartet werden darf.

Gäste

In der ersten Folge hatten "Schulz & Böhmermann" drei Männer und eine Frau zu Gast: Zu Wettermoderator Jörg Kachelmann, dem einstigen Hochstapler Gert Postel und Rapper Kollegah gesellte sich Drehbuchautorin Anika Decker ("Keinohrhasen", "Traumfrauen"). Letztere ging unter ihren männlichen Mitstreitern leider völlig unter, ein kurzer thematischer Ausflug zur Zusammenarbeit mit Til Schweiger versandete - weil Decker (natürlich) kein negatives Wort über den draufgängerischen Schauspieler und Regisseur verlieren wollte, der seit geraumer Zeit immer wieder mit Verbalattacken auf Facebook auffällt. Der von Vergewaltigungsvorwürfen freigesprochene und laut eigener Aussage verschuldete Kachelmann nutzte die Sendung vor allem für Eigenwerbung und machte einmal zu viel auf sein eigenes Wetterportal aufmerksam. Ansonsten präsentierte sich der 57-Jährige überraschend aufgeräumt und gut gelaunt und verneinte die immer wieder aufkeimende Vermutung, seine Klage gegen "Bild" sei ein reiner Rachefeldzug beharrlich.
Es darf wieder geraucht und getrunken werden auf ZDF Neo: Olli Schulz und Jan Böhmermann bei der Premiere ihrer etwas anderen Talksendung
Es darf wieder geraucht und getrunken werden auf ZDF Neo: Olli Schulz und Jan Böhmermann bei der Premiere ihrer etwas anderen Talksendung (Bild: ZDF)
Die Stars der ersten Sendung waren eindeutig Kollegah und Gert Postel. Der Rapper, der gerne von sich selbst in der dritten Person als "Boss" spricht, überzeugte mit klaren Antworten, eigenen klugen Einwürfen und war mit seiner stoischen Präsenz ein echter Gewinner. Zudem gereichte es ihm zum Vorteil, dass Olli Schulz als bekennender Kollegah-Fan seinem Gast beinahe die ersten 15 Minuten der Sendezeit widmete. Höhepunkt war dabei die Antwort auf die Frage nach Kollegahs Knasterfahrung, die ein Gangster-Rapper aus Credibility-Gründen ja eigentlich mitbringen müsse: "Viele meiner Kollegen sitzen im Knast. Und die habe ich natürlich besucht."

Bei so viel eigener Schlagfertigkeit konnte dem 31-jährigen einstigen Jurastudenten auch ein technischer Lapsus der Regie nichts anhaben: Bei der obligatorischen Vorstellung des Gastes aus dem Off (gesprochen von Autorin Sibylle Berg) wurde zunächst der Text zu Kachelmann abgespielt, ein zweiter Versuch brach ab. Die Talkrunde lächelte den Vorfall gut gelaunt weg, schließlich passte das Ganze auch gut zum Anarcho-Faktor des Formats.

Zweiter Zuschauerliebling war der Hochstapler Gert Postel, der zwei Jahre lang als leitender Oberarzt in einer psychiatrischen Klinik fungierte - und das, ohne eine entsprechende Ausbildung zu besitzen. Auch wenn Postel die Fragen nach seiner Gefängnisstrafe als "naiv" empfand und seinen außergewöhnlichen Fall nicht auf zweieinhalb Jahre hinter Gittern reduziert sehen wollte, so führte der Umkehrschluss doch zu den Höhepunkten der Sendung. Denn mit seiner nervösen, narzisstischen und den ganzen Tisch einnehmenden Präsenz war er der komischste und zugleich wahnsinnigste unter den Gästen. Die Glanzlichter Postels im O-Ton: "Die Implikation Ihrer Frage ist absurd" und "Jede dressierte Ziege kann Psychiater werden". Großartig.

Der beste Moment

Der witzigste Moment der ersten Folge "Schulz & Böhmermann", die nach gut einer halben Stunde Fahrt aufnahm, war Jan Böhmermann selbst vorbehalten. Kollegah erwies sich gerade mal wieder selbst als gut aufgelegter Fragesteller zum juristischen Vorgehen von Jörg Kachelmann gegen Axel Springer, als Gert Postel intervenierte und kommentierte, er erlebe den ehemaligen ARD-Wettermann überhaupt nicht als verbittert. Böhmermann schritt umgehend ein und bewies seine rasche Auffassungsgabe und Talent für die simple Pointe im richtigen Moment: "Herr Postel, Sie sind kein Psychiater."

TV-Quoten

Insgesamt verfolgten rund 400.000 Zuschauer die erste Folge von "Schulz & Böhmermann" bei ZDF Neo, was einem Marktanteil von 2 Prozent entspricht. Damit kam die Show auf doppelt so viele Zuseher, wie sie Böhmermanns "Neo Magazin Royale" Donnerstags für gewöhnlich zur gleichen Sendezeit aufweist. Noch besser kam die Sendung bei den 14- bis 49-Jährigen an, wo die Sendung 3,6 Prozent Marktanteil erreichte. Auf die junge Zielgruppe entfallen allein 300.000 Zuschauer.

Fazit

Auch wenn "Schulz & Böhmermann" zum Start noch nicht alles glückte und sicherlich noch "Luft nach oben" (Böhmermann) ist, wie die Moderatoren am Ende der Sendung selbstkritisch einräumten: Die erste Folge des neuen Talkformats wurde den eigenen Ansprüchen zu weiten Teilen gerecht. "Eine unkonventionelle Talkshow für alle, die keine klassischen Talkshows mögen" - das will die Show laut eigener Aussage sein. Unkonventionell war sie deshalb, weil vor allem die männlichen Alphatiere Gert Postel, Kollegah und Olli Schulz beständig auffielen, sei es durch körperliche Präsenz, gewitzte Kommentare, vorlaute Fragen oder herrlichen Narzissmus, der so schon lange nicht mehr im deutschen TV zu sehen war.

Trotz der Anlaufschwierigkeiten schafften es die Moderatoren mit der Zeit, zumindest zwei ihrer vier ungewöhnlichen Gäste (Postel und Kollegah) so vorzustellen, wie es das Vorhaben der Sendung ist: Ungeschönt, authentisch und abseits von vorgefertigten Fließbandfragen wie in gängigen Talkformaten. Situationskomik und geballter Wortwitz kommt dann von ganz allein. Einziger Wermutstropfen: Unter all den Männern ging Quotenfrau Anika Decker beinahe total unter. Dabei hätte sie sicher einiges zu erzählen gehabt. Aber noch haben Olli Schulz und Jan Böhmermann ja drei weitere Folgen, um sich und die Gäste besser aufeinander einzuspielen. Man darf sich darauf freuen. tt
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