Roland Pimpl

Roland Pimpl

Wirtschaftswoche Drei Wünsche an die künftige Chefin Miriam Meckel

Freitag, 09. Mai 2014
Das war ja mal ein mittlerer Kanonenschlag gestern in der Kasernenstraße in Düsseldorf: Der Verleger Dieter von Holtzbrinck ersetzt "Wirtschaftswoche"-Chefredakteur Roland Tichy ab Oktober durch die Medienwissenschafterin Miriam Meckel. Die Überraschung darüber und die Jubelarien auf die Neue übertönen ein wenig die Frage nach dem "Warum" sowie danach, was Meckel an der "WiWo" ändern sollte - und was bitte nicht.

Schon im vergangenen Jahr eruierte dem Vernehmen nach Gabor Steingart, Geschäftsführer und Kleingesellschafter von Holtzbrincks Verlagsgruppe Handelsblatt, in der die "WiWo" erscheint, die Ablösung Tichys. So sprach Steingart offenbar auch mit Arno Balzer, nachdem dieser das "Manager Magazin" verlassen hatte. Vielleicht, weil diese und andere Nachfolgelösungen nicht aufgegangen sind; vielleicht, weil Tichy die hohe Wertschätzung von Holtzbrincks genießt, vielleicht aus beiden Gründen: Tichy hielt sich weiter - eben nun bis Oktober. Und auch danach scheidet er nach der Restlaufzeit seines Vertrages nicht aus, sondern erhält, wie manche im Verlag wissen wollen, seinen neuen Geschäftsführer-Vertrag direkt in Holtzbrincks Holding.

Aber warum muss er bei der "WiWo" gehen? Im Verlag erzählt man sich, Steingart wolle die "WiWo" etwas feingeistiger (und weniger konkret?), intellektueller (und weniger ökonomisch fundiert und detailliert?), etwas empathischer (mit weniger Haltung und Klartext-Kritik?), globaler kreisend (statt Auswirkungen auf Deutschland einkreisend?), etwas mehr wie der "Economist". Außerdem werfen Tichy manche im Haus, im Markt und wohl auch in der Politik, in der Hochfinanz und in den Großkonzernen eine Europa-kritische Haltung vor, was aber ziemlicher Unsinn ist, denn Tichy schreibt oft kritisch gegen die bestehende Politik und Konstruktion der Währung Euro (aber eben nicht gegen die Idee Europa), und er begründet dies stets ökonomisch. Genau hier setzen drei Wünsche an seine designierte Nachfolgerin an.

1. Wunsch: Die "WiWo" muss Haltung bewahren

Die "Wirtschaftswoche" unter Roland Tichy ist das einzige größere Publikumsmedium, das eine klare wirtschaftspolitische Haltung einnimmt. Und zwar: klassisch liberal statt liberallala. Während sich etwa das hauseigene "Handelsblatt" hier im Dienste des täglichen Titelthementrommelns eher geschmeidig zeigt, das "Manager Magazin" (und künftig wohl auch "Bilanz") sich über den Lupenblick auf die Vorstandsetagen profiliert, "Capital" mit schrägen Seitenblicken auf die Wirtschaft unterhält und "Brand Eins" hübsches Wirtschaftsfeuilleton vorführt, verliert Tichys "WiWo" nicht den Blick fürs (volks-) wirtschaftlich große Ganze.

Tichy, seit 2007 dort am Ruder, und seine rund 100-köpfige Redaktion fahren ihren Kurs, freilich nicht ohne immer wieder zu erklären, warum am Ende alle etwas von mehr Freiheit hätten - und eben nicht nur "die Wirtschaft". Und viel früher als in allen anderen größeren Medien waren vor sehr vielen Jahren in der "Wiwo" erklärende Warnungen vor etwas zu lesen, was mittlerweile gemeinhin als Finanzkrise bekannt ist. Dies mag auch daran liegen, dass der theoretische Horizont der "Wiwo"-Redaktion nicht nur von Keynes bis Friedman reicht, sondern weiter über Hayek bis hin zu Mises, der ja am besten erklärt, was seit Jahren passiert und weiter passieren wird.

