Roland Pimpl

Roland Pimpl

Burdas CEO im "Handelsblatt" Drei Gründe, warum das Kallen-Interview vor allem zwischen den Zeilen spannend ist

Montag, 24. Juli 2017
Dass Verlagsmanager mit anschwellender apokalyptischer Rhetorik gegen Google und Facebook anreden, ist nicht neu. Das Bemerkenswerte im jüngsten "Handelsblatt"-Interview mit Burda-Vorstandschef Paul-Bernhard Kallen sind daher eher einzelne Argumente und ihr thematisches Setting. Ein paar Gedanken über böse und gute Daten, über die Pluralbildung des Begriffes "Monopol" und über die absolute Zustimmung zum neuen Löschgesetz.

Erstens: Die Sache mit den Daten

Kallen wettert gegen „amerikanische Datensammelwut“, diagnostiziert „Datenraub“ und misstraut Informationen in Bit und Byte generell: „Es gibt keine unschuldigen Daten“, sagt der Burda-Boss, sondern es gebe über Menschen immer Informationen, die „man“ verdrehen könne, um damit Schaden anzurichten. Doch sind dann wirklich die Daten schuld – oder nicht eher die Verdreher? Mit diesen „man“ meint Kallen im Kontext des Interviews weniger die staatliche Datensammelei (etwa die Pläne zur Vorratsdatenspeicherung, das seit Ende Juni nicht mehr existente Bankgeheimnis oder den nun beschlossenen „Staatstrojaner“), sondern er meint die US-Internetriesen. Doch deren Datensammeln kann jeder ausweichen, indem man ihre Produkte nicht oder nur umsichtig nutzt – beim Staatsspähen gibt es diese Option nicht.
Bemerkenswert sind Kallens Worte nicht nur vor dem Hintergrund, dass sein Haus mit Focus Online das reichweitenstärkste aller Verlags-Newsportale betreibt – rein werbefinanziert und deshalb qua Geschäftsmodell das größte datensammelnde Presseportal im Land, ebenso Social-Media- und suchmaschinenoptimiert wie die hauseigene Klickschleuder „Huffpost Deutschland“.

Nein, verblüffend ist Kallens scheinbare Generalkritik am Datensammeln und damit an der Tracking-basierten Vermarktung von Google und Co vor allem deshalb, weil große deutsche Medienvermarkter etwas sehr Ähnliches planen: das Ausschlachten noch größerer Datensätze. Damit will man den US-Plattformen besser Paroli bieten. Auch Kallens Konzern dürfte dabei sein – zumindest zeigt sich sein Digitalvermarkter Burda Forward als einziger Player neben Initiator United Internet Media auch offiziell schon interessiert an einer solchen Datenallianz.

Das bleibt unerwähnt im Interview, das Kallen dafür nutzt, um mit Big-Data-Bashing für Burdas Privatsphäre-Browser Cliqz zu trommeln, den – obwohl nur einen Klick entfernt – bisher jedoch partout nur relativ wenige Surfer nutzen wollen. Weil es den meisten Menschen egal ist, dass ihre Spuren im Netz vermarktet werden, solange sie die Dienste bequem und kostenlos nutzen können? Oder weil sie gar nicht wissen, „was da für ein Film läuft“ (Kallen) – und wenn sie es „endlich verstehen, werden sie Alternativen haben wollen“? Ja, auch das kann gut sein. So ist es wohl klug von Burda, mit Cliqz eine Alternative am Start zu haben.

Inwieweit verbraucherschutz-populistische („Durch ihre Daten werden Menschen zur Ware“), nationalisierende („Die US-Konzerne …“) und bellizistische Rhetorik („Das Internet wurde okkupiert“) da glaubwürdig ist, sei angesichts eigener Datengeschäfte – auch bei der Tochter Burda Direct – dahingestellt. Vielleicht ärgert sich Kallen ja weniger übers Datensammeln an sich – sondern darüber, dass die US-Plattformen darin einfach besser sind. Und als Gegenstrategie setzt er nicht nur auf Nutzeraufklärung und Alternativen, also auf Wettbewerb, sondern er ruft auch das Wettbewerbsrecht zur Hilfe. Das ist richtig. Doch sind auch die Argumente richtig?

