Roman Hilmer, Fork Unstable Media

Roman Hilmer, Fork Unstable Media

Phänomen Kartoffelsalat Sind die Youtuber die TV-Entertainer von morgen?

Freitag, 24. Juli 2015
Seit gestern läuft in den deutschen Kinos der erste sogenannte YouTuber-Film „Kartoffelsalat. Nicht fragen.“ Sicher ist bereits heute, dass die Low-Budget-Produktion Teenager massenweise vor die Leinwand locken wird. Aber ist Freshtorges Film auch schon der Beweis für den Durchbruch der YouTube Stars? Raus aus dem Netz – rauf auf die großen Entertainment Bühnen? Roman Hilmer, Geschäftsführer bei Fork Unstable Media, hat da so seine Zweifel, wie er in seinem Gastbeitrag auf HORIZONT Online schreibt. 

Zugegeben, die Zahlen sprechen für sich: 17 Millionen Zuschauer vereinen die Protagonisten des Films „Kartoffelsalat“ im Alltag. Zahlen, die im klassischen TV höchstens noch bei Fußballweltmeisterschaften erreicht werden. Und mit ihren Einzelreichweiten – von rund zwei Millionen – stecken die YouTuber junge TV-Formate wie "Circus HalliGalli" oder das "Neo Magazin Royal" locker in die Tasche.

Zahlen, die eigentlich für sich sprechen. Sind Freshtorge, Bibi und Daggi Bee also die Stars von morgen? Traut man Gerüchten, so wecken die Netzgiganten auch die Fantasien der klassischen Programmacher. LeFloid beispielsweise wird bereits als Nachfolger von Stefan Raab gehandelt. Und wer wie Freshtorge die Kids zu Hauf in die Kinos lockt, könnte doch vielleicht auch "Wetten, dass...?" wiederbeleben? Klingt einfach, ist es aber nicht. Zwar sollten diejenigen, bei denen Namen wie Freshtorge, Bibi und LeFloid noch immer Fragezeichen hervorrufen, dringend ihre Hausaufgaben machen. Schließlich sollte jeder wissen, wo sich die unter 18-Jährigen heute ihre Meinung bilden. Oder anders gesagt: Wer sich heute noch um 20.15 Uhr vor den Fernseher setzt, um am Puls der Zeit zu sein, der muss aufpassen, nicht bald im Deutschen Museum in München ausgestellt zu werden. Zumindest muss er keinen Schreck bekommen, wenn die Youngster Leuten zujubeln, von denen man im guten alten PrimeTime TV noch nie was gehört hat.
Die YouTuber aber, trotz aktuellem Kinohype, zur Zukunft der Unterhaltungsindustrie zu erklären, ist falsch. YouTube ist nicht Sprungbrett, sondern Plattform für Karrieren. Und zwar hier und heute. Und umgekehrt: wenn LeFloid und Co. in Formate wie "Wetten, dass...?" oder "Schlag den Raab" verpflanzt werden, dann werden sie grandios scheitern. Schon das Merkel-Interview von LeFloid hat gezeigt, wie sehr die YouTuber auf ihre eigenen Formate angewiesen sind. 30 Minuten mit Angela Merkel waren viel zu lang.

Besonders für ein Publikum, das immer mehr sogenannte Häppchen-Formate gewohnt ist. Zwölf Minuten am Stück sind in der YouTube-Community schon eine Ewigkeit. Danach wartet das Smartphone und die nächste App. Selbst Joko und Klaas oder Jan Böhmermann sind nur erfolgreich, weil sie netzkompatibel denken und produzieren. Die Shows gleichen einem Teppich aus Netzclips. Wenngleich diese Formate auch noch linear über 30 oder 60 Minuten funktionieren. Häufig jedoch mit deutlich weniger Zuschauern als sie mit vereinzelten Clips im Netz erreichen. Großes Vorbild ist hier übrigens Jimmy Fallon aus den USA. Er hat alte Genre der LateNight Show perfekt in die digitale Welt transformiert, weiterhin getragen von der linearen Show, quasi als Mutterschiff des Contents. 

Was wird nun aber aus den YouTubern, wenn der Kartoffelsalat gegessen ist?

Ähnlich wie einst bei den Viva und MTV-Moderatoren wird es den einen oder anderen geben, der den Schritt aus dem Netz in die größere Unterhaltungsmanege macht. Für viele wird sich aber zeigen, dass außerhalb der Netzheimat vieles von ihren aktuellen Erfolgsfaktoren verloren geht. Ähnlich ging es aus meiner Sicht der Ehrensenf Moderatorin Katrin Bauerfeind. Im Netz habe ich sie geliebt, später im TV gab es nie ein Format, bei dem sie ihr Tempo und ihre Authentizität voll ausspielen konnte. 

 

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