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Familienoberhäupter am Abgrund: John Rayburn (Kyle Chandler) und seine Mutter Sally (Sissy Spacek)
Netflix

Netflix-Serie "Bloodline" Eine Liebeserklärung an die Langsamkeit

Familienoberhäupter am Abgrund: John Rayburn (Kyle Chandler) und seine Mutter Sally (Sissy Spacek)
Der Hype, den "Game of Thrones" derzeit zum Start der siebten und vorletzten Staffel bei den Fans auslöst, sucht seinesgleichen. Im Zeitalter von Amazon Prime Video und Netflix gibt es aber auch Serien, die ohne großes mediales Getöse auskommen, ein vermeintliches Schattendasein fristen - und dennoch Storytelling-Maßstäbe setzen. So wie "Bloodline", das das Zeug zur echten Lieblingsserie hat.
von Tim Theobald, Freitag, 21. Juli 2017
Achtung: Dieser Text enthält Spoiler zur Netflix-Serie "Bloodline". Große Geschichten im Serien-Format gibt es schon lange. Man denke nur an "Twin Peaks", das derzeit nach über 25 Jahren seine gefeierte Fortsetzung erlebt, die komplexe Abhör-Serie "The Wire" oder das völlig zurecht von so vielen geliebte "Breaking Bad". Dennoch gibt es nicht wenige, die behaupten, dass das goldene Zeitalter der Serien erst mit der Geburtsstunde von Netflix begonnen hat. Denn der Video-on-Demand-Dienst versteht es seit einigen Jahren perfekt, losgelöst von den komplizierten Strukturen großer TV-Sender und dem starren Fokus auf spitze Zielgruppen, Hits in Serie selbst zu produzieren.
Einer davon ist "Bloodline". Das Familiendrama, dessen erste Staffel 2015 Premiere feierte, dreht sich um eine wohlhabende, hoch angesehene Familie in den Florida Keys. Die Eltern (Sissy Spacek, John Shepard) besitzen seit Jahrzehnten ein malerisches Urlaubsressort, Sohn John (Kyle Chandler) kandidiert als Sheriff, Tochter Meg (Linda Cardellini) ist Anwältin und der Jüngste, Kevin (Norbert Leo Butz), betreibt immerhin eine Bootswerft. Als das älteste der vier Kinder, Danny (Bob Mendelsohn), zu einem Besuch aus Miami auf die Keys zurückkehrt, gerät die vermeintlich heile Familienwelt der Rayburns mehr und mehr aus den Fugen.

Wie bei so vielen Produktionen hat Netflix auch bei "Bloodline" zunächst eine Staffel in Auftrag gegeben. Das heißt: Die Macher haben das Drama als "Mini-Serie" angelegt, die erste Staffel bilden eine erzählerische Einheit, die Story - trotz gewissermaßen offenen Endes - in sich geschlossen. Das liegt vor allem daran, dass die wichtigste Figur, das schwarze Schaf Danny, am Ende der ersten Staffel stirbt.
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Bild: Cinemax