Zweitens: Die Sache mit den Monopolen

Das Internet bestehe aus Monopolen, dieses Lamento ist häufig zu lesen. Dann folgt oft die Aufzählung: Google, Amazon, Facebook, Apple (GAFA) – und niemand lacht. Auch nicht über den permanent-paradoxen Plural; dabei bezeichnet ein „Monopol“ doch schon als Wort (altgriechisch „monos“/allein, „polein“/verkaufen) eine Marktsituation, in der es nur einen Anbieter gibt. Bei den vier GAFAs ist das aber kaum der Fall: Für die allermeisten ihrer Dienste gibt es Alternativen – diese werden nur nicht so gerne und oft genutzt. Weil die Dienste der GAFAs wohl besser sind oder zumindest nicht so schlecht, dass bequeme Nutzer wechseln wollen. Natürlich spielen die oft zitierten Netzwerkeffekte hier eine Rolle: Ein voller Rummelplatz ist immer attraktiver als ein leerer. Doch wenn die Angebote selbst auf dem vollen bunten Rummelplatz (zu) schlecht werden und ein besserer ist gleich nebenan, dann können sich die Verhältnisse schnell drehen. Und wenn die vollen bunten Rummelplätze voll und bunt bleiben? Dann leiden eher die Konkurrenzplätze, doch kaum die Kunden.

Für die Verbraucher kann es sogar nachteilig sein, wenn Behörden in bestimmten Situationen versuchen, Wettbewerb herbei zu regulieren: Nachdem das Kartellamt der Deutschen Fußball-Liga (DFL) verboten hat, ihre TV-Rechte weiterhin an nur einen Sender zu verkaufen („No Single Buyer Rule“), wird dieser Amtseingriff in die Vertragsfreiheit für die Fernsehfußballfans jetzt erstmal komplizierter und teurer.

Kallen zählt sogar noch einen fünften US-Netzriesen zum Club der „Monopolisten“: Microsoft, Eigentümer des Karrierenetzwerks Linkedin, dem Hauptwettbewerber von Burdas Xing. GAFAM sozusagen. Der Gigant Microsoft müsse „dauernd in Bewegung bleiben, weil er andere, mächtige Konkurrenten hat“, eben die vier GAFAs. „Momentan ist Amazon wahnsinnig schnell unterwegs“, beobachtet der promovierte Volkswirt. Besser kann man Wettbewerb doch kaum beschreiben. Einen Wettbewerb (und eben kein Monopol), den weitere Dienste wie Twitter, Pinterest oder Snapchat zusätzlich antreiben. GAPFAMST?

Natürlich dominieren (nicht monopolisieren) bei manchen Teildiensten einzelne Anbieter. Doch dies findet statt in einem Meta-Wettbewerb: Um die Zeit und die Daten der Nutzer, um Werbegeld und immer mehr auch um attraktive Medieninhalte, die GAPFAMST entweder schon selber produzieren (lassen) oder um die sie bei Verlagen und Sendern buhlen, was deren Verhandlungsposition verbessern wird. Deshalb – und nicht etwa aus plötzlicher Liebe zu Bezahlschranken – bietet sogar Facebook nun auch Pay-Modelle bei seinen Instant Articles.

In zwei ebenso wichtigen wie bekannten Punkten indes hat Kallen völlig Recht: Mit seiner Kritik an der datenschutz- sowie wettbewerbsrechtlichen Benachteiligung europäischer Digitalunternehmen gegenüber den US-Plattformen. Das viel zitierte „level playing field“, gleiche Wettbewerbsvoraussetzungen, ist nach wie vor nicht gegeben. Vielleicht allerdings sollten die Verlagslobbyisten in Berlin und Brüssel hier auch einmal andersherum denken: Statt Fesseln auch für die GAFAs zu fordern, könnte alternativ doch ebenso eine Lockerung der eigenen Fesseln für fairere Konkurrenzbedingungen sorgen. Denn die Risiken einer schärferen Regulierung für alle zeigt die anstehende E-Privacy-Verordnung der EU: Sie wird auch für die GAFAs gelten – aber ausgerechnet diesen wegen ihrer Log-in-Modelle nützen.

