Volker Schütz

Volker Schütz

Digital-Journalismus 2016 Instant Articles, Snippets und die Frage nach der Sintflut

Sonntag, 10. Januar 2016
Die Aussichten für Digital-Journalismus sind 2016 gar nicht schlecht: Neue Plattformen, neue Lesegewohnheiten könnten für einen weiteren Qualitätsschub sorgen, allen Debatten über Instant Articles zum Trotz.

1. Der Siegeszug der Alpha-Apps

Letztes Jahr hat es sich angedeutet, dieses Jahr wird es richtig virulent: Das App-Ökosystem steht vor einem radikalen Veränderungsprozess. Globale Player bauen ihre Plattformen zunehmend zu Alpha-Apps aus. Das Ziel: Die Nutzer auf ihre Anwendungen zu locken und möglichst lange auf diesen mobilen Meta-Apps zu halten.

Den AGFA-Unternehmen Apple, Google, Facebook und Amazon kommt dabei der dramatische Shift Richtung Mobile entgegen. Kein Mensch hat Lust, in der S-Bahn sekundenlang zu warten, bis beispielsweise eine aufgerufene Nachricht geladen ist. Aber nur global agierende Tech-Spezialisten können den Datenspeed garantieren, nach dem die Smartphone-Generation giert. Aus der New Economy ist die Now Economy geworden. Doch ihre Logik führt nicht, wie man in den 90er Jahren noch träumte, zu einer Vielzahl von Marken in den gleichen Konkurrenzumfeldern. Stattdessen entstehen mächtige Oligopole.

Dafür verantwortlich sind nicht etwa böse Superkapitalisten, sondern der demokratische Netzwerk-Gedanke: Ein soziales Network wird interessanter, je mehr Menschen es nutzen. Je mehr Nutzer ein Angebot hat, desto stärker wird es gegenüber Konkurrenten. Und je mehr Services das soziale Netzwerk anbietet, desto größer ist das Kundenwachstum.

Große Apps werden also nöch größer, wenn sie Services liefern, die für viele Menschen interessant sind. Genau deshalb werden Instant Articles funktionieren. Niemand möchte von einer App zur nächsten wechseln, um die Tagesnachrichten oder Hintergrund-Analysen zu lesen. Ob nur die Internet-Oligopolisten oder auch die Medien davon profitieren, wird sich weisen.

 

2. Instant Articles: ein Angebot, das man nicht ablehnen kann

Das Schöne am offenen Internet der ersten 20 Jahre war auch, dass im Gegensatz zum Print-Zeitalter keine Distributoren (Grosso, Kiosk, Abo-Service) zwischengeschaltet waren. Die Medien und ihre Journalisten befanden sich im „direkten Kontakt“ mit den Lesern. 15 Jahre nach 1996 instrumentalisierten Facebook und andere  soziale Netzwerke dieses glückliche „Wir“-Gefühl für Vermarkungszwecke. In sozialen Netzwerken, so die These, könnten Marken und Menschen in direkten Dialog treten.

Gerade das Beispiel Instant Articles zeigt, dass sich Facebook anschickt, vom sozialen Vermarktungs-Network zu einem Medienunternehmen zu werden, oder  zumindest in die Rolle von Verlagen und Sendern schlüpft, wie Richard Gutjahr formuliert. Facebooks Mutation zum quasi Super-Distributor für redaktionellen Content bringt Medien in eine fatale Zwickmühle.

Medien müssen dorthin gehen, wo die Menschen sind, heißt es. Das war lange Zeit ein genauso richtiger wie banaler Satz. Jetzt ist die Unschuld verloren gegangen. Die Menschen sind in den sozialen Netzwerken – und wer sie erreichen will, muss entweder strikt auf Premium und Qualität setzen oder ganz brutal auf Boulevard, in Digitaldeutsch: Clickbaiting setzen.

Aber sowohl für digitalen Boulevard- wie für Qualitätsjournalismus gibt es in Sachen Instant Articles nur die Alternative Top oder Flop. Im schlimmsten Fall werden Medien zu Inhaltelieferanten globaler Konzerne – Apple News arbeitet ja auch mit Medien-Content –, und das ausgerechnet im boomenden Content-Markt.

Aber muss man immer nur Schwarz sehen? Mir ist die optimistische Variante lieber: Die globalen Internet-Konzerne, aber auch kleinere Anbieter wie beispielsweise Xing, brauchen jede Menge guten Content, wenn sie im Wettbewerb der Alpha-Apps mittelfristig eine Rolle spielen wollen. Das heißt: Medien winken Zusatzerlöse auf neuen Vertriebs- und Vermarktungskanälen - und eine größere Marken-Reichweite.

