Mathias Müller von Blumencron, FAZ

Mathias Müller von Blumencron, FAZ

FAZ.NET-Chef Vier Thesen zur Zukunft des Digitaljournalismus

Montag, 25. Januar 2016
Mathias Müller von Blumencron, blickt voller Zuversicht ins neue Jahr. "2016 wird das Jahr des digitalen Journalismus", ist der Chefredakteur Digitale Medien der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" sicher. Neue Tools und multimediale Erzählformen würden zu einer Explosion neuer journalistischer Formate und einer Exzellenz-Offensive führen. HORIZONT präsentiert seine vier Thesen zur Zukunft des digitalen Journalismus.

1.

2016 wird das Jahr des digitalen Journalismus

Allen Facebooks, Apples, Snapchats dieser Welt ist klar, dass ihre Plattformen ohne hochwertige Inhalte weniger wert sind. Die glaubwürdige Information von einem Medium des Vertrauens wird den Lesern immer wichtiger. Weltweit geben im Qualitätsbereich die großen Medienmarken den Ton an, "NYT", "Washington Post", "Guardian", "Economist", "FT". In Deutschland hat es in den vergangenen zwanzig Jahren nicht ein Start-up zu journalistischer Relevanz gebracht, dafür wachsen die Qualitätsmarken: Im November 2015 lag die "FAZ" nach Visits 50 Prozent über Vorjahr.

2.

Wir erleben im Digitalen eine Offensive der Exzellenz

Das wird dazu führen dass sich noch mehr Leser digital orientieren und auch bereit sein werden, dafür zu zahlen. Wir gestalten Geschichten so opulent wie nie. Neue Redaktionstechniken erlauben immer einfacher, kluge Multimedialität herzustellen. Was wir früher in einer Woche programmieren mussten, können wir bald in einer halben Stunde kompilieren. Entscheidend ist Qualität. Hochwertige Angebote werden sich immer stärker von billig gemachten Copy- und Klickangeboten abheben und es auf diese Weise schaffen, als starke Marken im Digitalen zu blühen.

3.

Es wird eine Explosion journalistischer Formate geben

Diese werden immer raffinierter auf die Mikro-Lesesituationen der zunehmend mobilen Welt hin konfiguriert: Push-News, Headline-Streams, Scribbles, Live-Formate, Briefings, Newsletter. Aber es wird auch eine Renaissance zeitungsähnlicher Produkte im Digitalen geben. Es gibt ein starkes Bedürfnis nach granularen und minutenaktuellen Informationsströmen, aber auch nach sorgfältig kuratierten Produkten mit Anfang und Ende, die man schaffen kann, die „finishable" sind und Wertigkeit signalisieren. Für diese Orientierungsinseln jenseits des Nachrichtenstroms sind Leser bereit zu zahlen. Viele wollen nicht mit dem unbefriedigenden Gefühl aus dem Netz steigen, die Unendlichkeit der Information sei für sie nicht zu bewältigen.

4.

Ein neues Geschäftsmodell wird entstehen

Journalistische Produkte lösen sich von Medien-Präsenzen. Artikel werden direkt auf einer der globalen Online-Plattformen veröffentlicht, dafür erhalten die Redaktionen die Werbeerlöse. Obwohl damit die Plattformen noch stärker werden, müssen wir diese Mechanismen zunehmend nutzen, auch für den Vertrieb von bezahlpflichtigen Angeboten. Wer denkt, er könne allein mit einem Schloss auf der Website etwas erreichen, irrt gewaltig. Digitaler Vertrieb ist eine Hightech-Wissenschaft geworden und wir müssen es alle erst einmal lernen.

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