Ist es illusorisch und naiv, angesichts der zersplitterten europäischen Medienlandschaft, „die für Amerikaner vorteilhafter ist als für uns selbst“, so Kallen treffend, auch einmal in diese Richtung zu denken? Nein, ist es nicht mehr. Das seit diesem Frühjahr gelockerte deutsche Kartellrecht deutet in diese Richtung, ebenso wie jüngste Forderungen amerikanischer Zeitungen, in die Konditionenverhandlungen mit den GAFAs vereint marschieren zu dürfen, unbehelligt von Abspracheverboten.

Vor diesen Hintergründen kann man Kallens Furor gegen die vermeintliche Ignoranz und Unwissenheit des deutschen Kartellamts und der – im Gegensatz zu den Interessensvertretern eigener Verlagsgeschäfte – unabhängigen (!) Monopolkommission auch wie folgt lesen: Als Angriffsverteidigung gegen das auf den klassischen Medienmärkten (bis herunter zu den Häkelzeitschriften) bisher oft kleinteilig urteilende Bundeskartellamt. So nach dem Motto: Wenn die deutschen Medienhäuser bald ihre Datenallianz starten und vielleicht weitere Bündnisse schmieden, dann möge die Bonner Behörde doch bitte nicht auf die Idee kommen, die deutschen Davids im Kampf gegen die US-Goliaths kartellrechtlich zu fesseln.

Womit der Burda-Chef ja Recht hätte! Die Frage ist nur, ob es klug ist, die Bonner gegen die Brüsseler Behörden (Kallen: „Dort sitzt ein Team, das Netzwerkeffekte in ihrer ganzen Tiefe versteht“) auszuspielen, nur weil sich die Verlage gerade so sehr über die EU-Rekordstrafe gegen Google freuen. Doch die Politik ist ein unsicherer Verbündeter: Die EU-Vorgängerkommission hat das Thema anders beurteilt, der verlagsfreundliche Günther Oettinger ist als Digitalkommissar auch schon wieder weg und inwieweit das EU-Verdikt gegen Googles Shopping-Suche Bestand hat oder gar zum Präzedenzfall auch für Pressebelange wird, bleibt abzuwarten.

Drittens: Die Sache mit dem Löschgesetz

Denkbar kurz fällt Kallens Antwort aus, ob er das umstrittene Netzwerkdurchsetzungsgesetz für richtig halte, das Plattformen zum schnellen Löschen von „Hassbotschaften“ zwingt: „Absolut“, antwortet der Burda-CEO. Das beurteilen viele Verlagsleute (wohl auch bei Burda) jedoch ganz anders, ebenso wie Journalistenverbände und der Zeitschriftenverlegerverband VDZ, dessen Präsident (Kallens Verleger) Hubert Burda fast 20 Jahre lang war.

Man sehe die Gefahr, „dass Presseartikel auf Plattformen im vorauseilenden Gehorsam zum Teil gelöscht werden“, sorgt sich auch der Zeitungsverband BDZV, dessen Präsident Mathias Döpfner immer wieder davor warnt, eine Technologieplattform wie Facebook als „globalen Superverlag“ zur Inhaltskontrolle zu drängen. Andere Verlagsleute werden deutlicher und kritisieren die „politische Inpflichtnahme privater Unternehmen zur Meinungskontrolle“ durch hohe Bußgelder gar als die „europäisch mögliche Variante chinesischer Verhältnisse“.

Dies und dagegen Kallens VDZ-konträre „absolute“ Zustimmung zum neuen Löschgesetz sollte im Hinterkopf haben, wer den Burda-CEO als möglichen neuen VDZ-Präsidenten ins Spiel bringt. In diesem Fall wären hier oder da markante inhaltliche Positionswechsel nötig. rp

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