Bei aller Kritik an den vermeintlich übermächtigen Big-Data-Spezialisten: Immer nur davor zu warnen, dem Teufel den kleinen Finger zu geben, ist nicht hilfreich, sondern desktruktiv.

3. Individualisierung von Social Media und Nachrichten

 

Die schon im vergangenen Jahr intensiv geführte Debatte über das Für und Wider von Instant Articles hat eine Entwicklung verdeckt, die für Medienhäuser mindestens genauso interessant und wichtig ist wie die Frage, ob man mit dem weltweit stärksten sozialen Netzwerk kooperieren soll oder nicht.

Soziale Netzwerke haben sich längst diversifiziert. Es gibt zwar nur ein Facebook, dafür aber noch ein Instagram, ein Periscope, ein Snapchat, ein Whatsapp et cetera. Jede Anwendung spricht bestimmte, teilweise sehr unterschiedliche Zielgruppen an. Und jede App liefert Services, die andere Apps nicht haben. Diese Fragmentierung von sozialen Netzwerken ist für Marketer genauso interessant (und herausfordernd) wie für Journalisten.

Massenmedien wie Fernsehen, Facebook, Youtube und Google bleiben Medien der Massen. Aber daneben wuchern Angebote, die eine Individualisierung von Kommunikation und Ansprache ermöglichen.

Soll man einen (oder mehrere) Whatsapp-Kanäle aufbauen, um vergleichsweise wenigen Lesern Extra-Services zu bieten? Macht es Sinn, auf Instagram Foto-Reportagen oder anderes zu publizieren? Wie wichtig sind Livestreams über Periscope?

Mit diesen und anderen Fragen werden sich in diesem Jahr die Digitaljournalisten der großen wie der kleinen Medienhäuser beschäftigen. Man muss als Journalist (wie als Marketer) nicht überall dabei sein. Aber es wird künftig nicht ausreichen, Lesern neben der eigenen Website allenfalls noch eine  Facebook-Page zu präsentieren.

Doch nicht nur Social Media, sondern auch die Nachrichtenauswahl wird stärker auf individuelle Bedürfnisse zugeschnitten. Bestes Beispiel: das Joint-Venture von Axel Springer und Samsung. Upday ist eine News-App, die Samsung-Kunden mit den Nachrichten versorgt, die auf ihre Interessen zugeschnitten ist. Der Grundgedanke ist ähnlich wie bei den Alpha-Apps.

Auch Upday wird zeigen: 
Es ist so schwierig wie reizvoll, seinen unterschiedlichen Lesern auf sie zugeschnittene Angebote bereitzustellen. Statt aber über die Zersplitterung von Medien und Medienkanälen zu jammern, sollten wir uns darüber freuen, wie viele neue journalistische Formate im mobilen Zeitalter entstehen werden. 

4. Mobiler Journalismus: Snippets versus Long Stories

 

Vor zwei Jahren bekam ich auf Einladung des VDZ einen Einblick in die israelische Start-up-Szene. Es war ein eindrucksvoller Drei-Tage-Workshop in Tel Aviv, wo rund 20 Start-ups der deutschen Delegation ihre Business-Ideen vorstellten. Eines dieser Jungunternehmen war Wibbitz.

Die These von Wibbitz-Gründer Zohar Dayan ist ziemlich simpel: Kein Mensch hat Lust, auf einem Smartphone-Screen lange Meldungen zu lesen. Also entwickelte sein Team eine App, die aus Nachrichtentexten automatisch Bilder und Videos zu einer animierten Slideshow zusammenstellt. Eine Computerstimme, die besser klingt als Apples Siri, liest dazu eine ebenfalls automatisch erstellte Zusammenfassung des Nachrichtentextes vor.

Damals fand ich den Ansatz total faszinierend. Richtig massentauglich wurde die Wibbitz-Idee aber nicht. Auf Smartphones werden nicht nur Newsletter-Headlines zur Kenntnis genommen, sondern auch lange Analysen gelesen, Videoclips inklusive. Selbst Bücher lassen sich auf den iPhones und Galaxys dieser Welt prima konsumieren.

