Volker Schütz

Volker Schütz

Der Fall Spiegel Dank Fußball zurück zu altem Biss?

Mittwoch, 28. Oktober 2015
Der kurze, aber heftige Schlagabtausch zwischen „Focus“-Herausgeber Helmut Markwort und „Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer belegt die unüberbrückbare Feindschaft zwischen den beiden Titeln und Verlagen. Doch die Verve, mit der sich der „Spiegel“ um die möglicherweise dunkle Vorgeschichte des WM-Sommermärchens kümmert, zeigt auch den festen Willen, das Hamburger Magazin wieder zum politischen Leitmedium der Republik zu machen. Das ist gut so.

Dieser Text handelt auch vom Fußball und deshalb beginnt er mit einer Redewendung, die dort häufig angewendet wird: Der „Spiegel“ hat mit Ausgabe 44 die Konkurrenz gut ausgekontert. Der Beweis, dass die Fußball-WM 2006 gekauft worden war, ist zwar immer noch nicht erbracht. Doch dank des Kronzeugen Theo Zwanziger (dessen Rolle bei der Geschichte ein eigene Recherche wert wäre) ist irgendwie klar, dass der DFB Dreck am Stecken hat – und Zwanziger-Nachfolger Wolfgang Niersbach wahrscheinlich ein Präsident auf Abruf ist.

Eine Woche früher sah die Sache – nicht nur für Deutschlands Fußball-Größen, sondern vor allen Dingen für den „Spiegel“ - noch ganz anders aus.

Der Aufmacher in Ausgabe 43 „Das zerstörte Sommermärchen“ war Anlass für eine teilweise bösartige Diskussion über die aktuelle journalistische Qualität beim Hamburger Nachrichtenmagazin: Den Anfang machte Meedia mit der Frage: „Das befleckte Sommermärchen: Riesenskandal oder ein Riesenproblem für den Spiegel?“ „Bild“-Kolumnist Franz Wagner  mokierte sich in wenigen, aber treffenden Zeilen über die vielen neuen Wörter im „Spiegel“: „Soll ... angeblich ... offenbar ... mutmaßlich ... anschaulich ... möglicherweise.“ Ich hatte den Autoren vorgehalten, sich ins Abseits gedribbelt zu haben, weil Beweise nicht erbracht, sondern nur suggeriert wurden.

Die grundlegende Schwäche  des Artikels nutzte dann aber auch "Focus"-Gründer Helmut Markwort zu einer Generalabrechnung mit dem Erzrivalen auf Focus.de:Bisher sind wir allenfalls Zeugen eines journalistischen Offenbarungseids geworden“, lästerte Markwort, der als langjähriger Bayern-Verwaltungsrat bestens mit Fußball-Sponsoren wie -Managern verdrahtet ist.

Klar, dass das die Hamburger nicht auf sich sitzen lassen konnten.

Ab in den journalistischen Infight: Klaus Brinkbäumer und das "Spiegel"-Team
Ab in den journalistischen Infight: Klaus Brinkbäumer und das "Spiegel"-Team (© HORIZONT-Montage)
In anderen Welten, lästert „Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer im aktuellen Heft, würden „Herren wie“ Alfred Draxler, Chefredakteur von "Sportbild" und Beckenbauer-Vertrauter, und Helmut Markwort „als Fans und Handlanger der Regierenden entlarvt werden“. In anderen Welten hätte der „Spiegel“ wahrscheinlich aber früher Butter bei die Fische gegeben.

Immerhin: „Der Fall DFB“ zeugt vom unbedingten Willen der Hamburger Kollegen, den „Spiegel“ nach den ganzen Irrungen und Wirrungen an der Spitze des Blattes wieder als das politische Leitmedium des Landes zu etablieren.

Das haben wir auch dringend nötig.

Nicht nur „Der Fall DFB“, auch der mediale Umgang mit der Flüchtlings-Problematik, Pegida und den Hasskommentaren auf sozialen Netzwerken zeigen: Die Titel, die sich als Leitmedien verstehen, schwächeln – nicht nur bei Auflage und Anzeigenumsatz, sondern auch journalistisch.

