Thomas Rabe, Bertelsmann

Thomas Rabe, Bertelsmann

Kreativindustrie "Europäisches Recht darf europäische Marktteilnehmer nicht benachteiligen"

Mittwoch, 08. Juni 2016
Dass US-Konzerne wie Google, Facebook und Apple gegenüber ihren europäischen Konkurrenten den einen oder anderen Wettbewerbsvorteil haben, wird immer wieder moniert. Jetzt meldet sich Bertelsmann-Chef Thomas Rabe mit einem exklusiven Gastbeitrag auf HORIZONT Online zu Wort. Angesichts wichtiger Entscheidungen wie der bevorstehenden Novellierung der Europäischen Fernsehrichtlinie fordert er die EU-Kommission auf, die europäische Kreativindustrie zu stärken.
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Vor genau 62 Jahren wurde die erste Eurovisionssendung im Fernsehen übertragen. Was damals Pionierarbeit in einem Europa war, in dem es mehr Grenzübergänge als Fernsehgeräte gab, ist heute nur noch eine Randnotiz wert: Inzwischen ist Europa ökonomisch wie kulturell zusammengewachsen. Und die Kreativbranche ist längst zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor avanciert. Mehr noch: Die Kreativbranche gehört für Europa im digitalen Zeitalter zu den wichtigsten Wachstumssektoren überhaupt. Dies ist das Ergebnis einer Studie, die Bertelsmann heute gemeinsam mit Enders Analysis veröffentlicht hat. Demnach ist die Kreativbranche in Europas größten Volkswirtschaften Deutschland, Frankreich und Großbritannien in den vergangenen Jahren insgesamt stärker gewachsen als die Gesamtwirtschaft. Hierzulande steuern Kreativunternehmen – etwa aus den Bereichen Fernsehen, Film, Buch, Zeitschriften und Musik – pro Jahr rund 52 Milliarden Euro zur Bruttowertschöpfung bei. Deutschland, das Land der Autobauer, ist damit auch der größte Kreativstandort Europas.

Nimmt man Frankreich und Großbritannien hinzu, ergeben sich 135 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung, erwirtschaftet von 430.000 Firmen mit insgesamt mehr als 3,5 Millionen Mitarbeitern. Die Unternehmen aus der Kreativbranche stellen in diesen drei Ländern damit mehr als drei Prozent aller Arbeitsplätze. Ihr Wirkungsgrad reicht jedoch weit darüber hinaus, wie unsere aktuelle Befragung zeigt.

Diese hat nicht nur ergeben, dass etwa 95 Prozent der Menschen in diesen Ländern regelmäßig fernsehen, knapp 90 Prozent Musik hören und drei Viertel das Internet nutzen. Sie zeigt auch: Die Menschen wenden sich Medienangeboten zu, um selbst schöpferisch tätig zu werden.

Fast 70 Prozent der Befragten unserer repräsentativen Studie bezeichnen sich als kreativ. Für sie spielen insbesondere Onlineangebote eine immer wichtigere Rolle: In Deutschland nutzen zwei Drittel das Internet als Kreativplattform. Auf digitalen Plattformen finden die Menschen nicht nur Information und Unterhaltung, sondern zunehmend Inspiration: Bereits jetzt greift jeder dritte Internetnutzer auf Online-Tutorials zurück – zum Beispiel auf Videos oder E-Learning-Angebote, die klassische Formen des Lernens auch in den Unternehmen mehr und mehr ersetzen.

Dass Europa über eine so florierende Kreativindustrie verfügt, hat viele Gründe: das hohe Bildungsniveau, die kulturelle Vielfalt, nicht zuletzt aber auch die Bereitschaft der Unternehmen, in Ideen und künstlerisches Talent zu investieren. Bertelsmann beispielsweise wendet Jahr für Jahr einen mittleren einstelligen Milliardenbetrag für die Erstellung kreativer Inhalte auf.

Auch die britische Kreativwirtschaft hat von den geschilderten Entwicklungen in den letzten Jahren erheblich profitiert – in Form von finanziellen Zuwendungen, aber auch durch den freien Austausch und Handel mit 27 Ländern auf dem Kontinent. Die Entscheidung über den Brexit in gut zwei Wochen hat also erhebliche Implikationen für die Kreativnation Großbritannien, die der Welt legendäre Bands wie die Beatles, die Rolling Stones und Pink Floyd sowie ikonische Charaktere von James Bond bis Harry Potter geschenkt hat.

Die Medienbranche schaut in den kommenden Wochen deshalb mit großem Interesse nach London – aber auch nach Brüssel. Wenn die EU-Kommission im September neue Gesetzesvorschläge für den digitalen Binnenmarkt veröffentlicht, sollte sie mit Bedacht vorgehen. Die Erfolgsgeschichte der europäischen Kreativindustrie kann nur fortgeschrieben werden, wenn sich Investitionen in Inhalte auch im digitalen Zeitalter lohnen. Und dafür ist insbesondere der wirksame Schutz geistigen Eigentums essentiell. Auch müssen für alle Marktteilnehmer dieselben Spielregeln gelten, zum Beispiel im Bereich der Werberegulierung: Noch immer unterliegen TV-Sender deutlich mehr Vorgaben als Onlinevideo-Plattformen, auch wenn die Vorschläge der EU-Kommission zur Novellierung der Europäischen Fernsehrichtlinie ein Schritt in die richtige Richtung sind. YouTube und Co. können im Gegensatz zu Fernsehsendern weitgehend selbst entscheiden, wieviel Werbung sie anbieten.

Dass ausgerechnet europäisches Recht europäische Marktteilnehmer benachteiligt, ist nicht zu verstehen. Wir hoffen sehr, dass alle Entscheidungsträger auf ambitionierte und langfristige Lösungen für Europas Kreativindustrie setzen, wenn die Vorschläge der EU-Kommission in den kommenden Monaten diskutiert werden. 
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