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Die ersten 13 Episoden à 60 Minuten sind dabei das beste Beispiel dafür, wie viel Freiraum Netflix den Serienmachern in der Entwicklung und Produktion ihrer Geschichten lässt. Denn was "Bloodline" so einzigartig macht, ist die den Zuschauer permanent fordernde Langsamkeit, mit der die Autoren Todd Kessler, Glenn Kessler und Daniel Zelman die Geschichte der gut situierten Rayburns in der ersten Staffel erzählen, sie immer weiter in einen Strudel aus Lügen und Intrigen reißen und Stück für Stück die große Familientragödie offenlegen, die der Zuschauer zu Beginn nur erahnen kann. Und am Ende von Staffel eins steht dann die große, unausweichliche Katastrophe: der Brudermord. Als Netflix zwei weitere Staffeln in Auftrag gab (mehr wird es nicht geben), standen die Macher vor der Herausforderung, eine eigentlich abgeschlossene Geschichte weiter zu erzählen - ohne die wichtigste und herausragende Figur Danny eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Sollte man meinen. Doch die Kessler-Brüder und Zelman fanden einen Dreh, indem sie neue Charaktere wie Dannys Sohn Nolan (Owen Teague), dessen Mutter (Evangeline Radosevich), den dubiosen Kleinkriminellen Ozzy Delvecchio (John Leguizamo) sowie den mindestens zwielichtigen Geschäftsmann Roy Gilbert (Beau Bridges) einführten und Publikumsliebling Danny schlechtes Gewissen von Bruder John zumindest gelegentlich auftauchen ließen. Diese kleine Nebenrolle in Staffel zwei brachte Schauspieler Bob Mendelsohn sogar einen Emmy Award ein.
Familienoberhäupter am Abgrund: John Rayburn (Kyle Chandler) und seine Mutter Sally (Sissy Spacek)
Familienoberhäupter am Abgrund: John Rayburn (Kyle Chandler) und seine Mutter Sally (Sissy Spacek) (Bild: Netflix)
Zugegeben: In den Staffeln zwei und drei ist nicht alles Gold, was glänzt. Das liegt vor allem daran, dass bei ein paar Figuren (Ozzy, Nolan und dessen Mutter) bis zum Schluss nicht klar wird, welche Funktion sie in dem komplexen Konstrukt um die Familie Rayburn einnehmen und im Gesamtkontext schlicht verwirren. Waren die ersten 13 Episoden noch wegen ihrer für eine TV-Serie ungewöhnlich lange Erzählweise so brillant, setzen die Macher in den übrigen 20 Folgen mit zahlreichen Überraschungen im Plot und einer zunehmenden Brutalität neue Reize. Dazu gelingt es den grandiosen Darstellern - in erster Linie Kyle Chandler als John und Norbert Leo Butz als der verzweifelte Kevin -, dem Zuschauer schleichend die persönliche Tragödie ihres Charakters vor Augen zu Führen. Wie sie mit jeder Minute mehr feststellen, wie kaputt sie selbst und die eigene Familie sind und wie unwiderruflich die vermeintlich heile Welt von früher ist, ist definitiv ganz großes Serien-Kino.

"Die Welt" brachte es kürzlich in einem Feuilleton-Artikel auf den Punkt, als sie "Bloodline" als "Weltliteratur im Fernsehformat" beschrieb und ausführte: "Die Wahrheit (oder besser, was von ihr in Erzählungen, Erinnerungen übrig ist) wird so lange gedehnt, bis sie alles Mögliche sein kann. Worüber keiner mehr glücklich ist. Außer vielleicht die Rayburns, denen keiner was kann. [...] Das geht langsam voran, wie sich Romane langsam lesen. In langen Blenden, in Bildern, in denen man die Gefahr, das Schwüle, Explosive geradezu greifen [kann]. In Cinemascope gewissermaßen. Mit Schauspielern, die in der Größe, der Wucht der Landschaften und Räume nicht verloren gehen, die mit ihnen spielen, von ihnen gespielt werden."
Dabei ist die Handlung keineswegs nur auf das Zusammenspiel der Familienmitglieder begrenzt. Der Konflikt mit dem Kleinkriminellen Eric (Jamie McShane) und dessen Schwester Chelsea O'Bannon (Chloë Sevigny), die anders als die Rayburns aus der Arbeiterklasse kommen, als Gegenpol zu den Hauptfiguren auftreten und dem Zuschauer so die klassische Einordnung der Charaktere in "Gut" und "Böse" erschweren, ist für die Dramaturgie von "Bloodline" genauso bedeutend wie das herausragende Setting. Die Macher schaffen es mit jeder Episode aufs Neue, den Sehnsuchtsort Florida Keys in eine düstere Metapher für das zerstörte Leben der Rayburns zu verwandeln. Und trotz der Fokussierung auf Regen, Sturm und schäbige Bars zeigen die Serienschöpfer immer auch die malerische Seite der fast 300 Kilometer langen Inselkette.

Dennoch: Es ist in erster Linie der ungewöhnlich langsame Spannungsaufbau in der ersten und die dramatischen Verstrickungen der Hauptfiguren in der zweiten und dritten Staffel, die "Bloodline" zu einer so famosen Serie machen, die den Zuschauer immer fordert und ihm eine neue Art der Serien-Erfahrung bietet. Und allein deshalb sollte es kein Netflix-Nutzer verpassen, beim schleichenden, ganz großen Zusammenbruch einer Vorzeigefamilie zuzusehen. tt

Übrigens: An diesem Freitag geht mit "Ozark" eine Serie bei Netflix an den Start, die auf einer ganz ähnlichen Erzählweise wie "Bloodline" beruht - und deren Handlung zudem an die Kult-Serie "Breaking Bad" erinnert (siehe Trailer oben).
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