Früher, als der Montag „Spiegel“-Tag war, war die Welt einfacher, weil es das Internet (dazu weiter unten) nicht gab, dafür aber klare Links/Rechts-Lager und ein – als Spätfolge der 68er Jahre – viel stärker an Politik interessiertes Lesepublikum.

Heute haben wir eine Kanzlerin, die viel „linker“, weltoffener und liberaler ist, als ihr traditionelles Wählerklientel und SPD-Hinterbänkler.

Und natürlich haben wir das Internet – mit einem kakophonischen und fragmentierten Chor von Meinungen, Shitstorms und Analysen, einer irren Geschwindigkeit der Nachrichten- und Meinungsmache und einem brutalen ökonomischen Zwang, aus Reichweite (Werbe-)Umsätze zu generieren.

Dies alles erschwert die Arbeit von Magazinen, besonders von denen mit politischem Anspruch. (Anmerkung: „Focus“ hatte unter Markworts Führung nie den Anspruch, eine dezidiert politisch konservative Zeitschrift zu sein: Hier stand eher Service im Vordergrund. Das will Chefredakteur Ulrich Reitz wie seine Vorgänger Quoos und Weimer – zu sehen ist freilich noch nicht allzu viel.)

Wer entscheidet also in solch unübersichtlichen Zeiten über unsere Köpfe? Fragt man Sebastian Turner, ist klar: „Die Leitmedien sind die Gewinner des Medienwandels", schreibt der Herausgeber des Berliner „Tagesspiegel“ in der "Zeit". Interessant seine Begründung für diese Entwicklung: Entscheidungsmedien "werden immer wichtiger, weil ihr Publikum immer wichtiger wird". Mit anderen Worten: Ausschlaggebend für ihre Relevanz ist nicht die journalistische Qualität, sondern die zunehmende Macht bestimmter Zielgruppen.

Die Realität sieht derzeit allerdings nicht ganz so euphorisierend aus: Nicht nur dem „Tagesspiegel“, auch anderen Marken, die sich als Leitmedien sehen, geht es nur mittelsuper, zumindest, was die Auflage betrifft. Ein Blick auf die aktuellen IVW-Zahlen verdeutlicht die weiterhin negative Entwicklung der meisten Titel, die sich als Qualitätstitel und Meinungsführer positionieren. „Immer weniger Print“ lautet die HORIZONT-IVW-Bilanz für das 3. Quartal. In Kürze: Die Magazine verlieren, als einzige überregionale Zeitung konnte das „Handelsblatt“ zulegen.


Die aktuellen Zahlen werden gestützt durch die gerade veröffentlichte „FAZ“-Elitestudie: Demnach erreichen Nachrichtenmagazine nur noch eine Gesamtreichweite von 12 Prozent, überregionale Tageszeitungen und Wochenzeitungen liegen mit 5 beziehungsweise 6 Prozent noch deutlich darunter. Kleiner Trost:  „Nimmt man nur die Elite in den Blick, steigen diese Werte auf 19 (Tageszeitungen) bis 26 Prozent (Nachrichtenmagazine) an - und zwar nur auf Print bezogen“, schreibt HORIZONT-Kollege Jürgen Scharrer.

Keine Frage: Es gibt noch genügend Qualitätstitel im Lande. Doch sind sie zugleich Meinungsführer und Leitmedien?  Zweifel sind angebracht.

Im aktuellen „Spiegel“ beschreibt Georg Diez sehr anschaulich den Bedeutungsverlust, den die „FAZ“ mit dem Tod ihres ersten Journalisten Frank Schirrmacher erleiden musste. Diez: "Zeitungen, Zeitschriften sind immer auch ein Spiegel ihrer Zeit, weil sie Ausdruck einer Stimmung, eines Selbstbewußtseins, einer Verunsicherung sind. Diese Geschichte über die "Frankfurter Allgemeine" und Frank Schirrmacher ist die Geschichte eines Verschwindens."

