Ingo Rentz

Ingo Rentz

Olympia bei Eurosport Eine Rechnung mit vielen Unbekannten

Dienstag, 29. November 2016
Der Alleingang von Discovery bei den Olympiarechten in Deutschland ist ein Paukenschlag- wenn auch einer, der mit Ansage kam. Schon seit Sommer deutete sich an, dass sich ARD und ZDF nicht mit Discovery über die Vergabe einer Sublizenz würden einigen können. Nun also will es Discovery alleine versuchen. Nur auf Eurosport. Ohne ARD und ZDF. Das ist sicher spannend - aus mehreren Gründen aber auch riskant.
Themenseiten zu diesem Artikel:

Eurosport Olympiarechte Olympia ARD ZDF Peter Hutton IOC


Um eine Großveranstaltung wie die Olympischen Spiele alleine zu stemmen, wird Eurosport personell und infrastrukturell ordentlich aufrüsten müssen. Das dürfte teuer werden. Dass man dazu bereit ist, abseits der reinen Rechtekosten erhebliche Investitionen zu tätigen, hat CEO Peter Hutton bereits angekündigt. Zuzutrauen ist dem Gespann Eurosport und Discovery sicher einiges. Dennoch stellt sich die Frage, wie Eurosport diesen enormen finanziellen Aufwand refinanziert bekommt.

Eine Möglichkeit wäre, einen Gutteil des olympischen Programms im Bezahlfernsehen bei Eurosport 2 oder über den kostenpflichtigen Eurosport Player zu zeigen. Dieser kostet derzeit 5,99 Euro monatlich oder 59,99 Euro im Jahres-Abo. Das IOC schreibt lediglich vor, dass von Winterspielen 100 Stunden im frei empfangbaren TV zu sehen sein müssen, bei Sommerspielen 200. Diese Vorgabe will Eurosport zwar übertreffen. Das restliche Material kann jedoch da verwertet werden, wo es aus Sicht des Senders am meisten Sinn macht. Denn bei Olympia laufen weit mehr Live-Stunden als die vom IOC fürs Free-TV geforderten an. Bei den Spielen in Rio etwa sendeten ARD und ZDF 340 Stunden live. 
Peter Hutton Eurosport
© Eurosport

Mehr zum Thema

Ohne ARD und ZDF Eurosport zeigt Olympia in Deutschland alleine

Daraus erwächst die Frage, welche Inhalte dann im frei empfangbaren Fernsehen zu sehen sein werden. Laut Ankündigung will Eurosport "die größten Momente und die deutschen Medaillenentscheidungen" im Free-TV zeigen. Das könnte bedeuten, dass etwa das 100 Meter-Finale im frei empfangbaren Fernsehen läuft, die Entscheidung in der 4x400 Meter-Staffel aber nicht. Auch bei anderen populären Sportarten wie Schwimmen, Biathlon, Handball oder Eishockey dürfte sich die Plattformfrage stellen. Eurosport wird sich hierzu wohl erst im kommenden Jahr etwas konkreter äußern: Für Januar 2017 kündigte das Unternehmen eine Pressekonferenz an.

Ohne Zweifel: Die Frage, welche Inhalte im Bezahlfernsehen verschwinden, birgt einigen Zündstoff. Zum einen, weil die deutschen TV-Zuschauer bei Olympia daran noch überhaupt nicht gewöhnt sind. Zum anderen, weil für viele Sportarten die Olympischen Spiele die einzige Chance sind, sich einem größeren Publikum zu präsentieren. Wird diese Plattform beschnitten, könnte dies besonders für Randsportarten gravierende Auswirkungen haben. Es wird spannend sein zu sehen, auf welchen Mix Eurosport hier letztendlich setzt.

Ein weiterer Hebel zur Erlössteigerung steht Eurosport im Ausbau der Werbevermarktung zur Verfügung. Mit Free-TV, Bezahlfernsehen sowie einem umfangreichen Digital-Angebot inklusive des kostenpflichtigen Eurosport Players verfügt Eurosport über die Vielfalt an Plattformen und wohl auch das nötige Inventar, um attraktiv für die Werbeindustrie zu sein.
Ulrich Wilhelm Thomas Bellut
© BR / ZDF

Mehr zum Thema

ARD und ZDF zu Olympia-Entscheidung "Sind Discovery bis an unsere Schmerzgrenze entgegengekommen"

Auch hier dürfte es sich um eine Frage der Balance handeln: Was mutet man dem Zuschauer zu? Wie viel Werbung verträgt er? Wann handelt man sich den Vorwurf der Kommerzialisierung ein? Selbst ARD und ZDF mussten hierbei abseits gesetzlicher Regelungen behutsam vorgehen. "Wir treffen unsere Entscheidungen in jedem Fall im besten Sinne unserer Zuschauer", heißt es hierzu von Eurosport.

Und dann ist da noch die Frage, wie jene Sendestunden gefüllt werden, die nicht mit Live-Sport belegt sind. Die Öffentlich-Rechtlichen haben ihr weltweites Reporternetzwerk immer wieder dazu benutzt, um Dokumentationen, Reportagen und Features aus den Gastgeberländern zu senden. Gerne auch zu sozialen und politischen Themen. Wie es Eurosport mit journalistischen Formaten abseits der Berichterstattung von den Wettkampfstätten hält, wird sich zeigen.

Möglicherweise besteht an dieser Stelle sogar eine Chance für ARD und ZDF, aus der Not eine Tugend zu machen und das frei werdende Programm zumindest teilweise mit journalistischer Substanz zu füllen. ire

Meist gelesen
stats