Peter Frey, ZDF

Peter Frey, ZDF

Glaubwürdigkeit der Medien "Guter Journalismus braucht Selbstbewusstsein"

Freitag, 24. März 2017
ZDF-Chefredakteur Peter Frey plädiert dafür, dass Journalisten in Zeiten von Fake News und erodierendem Vertrauen in die Medien wieder selbstbewusster auftreten. Das gebiete schon allein die gesellschaftliche Verantwortung: "Wir müssen dafür sorgen, dass das Virus des Zweifels am Journalismus nicht in die Mitte der Gesellschaft überspringt", so Frey in seinem Gastbeitrag für HORIZONT.

"Elite-Medien", "Alt-Parteien", "alternative Fakten" – es sind solche Begriffe, mit denen Populisten versuchen, die Glaubwürdigkeit der Medien anzugreifen und die Gesellschaft zu polarisieren. Wir haben uns zu lange von diesen diffamierenden Begriffen treiben lassen. Es ist höchste Zeit, der Verunsicherung Einhalt zu gebieten und die weitere Debatte mit journalistischem Selbstbewusstsein zu führen.

Seit Pegida vor zwei Jahren den Begriff "Lügenpresse" geprägt hat, ist der Eindruck entstanden, immer mehr Menschen zweifelten grundsätzlich an Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit der Medien, unserem wichtigsten Kapital. Das ist aber nicht der Fall, wie zum Beispiel die regelmäßigen Befragungen der Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF zeigen. Die Zahl derer, die uns uneingeschränkt vertrauen, liegt bei rund zwei Dritteln. Es gibt also keine die ganze Öffentlichkeit umfassende Glaubwürdigkeits- und Vertrauenskrise.
„Es ist höchste Zeit, der Verunsicherung Einhalt zu gebieten und die weitere Debatte mit journalistischem Selbstbewusstsein zu führen.“
Peter Frey
Es gibt aber eine ansehnliche Minderheit, die uns und unsere Arbeit infrage stellt, und für die Kritik am etablierten Journalismus – noch vor Trump – geradezu ein Identitätsmerkmal ihrer politischen Überzeugung geworden ist. Seien wir ehrlich: Manche von diesen Kritikern werden wir weder durch Dialog noch durch Transparenz zurückgewinnen können. Aber wir müssen dafür sorgen, dass das Virus des Zweifels am Journalismus nicht in die Mitte der Gesellschaft überspringt.

Wie können wir das erreichen? Ich meine: Wir müssen begreifen, was hinter den sogenannten "Sorgen und Ängsten" verunsicherter Bürger steckt. Wir müssen uns zum Beispiel dafür interessieren, wenn Bürgerinnen und Bürger wegen des Strukturabbaus auf dem Lande, wegen der Wohnungssituation oder wegen prekärer Arbeitsverhältnisse in Opposition gehen – in Opposition gegen all diejenigen, die sie als Elite dieses Landes ausgemacht haben.

Auch grundsätzlich oppositionelle Standpunkte, etwa zur Flüchtlingspolitik, müssen selbstverständlich Platz im Programm finden. Und so bitter das ist: Es gibt auch im sozio-kulturellen Bereich Enttäuschungen. So hat die deutsche Einheit auch Verlierer produziert, Modernitätsmuster nach Ostdeutschland exportiert, die dort umstritten sind, oder auch im heiklen Bereich der Erinnerungskultur nicht überall das gemeinsame Bild von unserer Geschichte hervorgebracht, das für die Identität einer Nation Voraussetzung ist. Da gibt es Nachholbedarf in der politischen und kulturellen Auseinandersetzung.
Jan Böhmermann
© ZDF/Ben Knabe

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Wir müssen also mehr verstehen und analysieren, wo die Gründe für die Entfremdung aus der gefühlten Mitte der Gesellschaft liegen. Aber wir müssen andererseits nicht für alles Verständnis haben. Verständnis signalisiert immer auch Empathie. Um es klar zu sagen: Wenn es um Anschläge auf Flüchtlingsheime, um Gewalt- und Morddrohungen gegen Politiker und Journalisten, um Ausländerhass oder schlecht verpackten Antisemitismus geht, müssen wir auch klare Kante zeigen. Es gibt eine Grenze des Verständnisses, die wir mit klarer Haltung signalisieren müssen.

Solche Hetze wird leider momentan international hoffähig – durch Populismus, der sich in vielen Facetten zeigen kann. Aber auch hier lohnt sich Differenzierung: Beginnt "Populismus" mit einem besonders volksnah formulierenden Politiker oder erst dann, wenn – wie man in den USA jetzt erlebt – Institutionen der Demokratie, das Prinzip der Gewaltenteilung, das Zusammenspiel der Verfassungsorgane infrage gestellt wird? Es gibt Populismus von rechts und von links, und es gibt Politiker, und übrigens auch Journalisten, die um des Effekts oder der Aufmerksamkeit willen populistisch reden. Behauptungen von Fakten zu unterscheiden, Entdramatisierung, das gehört in diesen Zeiten zur Kernaufgabe von Journalismus.
Heute.de Korrekturen
© Screenshot Heute.de

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Wenn sich etwas als Lüge herausstellt, dann müssen wir diese auch so benennen. Gleichzeitig dürfen wir uns nicht von jedem Tweet ins Bockshorn jagen lassen. Wir müssen unser professionelles, journalistisches Selbstbewusstsein gegen die Strategie der Verunsicherung unserer Gegner setzen – und insofern müssen wir neben aller Bereitschaft zu Kritik, Transparenz und Dialog eine Art Schutzhaut bilden, um unser schwieriges Handwerk Tag für Tag zu bewältigen.

Ohne Selbstbewusstsein kann es keinen guten Journalismus geben. Ich bin überzeugt: Wir leisten mit unabhängiger Berichterstattung, mit Kritik, Analyse und gut begründeten Meinungsbeiträgen unseren Beitrag für Zusammenhalt und Verständigung – und ganz am Ende, und darum geht es ja, für das Funktionieren dieser Demokratie.

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