Auch ich als treuer FAZ-Leser frage mich immer mehr: Wohin sind die Geschichten, für die man zu Schirrmachers Zeiten das FAZ-Feuileton gelesen, geliebt und verschlungen hat, verschwunden? Wo bleibt die Auseinandersetzung mit den Internet-Großkonzernen? In welchen Beiträgen wird unser digitales Leben gegen den Strich gebürstet? Was bedeutet Demokratie in einer Gesellschaft, die nach Antworten auf dramatische und ganz reale Entwicklungen sucht? Es ist nicht so, dass die klugen Köpfe dazu nichts sagen. Es fällt aber zwischen den ganzen Rezensionen nicht mehr auf.

Das Glück für die „FAZ“: Den anderen geht es auch nicht besser.

Wir erleben derzeit eine Medien-Gesellschaft, in der häufig, allzu häufig der Boulevard den politisch-gesellschaftlichen Diskurs bestimmt.

Kai Diekmann hat – das war meine Meinung und ist es immer noch – aus einem bisweilen schrecklich-dumpfen Print-Titel eine ziemlich interessante Medienmarke aufgebaut, die perfekt orchestriert ist: Print, Online, Mobile, Paid Content.

Ich bin also kein „Bild“-Hasser.

Aber sollte es nicht zu denken geben, dass ausgerechnet der Axel-Springer-Titel den medialen Takt bei Themen wie Flüchtlinge und Hass-Kommentare vorgibt (inklusive fragwürdigem Outen von Facebook-Hetzern).

Print muss kämpfen, weil das Internet so stark ist - bequeme Ausrede: Es wäre ja schön, wenn das Netz zu einer Etablierung von Leitmedien geführt hätte.

Doch meistens wird die Reichweite eines Angebots mit der Meinungsstärke und redaktionellen Bedeutung verwechselt. Angebote, die eine Haltung haben, an der sich Leser reiben und orientieren können, gibt es auch im Netz viel zu wenig.

Nein? Schauen wir uns bei einigen üblichen Verdächtigen um:

  • Focus.de? Die Website hat keine erkennbare journalistische Mission, sondern ein ganz profanes Ziel: reichweitenstärkstes Angebot zu werden.
  • Spiegel Online? Eine Haltung ist derzeit nicht erkennbar. In Meedia ätzt Georg Altrogge: „Als Dauernutzer empfinde ich die Homepage von Spiegel Online zunehmend als konfus und ohne Linie. Sie ist langweiliger geworden, und es kostet mich Mühe, die Texte der Autoren zu finden, die ich schätze und die – natürlich – nichts von ihrer Klasse eingebüßt haben.“ Dem kann man nur zustimmen. Damit nicht genug. Laut Chefredakteur Florian Harms will Spiegel Online künftig Artikel bringen, die zum „Weiterdenken anregen, die auch bei düsteren Themen einen Aspekt aufzeigen, der Hoffnung macht, der einen Ausweg weist, der viel diskutierte Themen auch mal aus einer anderen Perspektive beleuchtet.“ Das könnte von Arianna Huffington stammen. „Constructive News“ passen prima zur Huffington Post, von Spon erwarte ich die Geschichten, die der „Spiegel“ früher nahezu wöchentlich (und nicht wie jetzt nur ab und an) geliefert hat. Vielleicht sorgt ja der Fall DFB für eine redaktionelle Katharsis bei den Spiegel-Onlinern.
  • Bild.de? Chefredakteur Julian Reichelt ist, wie ich an anderer Stelle formuliert habe, häufig, allzu häufig im journalistischen Kriegszustand. Aber die Haltung ist zumindest klar – sowohl Richtung Hasskommentare wie Richtung Adblocker.
  • Und FAZ.net, SZ.de und Zeit.de? Technisch und optisch teilweise sehr gut mit innovativen Ideen – wie die Verschränkung von Print und Online bei der SZ oder die  komprimierte FAZ-App „Der Tag“. Aber in den aktuellen Debatten kommen sie kaum gegen die Lautstärke von Bild.de an.

    Fazit: Der Journalismus ist nicht kaputt. Aber Print muss mehr Mut zu unbequemen Geschichten zeigen. Und Online muss sich von der besinnungslosen Reichweiten-Jagd lösen und mehr um Inhalte kümmern. Nur so entstehen (wieder) starke Leitmedien.
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