Die aktuelle Ausgabe der "Wirtschaftswoche"
Die aktuelle Ausgabe der "Wirtschaftswoche"
Und so kämmt die "WiWo" immer wieder gängige und kaum hinterfragte "Gewissheiten" der Publikums- und Wirtschaftsmedien gegen den Strich. In der aktuellen Ausgabe etwa in der Titelgeschichte über das neue vermeintliche Schreckgespenst "Deflation - Der neue Trick der Euro-Politik". O-Ton Tichy: Weder gebe es ein allgemeines Sinken des Preisniveaus, "noch wäre es ein betrüblicher Zustand, wenn die Kaufkraft des Geldes mal steigen würde statt immer nur zu sinken". Hinter dem Deflations-Gerede stecke "der schlichte Wunsch nach dem Gegenteil": Die Politik wünsche Konjunkturprogramme, Gelddrucken und Inflation, um leichter weiter Schulden machen und diese schleichend entwerten zu können.

Nun, man muss das und anderes ja nicht so sehen wie Tichy und seine "WiWo" - aber man kann sich dann gut daran reiben. Und keine anderen größeren Publikumstitel äußern aus dieser Richtung eine solch klare Haltung und Kritik am Status quo, oder sie tun es nur wie verschämt über exotisch anmutende Gastbeiträge wie gerade in der "Welt" und in der "Zeit". Damit verfügt die "WiWo" über ein Alleinstellungsmerkmal, das Meckel nicht leichtfertig aufgeben sollte. Und es bleibt zu hoffen, dass sie ihren Vorgänger weiter im Blatt schreiben lässt, etwa eine regelmäßige Kolumne. Dies kann die Tichy-Fans unter den Lesern (allein bei Twitter hat er immerhin knapp 19.000 Follower) besser beim Blatt halten.

2. Wunsch: Die "WiWo" muss selbstbewusster und smarter werden

Neben den profilierten und pointierten wirtschaftspolitischen und volkswirtschaftlichen Inhalten droht der Teil "Unternehmen & Märkte" bisweilen in Vergessenheit zu geraten. Dabei verstecken sich hier oft News, aus denen andere Titel zig Vorabmeldungen drechseln würden. Und ein eigener Korrespondent berichtet seit jeher aus dem Silicon Valley, lange bevor Axel Springer dort öffentlichkeitswirksam seine WG gegründet hat.

Pimpls Position

In der Online-Kolumne "Pimpls Position" kommentiert Roland Pimpl, Hamburg-Korrespondent von HORIZONT, in loser Folge Themen und Thesen der Medienwelt.

Mehr Selbstbewusstsein bezüglich der eigenen Inhalte und ihrer medialen Vermarktung kann der "WiWo" nicht schaden. Hier macht die mediengewandte Meckel sicherlich die bessere Figur für Steingart, der es selber wie kein zweiter versteht, Inhalte und Hefte aufmerksamkeitsstark zu inszenieren. Tichy vertraut wohl allein auf starke Texte, Thesen und Fakten - aber das reicht heute ja nicht mehr. Und für eine smarte Präsenz bei Werbekunden ist Meckel wohl auch die bessere Wahl als Tichy, den manche als sympathisch-kauzig, wenn nicht gar als sperrig empfinden.

3. Wunsch: Die "WiWo" muss sich aufhübschen

Die "Wirtschaftswoche" schminkt sich nicht. Oder anders: Etliche Texte könnten mehr Stil, gefälligere Schreibe und auch etwas mehr Humor vertragen. Viele Layouts mehr Liebe, Luftigkeit und Großzügigkeit. Das Blatt insgesamt mehr Lesespaß. Auch wer keine originäre Freude hat an Tichys Thesen und an der Haltung seines Blattes, möchte doch das Heft vergnügt lesen - und nicht durcharbeiten. rp

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