David Hein

David Hein

Ein Jahr nach dem Start Netflix ist in Deutschland angekommen

Donnerstag, 17. September 2015
Vor einem Jahr ist Netflix in Deutschland gestartet. Offizielle Nutzerzahlen gibt es noch nicht, aber vieles deutet darauf hin, dass der Streamingdienst im deutschen Markt angekommen ist - und die TV-Landschaft von hinten aufrollt.
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Diese Woche im ICE nach Köln: Zwei Reihen vor mir schaut ein Mitreisender die neue Netflix-Serie "Narcos" auf dem Laptop. Sein Hintermann schaut ihm interessiert über die Schulter. Auch am Mittagstisch war die Serie über den berühmt-berüchtigten kolumbianischen Drogenbaron Pablo Escobar bereits Thema. Der neue Volontär ist mit der ersten Staffel bereits zur Hälfte durch, auch zwei andere Kollegen schauen die Serie, die Ende August weltweit gestartet ist, regelmäßig.

Zwei eher zufällige Szenen, die zwar nicht repräsentativ sind, die aber zeigen: Netflix ist ein Jahr nach dem mit großem Tamtam gefeierten Start im deutschen Markt angekommen. Die Serien des US-Streaminganbieters sind in der kleinen, aber feinen Zielgruppe der jungen und technikaffinen Serienfans Talk of the Town. Währenddessen versenkt Sat 1, früher einmal ein Vorreiter in Sachen deutsche Fiction, mit "Mila", "Frauenherzen" und "Josephine Klick" gerade in Rekordzeit drei weitere Serien.

Es ist etwas in Bewegung gekommen im deutschen Fernsehmarkt. Zwar noch langsam und kaum spürbar, aber die Zeit arbeitet für Netflix. Während vor allem die großen Privatsender nach wie vor nur mit angezogener Handbremse in neue Formate investieren und sich im Bereich Fiction vor allem auf etablierte Genres wie Krimis und Romantic Comedys verlassen, schiebt Netflix eine neue Produktion nach der anderen auf die Startrampe. Auf seiner Website listet das Unternehmen für das 4. Quartal 2015 und das kommende Jahr rund 70 (!) Premieren von neuen Serien, Serienstaffeln, Filmen und Dokus auf.
Innerhalb der kommenden fünf Jahre soll im Schnitt alle zweieinhalb Wochen eine neue Serie oder eine neue Staffel an den Start gehen, kündigte Ted Sarandos, Chief Content Officer des Video-Portals im Dezember an. Damit werde Netflix zum größten Produzenten von Original-Serien der Welt. "Unser Ziel ist es, großartige Filme und Serien für jedweden Geschmack anzubieten, die nur bei Netflix verfügbar sind", beschrieb Sarandos kürzlich seine Strategie.

Dank seines skalierbaren Geschäftsmodells und der weltweiten Auswertung – Anfang September ging Netflix in Japan an den Start, im kommenden Jahr folgen Südkorea, Singapur, Hong Kong und Taiwan – dürften sich dabei auch Produktion rechnen, die nicht unbedingt die große Masse ansprechen. So wurde "Lilyhammer", die erste Eigenproduktion von Netflix, vor allem in Skandinavien abgerufen. Ein klarer Vorteil des Unternehmens gegenüber nationalen TV-Sendern, die ihre Produktionen im Regelfall nicht global auswerten können. Die hiesigen Sender können noch von Glück sprechen, dass es Netflix offensichtlich nicht besonders eilig hat, auch in genuin deutsche Inhalte zu investieren.

Auch die sich verändernden Mediennutzungsgewohnheiten spielen Netflix in die Karten: Immer mehr Menschen nutzen Video-on-Demand-Portale und Streamingdienste. In Deutschland nutzt bislang erst jeder fünfte Internetnutzer entsprechende Angebote – hier besteht also noch jede Menge Wachstumspotenzial. Offizielle Nutzerzahlen für Deutschland gibt es nicht – laut einer Prognose von Digital TV Research könnte Netflix bis Ende 2015 aber bereits rund 1,2 Millionen Abonnenten erreichen. Zum Vergleich: Der Pay-TV-Anbieter Sky hat nach jahrelangem, hartem Kampf im vergangenen Geschäftsjahr erstmals die Hürde von vier Millionen Abonnenten genommen - 25 Jahre nach seiner Gründung.

Dass Netflix die TV-Landschaft innerhalb weniger Jahre komplett umpflügt ist trotzdem eher unwahrscheinlich – die klassischen TV-Sender haben mit dem Streamingdienst aber einen ernst zu nehmenden Konkurrenten bekommen, der in nur zwölf Monaten bereits erste Ausrufezeichen gesetzt hat. Und das obwohl Netflix noch nicht einmal richtig angefangen hat, den deutschen Markt zu beackern. dh

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