David Hein

David Hein

Kommentar Warum die mediale Aufarbeitung der Kölner Silvesternacht so schwierig ist

Mittwoch, 06. Januar 2016
Die Ereignisse in der Silvesternacht in Köln schlagen weiterhin hohe Wellen. Nicht nur die Übergriffe einer offenbar entfesselten Meute und die mangelnde Präsenz der Polizei stehen in der Kritik, sondern auch die späte Berichterstattung der Medien. Die Gründe dafür sind vielschichtig, aber durchaus nachvollziehbar. Die Kollegenschelte einiger Medien sind es dagegen nicht.
Themenseiten zu diesem Artikel:

Polizei Silvesternacht Köln Frank Überall Facebook


Eine wesentliche Rolle für die späte Berichterstattung in den überregionalen Medien hat in den ersten Tagen sicherlich die Informationspolitik der Kölner Polizei gespielt, die in ihrer ersten Pressemitteilung am Neujahrstag noch von einer "entspannten Einsatzlage" gesprochen hatte – eine schwerwiegende Fehleinschätzung, die die Polizei mittlerweile mit einem "Kommunikationsproblem" begründet hat.

Das ganze Ausmaß der Ereignisse wurde erst nach und nach bekannt. Erst am Abend des 2. Januar – einem Samstag – veröffentlichte die Polizei eine weitere Pressemitteilung, in der von knapp 30 Anzeigen und Tätergruppen von bis zu 20 "nach Zeugenaussagen nordafrikanisch Aussehenden" die Rede war. Selbst zu diesem Zeitpunkt konnte man die Ereignisse ohne verlässliche Informationen aus erster Hand noch als lokales Ereignis ohne überregionale Bedeutung einordnen – allenfalls die Zahl von rund 30 Betroffenen hätte stutzig machen können. An einem Samstagabend ging die Information in den zu diesem Zeitpunkt dünn besetzten Redaktionen allerdings offensichtlich weitgehend unter.

Erst am Montag nahm die Geschichte in den überregionalen Medien Fahrt auf, die Polizei Köln informierte am Nachmittag bei einer Pressekonferenz über die Fakten und den Stand der Ermittlungen. Auch dort blieben noch viele Fragen offen, während in den sozialen Medien bereits die ersten Verschwörungstheorien die Runde machten, warum die "Lügenpresse" die massenhaften Übergriffe auf Frauen unisono totschweigen.

Zu diesem Zeitpunkt lagen die fraglichen Ereignisse bereits drei Tage zurück – was eine saubere Rekonstruktion der Nacht nicht nur für die Polizei, sondern auch für die Medien zu einer Herausforderung macht. "Journalisten müssen informieren, aber nicht spekulieren", mahnte der DJV-Bundesvorsitzender Frank Überall. "Eine nicht durch solide Recherchen gedeckte Verdachtsberichterstattung ist nicht nur unvereinbar mit den Prinzipien des professionellen Journalismus, sondern auch innenpolitisch brandgefährlich", sagte Überall.

Solide Recherche, das bedeutet in einem solchen Fall, Betroffene zu finden (wie es die "Süddeutsche Zeitung" getan hat), Polizisten, die vor Ort waren, womöglich sogar Tatbeteiligte ausfindig zu machen. Das ist zeit- und personalaufwändig – Ressourcen, die in den meisten Redaktionen mittlerweile denkbar knapp sind. Die Ereignisse anhand von wackeligen Handy-Videos und Facebook-Einträgen zu rekonstruieren, wäre schlicht und einfach unprofessionell.

Wie Schlagzeilen ohne saubere Recherche lauten würden, hat heute mit der "B.Z." ausgerechnet eine Boulevardzeitung demonstriert. "Angriff der Sex-Horden - So würde die B.Z. aussehen, wenn wir dem Internet vertrauen würden", titelte das Berliner Blatt am Mittwoch – und präsentierte auf der Rückseite die bis dato gesicherten Fakten.

Es gibt also durchaus nachvollziehbare Gründe für die verzögerte mediale Aufarbeitung der Kölner Silvesternacht – angefangen bei der mangelhaften Informationspolitik der Polizei, über das lange Wochenende nach Silvester bis hin zu Fehleinschätzungen der Ereignisse bei einzelnen Medien wie zum Beispiel beim ZDF.

Daraus allerdings wie Meedia einen "Fehler im System" abzuleiten, oder den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten pauschal zu raten, "es einmal mit Journalismus" zu versuchen, wie es die "FAZ" getan hat, ist Wasser auf die Mühlen der mittlerweile großen Minderheit derjenigen, die "die Medien" für eine gleichgeschaltete Meinungsmaschine im Auftrag der Regierung halten. dh

Meist gelesen
stats