Ingo Rentz

Ingo Rentz

Meerkat Welche Chancen die Live-Stream-App für Marken und Medien bietet – und welche Risiken

Freitag, 13. März 2015
Mit Meerkat lassen sich Videos live auf Twitter streamen. Für manche gilt die App schon als das nächste große Ding - auch für Marken und Medien bietet sie Chancen. Unternehmen sollten Meerkat allerdings mit Vorsicht behandeln.

Katzen begeistern das Internet seit Jahren – spätestens jedoch, seit Youtube erfunden wurde. Aktuell sorgt ein weiteres putziges Tierchen für einen Hype im Netz: Seit Ende Februar ist im App Store von Apple die Anwendung „Meerkat“ (Erdmännchen) verfügbar. Damit können Nutzer Hochkant-Videos über ihr Twitter-Profil streamen – live und in Farbe. Wer also gerade einen spannenden Vortrag hört und seine Follower daran teilhaben lassen will, drückt in der App einfach auf den Button „Stream“, und schon sieht die eigene Twitter-Anhängerschaft in Echtzeit, was sich vor der iPhone-Kamera des Meerkat-Nutzers gerade abspielt. Benachrichtigt werden die Follower mit dem generischen Hinweis LIVE NOW sowie einem kurzen Beschreibungstext, den der Nutzer selbst eingeben kann. Wer nicht sofort live gehen will, sondern etwa erst in einer halben Stunde, kann mit einem Druck auf den „Schedule“-Button einen Stream ankündigen.

Meerkat lässt sich einfach und intuitiv bedienen
Meerkat lässt sich einfach und intuitiv bedienen (Bild: Screenshot Meerkat)
Man könnte Meerkat als neueste Sau abtun, die durchs Tech-Dorf getrieben wird. Zumal es mit Younow schon einen vergleichbaren Anbieter gibt, der sich vor allem an jüngere Nutzer wendet. Allerdings steckt womöglich doch mehr dahinter. Der bekannte und unbestreitbar kompetente Journalist Daniel Fiene etwa bezeichnete die App schon als „das nächste große Ding im Internet“. Das schlagendste Argument für die App dürfte in der Verbindung von Echtzeitkommunikation via Twitter und Bewegtbild liegen. Der 140-Zeichen-Dienst intensiviert nun schon seit Monaten seine Bemühungen, über neue Bewegtbild-Formate mehr Werbegelder zu akquirieren. In Form von Meerkat macht sich nun eine Innovation von außen das Twitter-Universum zunutze.

Spätestens bei der vergangenen Fußball-WM wurde klar: Die große Stärke von Twitter liegt darin, genau das abzubilden, was im Moment wichtig ist. Viele Medien nutzen das für ihre Berichterstattung – live von Veranstaltungen zu twittern etwa gehört mittlerweile zum guten Ton. Meerkat könnte die Möglichkeiten für Journalisten und Publisher noch einmal vergrößern. So macht es die App etwa relativ einfach, live von Pressekonferenzen oder anderen Events zu berichten. Auch gestreamte Video-Interviews wären ein denkbares Format. Ganz zu schweigen von der Möglichkeit, Streams anderer Nutzer zur Recherche zu benutzen.

„Meerkat könnte die Möglichkeiten für Journalisten und Publisher noch einmal vergrößern.“
Ingo Rentz
Auch für Marken hält Meerkat einige verlockende Chancen bereit. Produktpräsentationen etwa, die häufig aufgrund ganz profaner Platzgründe nur vor einer Handvoll Leute stattfinden, könnten mit der ganzen Twitter-Gemeinde geteilt werden. Gleiches gilt für die Vorstellung eines neuen Testimonials. Und warum sollte Red Bull nicht live von einem seiner berühmten Seifenkistenrennen meerkatten? Der Phantasie sind scheinbar keine Grenzen gesetzt.



Und doch liegen einige Stolperfallen im Weg.

1. Momentan findet man unter dem Hashtag #Meerkat bei Twitter vor allem ruckelnde, verschwommene Videos. Wertvolle Kommunikation sieht anders aus. Und selbst beim Interview von Meerkat-Gründer Ben Rubin mit Jörgen Camrath ging zweitweise der Server in die Knie. An der Übertragungsqualität wird Meerkat auf jeden Fall noch arbeiten müssen, um eine angenehme Nutzerfahrung zu bieten.

2. Wer schon Erfahrungen mit Live-Berichterstattung gesammelt hat, weiß, dass Echtzeit auch ein fieses kleines Luder sein kann. Ein unüberlegtes Wort, eine falsche Geste kann zum Desaster führen. Zwar speichert Meerkat laut Gründer Ben Rubin die Videos nicht auf seinen Servern, womit sie nach einem Stream erst einmal aus der Welt sind. Marketer und PR-Leute wissen jedoch, wie schwer sich Fehltritte im Netz wieder einfangen lassen. Sich auf Meerkat einzulassen, erfordert für Marken und Medien also Mut und auch ein gewisses Maß an Erfahrung.

3. Nicht außer Acht lassen sollte man auch rechtliche Aspekte: Kann es einem übertragenden TV-Sender wirklich Recht sein, wenn sich etwa ein Sport-Ereignis tausendfach live auf Twitter streamen lässt? Oder was ist mit Kinovorführungen? Sicher, die Möglichkeit, entsprechende Videos ins Netz zu stellen, gibt es jetzt schon. Doch die Live-Komponente bringt neue Herausforderungen für Rechteinhaber mit sich.

4. Last but not least: Twitter hat soeben erst den Anbieter Periscope übernommen, der Nutzern ebenfalls das Teilen von Echtzeit-Videos ermöglicht. Will Twitter diese Investition konsequent schützen, dürfte Marketiers und Medien Periscope als bevorzugtes Tool bereitgestellt werden.

Fazit: Twitter wird in Zukunft verstärkt von Bewegtbild-Inhalten leben. Und bleibt der Kurznachrichtendienst bei seiner Positionierung als Echtzeit-Kanal Nummer 1, wird vor allem Live-Video-Content wichtiger werden. Wer sich hierbei als Top-Anbieter durchsetzt, ist noch überhaupt nicht abzusehen - es kann Meerkat sein, muss aber nicht. Denn letztendlich geht es um die Funktionalität an sich.

Der Teufel steckt auch hier wie so oft im Detail: die Nutzer werden Meerkat-Inhalte nur honorieren, wenn sie Mehrwerte bieten und ansprechend produziert sind. Heißt: Marken und Medien brauchen eine Strategie. Ohne die bringt auch die beste App nichts. ire

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