Roland Pimpl

Roland Pimpl

Offener Streit statt Hinterzimmer Hamburger Rebellen boykottieren VDZ-Summit

Freitag, 04. November 2016
Herzlichen Glückwunsch, liebe Verlage: Die Chefs von Gruner + Jahr, Zeit- und Spiegel-Verlag boykottieren ihre Teilnahme am VDZ Publishers‘ Summit, dem großen Jahreskongress des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger am kommenden Montag und Dienstag in Berlin. Grund: Ihre Unzufriedenheit mit dem Procedere (und vielleicht auch mit dem Kandidaten) der Nominierung des Funke-Gesellschafters Stephan Holthoff-Pförtner als Nachfolger von Hubert Burda als VDZ-Präsident. Am Sonntag soll gewählt werden. „Hinterzimmerbünde“ hatten Julia Jäkel (G+J), Rainer Esser („Zeit“) und Thomas Hass („Spiegel“) den VDZ-Granden vorgeworfen – und tragen den Konflikt nun auf die große offene Bühne. Ist das besser?

Der designierte VDZ-Chef Stephan Holthoff-Pförtner
Der designierte VDZ-Chef Stephan Holthoff-Pförtner (Bild: Funke Mediengruppe)
Ein VDZ-Sprecher bestätigt und bedauert die Absagen. Während sich Essers und Hass‘ Absentismus eher nur atmosphärisch auswirkt, reißt Jäkels Fernbleiben eine 10-minütige Lücke ins Programm: Am Montagmittag sollte sie – wie später ihre Kollegen von Axel Springer, Burda und Funke – ihre „Big Points 2017“ vortragen. In der Journalistenrunde am Dienstag werden die Chefredakteure der trotzigen Häuser – Klaus Brinkbäumer („Spiegel“), Christian Krug („Stern“/G+J) und Giovanni di Lorenzo („Zeit“) – wohl allerdings vertreten sein.
Julia Jäkel hat ihre Teilnahme beim VDZ Publishers‘ Summit abgesagt
Julia Jäkel hat ihre Teilnahme beim VDZ Publishers‘ Summit abgesagt (Bild: Alexander Hassenstein / Getty Images)
Ob die Absage der drei Verlagschefs ihrer Sache und der Sache der Verlage generell dient, darf bezweifelt werden. Denn rein formal ist die Nominierung von Holthoff-Pförtner völlig korrekt gelaufen. Allerdings haben sich die Chefs von G+J, "Zeit" und "Spiegel" (auch Medweth und wohl noch ein paar andere) zu spät und zu wenig informiert gefühlt, zu wenig mitgenommen. In VDZ-Kreisen ist hierzu auch Selbstkritik zu hören. Deshalb fand am Montag dieser Woche in Hamburg eine erklärende Sondersitzung des Vorstands des VDZ-Bereichs Publikumszeitschriften (PZ) statt.

Zudem hat Manfred Braun, Funke-Chef und Sprecher des PZ-Vorstands, dem Vernehmen nach binnendiplomatische Versäumnisse eingestanden und angekündigt, sein Verbandsamt beim Präsidentenwechsel zur Verfügung zu stellen. Auch, um damit Funkes Einfluss im Falle eines Präsidenten Holthoff-Pförtner zu verringern. Und er hat eine Kommission in Aussicht gestellt, die die strategische Zukunftsausrichtung und mögliche Verbandsreformen – wie von den Hamburger Rebellen gefordert – breit erörtern soll. Holthoff-Pförtner wiederum will dem PZ-Vorstand offenbar kommende Woche in einer Telefonkonferenz Rede und Antwort stehen und dort wohl deutlich machen, dass eine Fusion von VDZ und dem Zeitungsverlegerverband BDZV – wie von G+J und Co offenbar befürchtet – nicht auf seiner Agenda stehe.

Doch all dies vermochte die Wogen nicht zu glätten. Faktisch können die drei Verlage (von rund 470 VDZ-Mitgliedshäusern) allerdings an der Präsidentenkür am Sonntag nichts ändern. Es wählen rund 15 Delegierte aus den Landes- und Fachverbänden mit insgesamt 20 Stimmen; von den Protesthäusern ist niemand mit dabei. Doch dahinter steckt keine Verschwörung, noch nicht einmal ein Hinterzimmerbündnis. Sondern: satzungsgemäße Verbandsdemokratie.

Also dürfte die bockige Absage von G+J, "Spiegel" und "Zeit" vor allem einem Ziel dienen: Protest markieren. Fachöffentliches Aufsehen erregen. Wirbel, Streit und Stunk auf offener Branchenbühne statt in Hinterzimmern. Den Druck erhöhen auf sämtliche verbandsinternen Verhandlungen und Kommissionen, die da noch kommen. Und vielleicht die für Sonntag vorgesehene Präsidentenwahl dann doch noch zu verschieben – auf dass die Mit-sich-Selbstbeschäftigung noch ein paar Wochen oder Monate weitergehen möge. Mit Auswirkungen auf die Außendarstellung: Wer da draußen spricht denn noch über die Herausforderungen der Digitalisierung, wenn es einen zünftigen internen Personalstreit gibt?

Nicht mit ihrer Kritik an sich, sondern mit ihrem trotzigen Absentismus (wie soll man reden, wenn eine Streitpartei nicht kommt?) bescheren die drei Hamburger Häuser dem VDZ-Summit mehr Tuschel- als Sachthemen, der Branche ein Bild der Zerstrittenheit und dem Verband eine Zerreissproben-Show, die allerdings eher öffentlich-spektakulär als tatsächlich innerlich-substanziell wirken dürfte. Doch gerade dies kann die Schlagkraft der ja nach wie vor meisten gemeinsamen Interessen gegenüber der Politik und branchenfremden Wettbewerbern wie Google und Facebook schwächen. Insofern dürften bei diesem Herbsttheater eher persönliche Eitelkeiten als strategische Klugheit die Regie führen. rp

Meist gelesen
stats