Ingo Rentz

Ingo Rentz

Datenskandal bei Facebook Wo ist Mark Zuckerberg?

Dienstag, 20. März 2018
Die ganze Welt berichtet über den massiven Datenskandal, den New York Times und der britische Observer aufgedeckt haben: Daten von mehr als 50 Millionen amerikanischen Facebook-Nutzern sind unerlaubterweise an die umstrittene Firma Cambridge Analytica weitergegeben worden. Seither haben sich mehrere hochrangige Facebook-Manager geäußert und versucht, offene Fragen zu beantworten und ihr eigenes Unternehmen aus der Schusslinie zu nehmen. Nur einer schweigt bislang: Facebook-CEO Mark Zuckerberg.

Mark Zuckerberg ist ein vorbildlicher Facebook-Nutzer - das sollte er als Gründer dieses Unternehmens auch sein. Er lässt seine mehr als 105 Millionen Abonnenten regelmäßig an seinem Alltag teilhaben, auch an privaten Dingen. Zuckerbergs letzter Post datiert vom 2. März. Er zeigt ihn und seine Frau Priscilla Chan mit einem Blech offenbar selbst gebackener Hamantaschen, einer Spezialität aus der jüdischen Küche.

Wenn sich die Welt derzeit für eines nicht interessiert, dann für Zuckerbergs Backkünste. Zu sensibel ist das, was die New York Times und der zur Guardian Media Group gehörende Observer vergangene Woche aufgedeckt haben (siehe Kasten "Die Akte Cambridge Analytica"). Nutzer, Medien und die für Facebook so wichtigen Werbekunden wollen vor allem eines wissen: Wie sicher sind Nutzerdaten bei dem Unternehmen wirklich? Wie konnte ein derart massiver Datentransfer wie der von 2015 geschehen, ohne dass bis heute die betroffenen Nutzer informiert wurden?

Die Akte Cambridge Analytica

Laut New York Times wurden ab 2015 mit der App "thisisyourdigitallife" Daten von 270.000 Facebook-Nutzern erhoben, offiziell für einen Psychologie-Test. Einloggen konnten sich die Nutzer in der App mit ihrem Facebook-Account.

Damals erlaubte Facebook Entwicklern allerdings noch, nicht nur Daten des App-Nutzers zu sammeln, der sich mit Facebook eingeloggt hatte - sondern auch von dessen Facebook-Freunden. Der Entwickler der App, der Cambridge-Forscher Aleksandr Kogan, gab die Daten anschließend an den Kronzeugen der New York Times, den früheren Cambridge-Analytica-Mitarbeiter Christopher Wylie und dessen Arbeitgeber weiter - was den Geschäftsbedingungen von Facebook sehr wohl zuwiderlief. Cambridge Analytica soll diese Daten anschließend genutzt haben, um Profile von US-Bürgern zu erstellen und diese für die Wahlkampf-Kommunikation des heutigen Präsidenten Donald Trump zu nutzen. Beides bestreitet das Unternehmen.

Facebook hat nach eigenem Bekunden bereits 2015 davon erfahren. Wie Paul Grewal, Vice President und Deputy General Counsel bei dem Unternehmen, in einem Blogpost erklärt, habe man daraufhin die App "thisisyourdigitallife" von der Plattform gelöscht und Kogan sowie Cambridge Analytica aufgefordert, sämtliche Daten zu löschen. "Cambridge Analytica, Kogan und Wylie bestätigten uns, dass die Daten vernichtet worden seien", schreibt Grewal.

Dies entsprach laut Grewal und New York Times aber offenbar nicht der Wahrheit, weshalb Cambridge Analytica und dessen Mutterfirma Strategic Communication Laboratories (SCL) von Facebook ausgeschlossen wurden. Auch Kogan und Wylie wurden suspendiert. Facebook-Manager Grewal betont jedoch, dass es sich nicht um eine Datenpanne ("Breach") handele: "Die Menschen stellten wissentlich ihre Informationen zur Verfügung, es wurde in keine Systeme eingedrungen, und weder Passwörter noch sensible Informationen wurden gestohlen oder gehackt."
Zuckerberg schweigt dazu bislang. Jener Mark Zuckerberg, der das Jahr 2018 mit dem Versprechen eingeleitet hatte, Facebook wieder besser zu machen. In die Bresche springen andere: Zu allererst Vice President Paul Grewal, der in einem Blogpost die Sperrung der Accounts von Cambridge Analytica und dessen Mutterfirma Strategic Communication Laboratories verkündet hatte.

Auch Alex Stamos hat sich zu Wort gemeldet - der Sicherheitschef von Facebook machte dabei aber eine mehr als unglückliche Figur. Ein erstes Statement auf Twitter löschte Stamos kurz darauf wieder, weil er, wie er selbst erklärte, "sich besser hätte einschalten können". Inzwischen hat Stamos aber ganz andere Probleme: Denn laut New York Times wird Facebooks Chief Security Officer das Unternehmen bis August verlassen.
Und dann ist da noch Andrew Bosworth, Vice President bei Facebook für die Themen Augmented und Virtual Reality und früherer Anzeigenchef des Unternehmens. "Boz", wie er sich selbst nennt, ist einer der längsten Weggefährten von Mark Zuckerberg. Im vergangenen Jahr schilderte er beim Festival der Online Marketing Rockstars seinen gemeinsamen Weg mit dem Facebook-Gründer auf sehr unterhaltsame Weise (Kurz nach ihm betrat übrigens Cambridge-Analytica-Chef Alexander Nix die Bühne).

Auf seiner Facebook-Seite hat Bosworth nun einen längeren Text veröffentlicht, in dem er einige der Fragen rund um die Veröffentlichungen der New York Times und des Observer zu beantworten versucht. Darin schreibt er etwa, die Vorgänge würden Facebooks Geschäftsmodell zuwiderlaufen. Auch sei er den Journalisten dankbar für ihre Enthüllungen - die Observer-Journalistin Carole Cadwalladr hatte allerdings getwittert, Facebook habe die Veröffentlichung mit einer Klagedrohung verhindern wollen.

Facebook gerät derweil immer stärker unter Druck: Die Aktie des Unternehmens fiel am Montag um rund sieben Prozent, wodurch der Börsenwert von Facebook um über 35 Milliarden Dollar schrumpfte. Das zeigt, wie sehr das Vertrauen der Märkte in das Unternehmen inzwischen angeknackst ist. Und wie wichtig es für den CEO wäre, das Vertrauen in sein Unternehmen wieder herzustellen.

Irgendwann wird sich Zuckerberg äußern müssen. Vielleicht bereitet er sein Statement schon längst vor. Mit einem "Sorry", dem einen oder anderen Update sowie der Versicherung, wie wichtig Facebook der Schutz der Daten seiner Nutzer sei, dürfte es dann aber nicht getan sein. ire

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