Wolfgang Borgfeld

Wolfgang Borgfeld

Schluss mit dem Rumgegate Inflationäre Skandalisierung ist nicht nur schlechter Journalismus, sondern auch gefährliche Gleichmacherei

Freitag, 06. November 2015
"Watergate" begann vor gut 40 Jahren als Affäre und entwickelte sich zum bis dato größten politischen Skandal in der US-Politik: Ein Präsident musste nach Recherchen zweier Journalisten zurücktreten; diese hatten ihn als Strippenzieher illegaler, gegen den politischen Gegner gerichteten Praktiken überführt. "Watergate" ist mithin in zweierlei Hinsicht ein Symbol: Die Adresse in Washington ist ein Synonym für den Versuch eines Machterhalts mit diktatorischen Mitteln und für meisterhaften, hartnäckigen und der Aufklärung verpflichteten Journalismus.
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Skandalisierung Dieselgate Bob Woodward Carl Bernstein


Watergate war politische Katastrophe und investigativer Triumpf. Es schadet sicher nicht, daran zu erinnern, wenn ein um den anderen Tag im Internet lancierte Momentaufnahmen mit diesem Attribut zu Skandälchen aufgepumpt werden, die mit der Mutter aller gate-apostrophierten Merkwürdigkeiten auch nicht das Geringste zu tun haben.

Ticket-Gate in Wolfsburg, Spa-Gate in der Formel 1, Deflate-Gate im American Football und diese Woche übernahmen die Kollegen vom Spiegel mal schnell Poppygate aus Großbritannien: Ein digital bearbeitetes Bild des britischen Premiers war eine Stunde auf Facebook zu sehen. Und schon hatten wir wieder einen Skandal: Die Motivation, zu einem Suffix zu greifen, um mal einer Mettwurst, mal einer Mohnblume zu breiterer Öffentlichkeit (und Online-Medien zu mehr Klicks) zu verhelfen, kann ich gut verstehen. Die Lust am Skandal ist etwas archaisches, schlechte Nachrichten sind (ökonomisch betrachtet) gute Nachrichten, der Boulevard braucht die Skandalisierung. Und so hat die Erweiterung -Gate eine einfache Funktion: Sie soll signalisieren, hier stinke was zum Himmel.

Der inflationäre Gates-Gebrauch erinnert an die zwischenzeitlich abgeebbte Shitstorm-Flut, als von jedem noch so kleinen Pups behauptet wurde, er sei geeignet, die derart im Wind stehenden Unternehmen oder Individuen in despektierlichen Anwürfen ertrinken zu lassen. Hier galt, was auch auf die Gates-Manie zutrifft: Die meisten der so bezeichneten Ereignisse sind von geradezu erschreckender Trivialität, irgendein "-gate" ist immer. Und so fand sich schon zwei Tage nach der Skandalmeldung die Blüte von der Blüte nicht mehr im skrollbaren Angebot von Spiegel Online. 

Es ist genau diese vielfache Dramatisierung beliebiger Auffälligkeiten, die den Begriff abgenutzt hat: Alles wird gleichgültig. Dieser undifferenzierte Einsatz banalisiert einen wirklichen Skandal, wie es beispielsweise der Diesel-Abgas-Betrug von VW ist: Hier haben wir einen Vorgang, der, wenn er mit der gleichen Verve und Hartnäckigkeit behandelt würde, wie sie seinerzeit Bob Woodward und Carl Bernstein zeigten, ein Imperium zu Fall bringen könnte. Doch das -gate macht alle gleich, und so suggerieren die Redakteure und Autoren der Öffentlichkeit (sicherlich oft ungewollt), Diesel-Gate könne ihr durchaus bei nächster Gelegenheit gleich wieder Wurst sein.

Aber als Journalisten müssen wir immer wieder versuchen, die bequemen, einfachen und daher natürlich oft betretenen und mithin ausgelatschten Denk- und Recherchepfade zu vermeiden, um uns stattdessen auf den mühevollen Weg zu machen, einen Vorgang zu analysieren, selbst zu verstehen und ihn dann seiner Bedeutung entsprechend einzuordnen. Das heißt, wir sollten uns vor Textbausteinen hüten, Bilder hinterfragen und allen Vereinfachungen kritisch gegenüberstehen.

Drum: Warum nicht die Dinge so benennen, wie sie sind? Als Affäre, Irrtum, Fehler, Unfall, Skandal oder eben auch mal - Witz. Im Journalismus steckt jede Menge Musik. Gerade Journalisten sollten die gesamte sprachliche Klaviatur nutzen, sonst werden ihre Geschichten monoton. Monotonie ist undifferenziert. Und undifferenziert ist gefährlich, denn es macht gleichgültig. Wolfgang Borgfeld

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