Ingo Rentz

Ingo Rentz

Flug 4U9525 Innehalten in der Nachrichtenflut - Das doppelte Dilemma der Medien

Mittwoch, 25. März 2015
Angesichts der Berichterstattung über den verunglückten Germanwings-Flug wird die verzwickte Lage der deutschen Medien deutlich: wie lässt sich eine derartige Katastrophe umfassend covern, ohne dabei übers Ziel hinauszuschießen?
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Germanwings Katastrophe Berichterstattung Dilemma Twitter


Die Medien, insbesondere die deutschen, befinden sich derzeit in einer unangenehmen Zwickmühle: ereigneten sich die jüngsten Flugzeugkatastrophen meist weit weg von der eigenen Haustür (MH370, MH17, Air Asia 8501), so haben wir es im Falle von Germanwings-Flug 4U9525 mit einer deutschen Airline und zahlreichen deutschen Opfern zu tun. Die Deutsche Presseagentur berichtete soeben von 72 statt 65 Opfern mit deutschem Pass.

Das versetzt die Medien in die Situation, noch genauer hinzuschauen  und mit noch höherer Frequenz berichten zu müssen. Denn es ist grausame Logik im Medienbetrieb, dass Opfer aus dem eigenen Land noch höhere Aufmerksamkeit zuteil wird, als wenn Menschen aus anderen Ländern ums Leben  kommen. Gerade Flugzeugunglücke verstärken diesen Effekt, da in der Regel leider gleich so viele Menschen betroffen sind.

Stefan Raab
Bild: Pro Sieben

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In dieser Konstellation die richtige Balance zu finden, ist ein Drahtseilakt, der nicht jedem gelingt. Natürlich kann und muss man es hinterfragen, ob es wirklich notwendig ist, Sondersendungen ins Programm zu nehmen, in denen dem Zuschauer dann wort- und bildreich vermittelt wird, dass man doch nicht mehr weiß , als noch eine Stunde zuvor. „Sie müssen eine hungrige Sendestunde nach der anderen mit 60 Minuten füllen ohne zu wissen womit. Die Anderen wiederum räumen eine Sondersendung nach der anderen ins reguläre Programm - und wissen diese doch ebenso nicht zu füllen“, echauffierte sich DWDL-Chef Thomas Lückerath in einem Kommentar.

Der Befund ist sicher richtig: Die x-te Schalte zum Korrespondenten, der auf einem Hubschrauberlandeplatz in den französischen Alpen seinen Aufsager macht, sorgt irgendwann eher für einen Abnutzungseffekt denn für tatsächliche Information. Und (Bewegt-)Bilder von Freunden oder Angehörigen der Opfer verbieten sich derzeit, da die Trümmer des Airbus gerade erst aufgehört haben zu qualmen, sowieso. Manchen Medien möchte man daher zurufen: schaltet lieber einen Gang zurück!

Presserat
Bild: Presserat

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In den sozialen Medien wird diese Art der Berichterstattung – zu Recht – von vielen kritisiert. Man sollte aber auch die andere Seite nicht außer Acht lassen: Wir leben im Zeitalter von Twitter, Facebook und Instagram – und damit im permanenten Nachrichtenstrom. Wer diese Welt gewohnt ist, dem kommt stundenlanges mediales Schweigen seltsam und verdächtig vor. Und informiert sich womöglich anderweitig, und nicht bei für gewöhnlich verlässlichen Medienmarken.

Man wird deshalb den Eindruck nicht los, dass die Kritik auf Facebook, Twitter und Co. teilweise sehr wohlfeil ist. Jeder giert nach Informationen, aber liefern darf sie keiner? „Natürlich ist der nachrichtliche Umgang mit solchen Katastrophen unbedingt kritikwürdig. Aber gerade im Verbund mit den heftigen Reaktionen auf Privatpersonen, die vermeintlich unpassend reagieren, entsteht ein anderes Bild: Das digitale Trauerkollektiv möchte nach einem Moment der Bestürzung wütend sein“, beschreibt Sascha Lobo auf Spiegel Online den Widerspruch.

Das Mithecheln einiger Medien ist insofern auch als Reaktion zu verstehen – als Reaktion auf den Verlust des Monopols über die Nachrichtenlage. Doch was wäre besser: stündliche Updates mit dem Hinweis, dass man noch nichts Neues wisse, also die Offenlegung der eigenen Uninformiertheit? Oder der doch lieber die Liveticker mit jedem nur verfügbaren Informationsfetzen, um sich als Herr der Informationslage zu präsentieren?

IN EIGENER SACHE: Liebe Nutzer, in den sozialen Kanälen von @ARDde wird es kein "Best Of Flugzeugabstürze" geben und wir...

Posted by ARD on Dienstag, 24. März 2015
Entscheidend ist, dass die Medien ihre Glaubwürdigkeit nicht verlieren. Welche Tücken das eigene Gebaren im Social-Media-Zeitalter haben kann, zeigte die ARD. Auf Facebook postete die Sendeanstalt am Tag des Absturzes von Flug 4U9525: „Liebe Nutzer, in den sozialen Kanälen von @ARDde wird es kein "Best Of Flugzeugabstürze" geben und wir werden keine Bilder von trauernden Angehörigen teilen. Aktuelle Erkenntnisse zum Absturzhergang werden wir kommunizieren, sobald sie uns vorliegen.“ In den Antworten teilte ein Nutzer einen Link, dazu den Satz: „Dieses ‚Kein Best Of Flugzeugabstürze!‘ sieht ungefähr so aus. Der Link führte auf einen Tweet der ARD. Titel: „Chronik schwerer Unfälle in der zivilen Luftfahrt http://www.tagesschau.de/ausland/flugzeugabsturz-germanwings-103.html … #Germanwings“. ire

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