Roland Pimpl

Roland Pimpl

Regulierung von Google, Facebook und Co Verlage, vertraut Verträgen statt Verboten!

Montag, 06. Oktober 2014
Dann kann ja nichts mehr schiefgehen: Kulturstaatsministerin Monika Grütters unterstützt die deutschen Verlagshäuser im Kampf gegen den Werberiesen Google, der gerade mal wieder zeigt, dass er sich zu nichts zwingen lassen will. Dies verkünden froh deren Verbände. Doch Kollegen, dieser Kampf ist doch fast schon von gestern. Vorausschauendes Regulierungsmanagement hieße, schon jetzt mal Facebook, Twitter, Pinterest und weitere soziale Netzwerke ins Visier zu nehmen. Nein, Spaß beiseite. Und stattdessen ein Plädoyer für mehr Marktorientierung der Medienmacher.

Der Kampf gegen Google tobt seit Jahren. 2013 schließlich haben sich die Verlage mit dem Leistungsschutzrecht (LSR), das die Urheberrechte der Autoren ergänzt, die Hoheit über ihre Werke gesichert – eine Selbstverständlichkeit in einer Marktwirtschaft, gegen die nur die Freibeuter der Netzgemeinde stänkern, die nicht verstehen (wollen), wie produzierende Märkte funktionieren: Mit Eigentumsrechten nämlich. Jeder Verlag kann damit selbst entscheiden, wie er sein LSR wahrnimmt. Ob er seine Inhalte also verschenkt oder versucht zu verkaufen. Doch Verkaufen wird bei austauschbaren Inhalten nur schwer möglich sein. Aber nicht, weil Google so böse wäre, sondern wegen des Überangebots. Wettbewerb. Markt.

Google Schriftzug
© Foto: Google

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Doch leider verließ auch die Verlage das Verständnis von Märkten just in dem Moment, als das LSR installiert war. Und als Google reagierte, wie jedes Unternehmen reagiert, das (neue) Geschäftsbedingungen nicht attraktiv findet: Es lässt sich nicht darauf ein. Konkret: Bei seiner Mediensuche Google News listet man nur noch Inhalte von Sites, die Googles Bedingungen zugestimmt haben. Und wenn nicht? Dann werden diese Quellen eben ignoriert oder nur noch stark verkürzt angezeigt. Ein Vertrag (nach Wünschen der Verlage) kommt nicht zustande, wie in jeder Sekunde tausendfach im Geschäftsleben – na und?

Gerne würde Google wohl auch bei der normalen Suche so rigoros verfahren. Doch hier schwingen die Verlage, zunehmend unterstützt von Politik und Wettbewerbsbehörden, die Kartellkeule. Mit dem Hinweis auf Googles unbestrittene Macht im Search-Segment (zwar gibt es weitere Suchmaschinen, die User wollen sie aber partout kaum nutzen) suggerieren sie, der Konzern beherrsche alle Zugänge zu ihren Inhalten und müsse daher gezwungen werden, alles zu listen – zu ihren Bedingungen. Und damit hier alle gleichzeitig ganz oben stehen, soll Google sein Wertvollstes hergeben: seine Algorithmen. Zwang und Enteignung statt Vertrag und Markt.

Google Lampen
© Foto: Google

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Bei alledem unterschlagen Verlagslobbyisten, Politik und Kartellwächter, dass es noch viele andere Wege gibt, Mediensites anzusurfen, nicht nur über andere Suchmaschinen. Und zwar direkt, als Bookmark gespeichert oder eben über Facebook, Twitter und Co. Keine Site muss ihre Inhalte bei Google listen, um zu existieren. Sicher, es geht leichter mit Zusatztraffic via Google, gerade für schwache Medienmarken. Mehr aber auch nicht. Dass Verlage daraus – weil es bequemer ist – Regulierungsansprüche ableiten, ist gleichsam absurd wie jämmerlich.

Zumal die Bedeutung von Google für die digitale Distribution von Medieninhalten stagniert, wenn nicht gar schwindet. Wer mit den Praktikern – und nicht nur mit den Lobbyisten – der Verlage redet, der hört immer öfter: Der Google-Traffic ist ausgereizt, eine Verbesserung der Position via Google kaum mehr möglich, weil alle Publisher längst das gleiche SEO-Handwerkszeug anwenden. Und: Facebook ist das neue Google! Und klar, auch Twitter kommt gewaltig.

Was passiert da also gerade? Ebenso, wie sie seit jeher Google mit ihren Inhalten anfüttern, füttern die Verlage jetzt zusätzlich Facebook, Twitter und Co an. Dies ist auch sinnvoll – solange sie damit tatsächlich die Reichweiten ihrer Sites als Schaufenster erhöhen, um hoffentlich viel davon nicht nur in Werbeerlöse, sondern auch in Paid Content umzumünzen. Außerdem relativieren sie damit ganz nebenbei die Bedeutung und Marktmacht von Google.

Genau das ist der Punkt: Die Verlage müssen den frischen Wind der Marktrealität in ihre Lobbybüros wehen lassen. Oder wollen sie mit deren steigender Bedeutung etwa auch Facebook (böse marktbeherrschend bei Netzwerken!), Twitter (böse marktbeherrschend bei Kurznachrichten!) und irgendwann vielleicht auch Pinterest, Tumblr, Delicious, Digg und Reddit – und was da sonst noch kommen mag – mit Regulierungsrufen begegnen?

Denn trotz bunter Logos und lustiger Namen: Diese Netzwerke sind, ebenso wie die Verlage auch, natürlich gewinnorientierte Unternehmen, die ihre Algorithmen permanent (Facebook) oder schon mal testweise (Twitter) zur eigenen Profitmaximierung einsetzen, warum auch nicht. Und die mit der Werbevermarktung längst begonnen haben wie Facebook – bald auch mit Display-Netzwerk –, gerade beginnen (Twitter, Pinterest) oder irgendwann beginnen werden. Aber man kann und sollte Geschäfte machen mit ihnen.

Die Zahl der Sozialen Netzwerke, die den Verlagen bei der digitalen Distribution ihrer Inhalte nützlich sein können, die aber zugleich mit am Werbekuchen knabbern – sie steigt. Google war der erste Freund-Feind („Frenemy“), Facebook und Twitter sind die nächsten, weitere werden folgen. Für Verlage ist das auch eine gute Nachricht, denn mit jeder neuen Plattform sinkt die Marktmacht der einzelnen Frenemies. Zugunsten des Wertes von Verlagsinhalten. Spätestens dann wird auch das LSR seinen Sinn entfalten.

Umso weniger zeitgemäß, verständlich und selbstbewusst wirken da die Google-Regulierungsrufe in Richtung Politik und Wettbewerbsbehörden. Selbst wenn jetzt auch Monika Grütters das Thema entdeckt hat. rp

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