Print=Hintergrund, Online/Mobile=News - diese Frage stellt sich nicht mehr. Wohl aber: Partikel oder Artikel? (Richard Gutjahr). Nicht nur Gutjahr, auch FAZ-Digitalchef Mathias Müller von Blumencron haben bei US-Besuchen fasziniert festgestellt, dass Studenten ihren Informationsgewinn hauptsächlich aus Newslettern, Snippets, Twitter und Infos ihrer Freunde in sozialen Netzwerken beziehen. Menschen, die durch Tageszeitungen medial sozialisiert wurden oder  immer noch Zeitung lesen, mögen sich fragen, wie man sich Wissen in 140 Zeichen aneignen  und Informationsbrocken zu einem nutzbaren Erkenntnisgewinn formen kann.

Allen Kulturpessimisten zum Trotz scheint es zu funktionieren. Auch deshalb ändert sich die journalistische Arbeit: Push-Nachrichten und kurze Updates werden genauso wichtig wie die „fertige“ Story. Und die Geschichten, von denen man glaubt, dass sie zu Ende erzählt werden, müssen für unterschiedliche Nutzungssituationen goutierbar gemacht werden. Medien müssen, wenn nicht omni-, dann zumindest multipräsent werden.

Die technischen Tools dafür gibt es allemal – für die Aufbereitung langer Geschichten als auch die Verteilung von Beiträgen auf unterschiedlichen Plattformen wie die Aufstückelung von Longreads in kurze Formate.

Es sei viel schwieriger, für die „Bild“ zu schreiben als für die „Zeit“, wurde mir vor 26 Jahren auf einem Volokurs eingebleut. Heute muss  Volontären beigebracht werden, wie man eine Geschichte von beispielsweise Zeit Online auf die Apple Watch übetragen kann.  

5. Zwischen Relevanz und Reichweite

 

Es sollte 2015 auch dem größten Twitter- und Facebook-Fan klar geworden sein, dass soziale Medien professionellen Journalismus nicht ersetzen können. Doch die größtenteils professionelle Berichterstattung über Flüchtlingskrise und Terror wird konterkariert durch den Trend, aus jeder Mini-Krise ein „gate“ zu machen, Diskussionen zum Shitstorm hochzuformulieren und Gerüchten mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als sie verdienen. Diese Form der Berichterstattung geht einher mit alarmistischen Headlines, einer übergroßen Fixierung auf das Geraune und Getöse in den sozialen Medien und basiert auf dem Aberglauben, Reichweite sei Relevanz.

Es ist gewiss keine Schande, SEO zu beherrschen. Und Website-Betreiber handeln ökonomisch rational, wenn sie wissen, wie man Google und Facebook einsetzt, ist hohe Reichweite in der Regel auch ein wichtiges Vermarktungsargument. Aber darf Search Engine Optimization, Suchmaschinenoptimierung, die Hauptantriebsfeder fürs journalistische Handwerk sein?

„Après moi, le déluge“, nach mir die Sintflut, mag der Wahlruf jedes Kapitalisten im 19. Jahrhundert gewesen sein. Es sollte nicht zum Selbstverständnis des Digitaljournalismus im 21. Jahrhundert werden.

Zumal die Milchmädchenrechnung „Hohe Reichweite gleich hohe Werbeeinnahmen“ sich angesichts der Debatten um Adblocker, Instant Articles, Content Marketing und Big Data perspektivisch in Luft aufzulösen droht. Künftig werden Faktoren wie Qualität, Verweildauer und Abbruchrate auch bei der Vermarktung eine größere Rolle spielen. 

6. Digital hilft Print

 

2015 haben Premiumanbieter wie "Zeit", "Süddeutsche" und "FAZ", aber auch Schlachtschiffe wie "Bild", gehörig in den Ausbau ihrer Digitalqualitäten investiert. Diese Investition in Personal und Technik wie der Mut zum Experiment müssen 2016 fortgesetzt werden. Zumal die Investitionen begleitet werden von einer Annäherung  zwischen Print und Digital: Wer bezahlt, hat auf Süddeutsche.de oder Bild.de vollen Zugriff auf die jeweilige Printausgabe.

Vor rund einem Jahr hatte ich notiert: „Print wird in Gestalt der digitalen Zeitung zum Rettungsanker der Digitalaktivitäten von Premiumtiteln.“ 

Ich revidiere. Eigentlich gilt umgekehrt: Digital rettet Print. Oder, nicht ganz so apodiktisch:  Digital hilft, mehr und mehr, guten Journalismus zu finanzieren.

 

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