David Hein

David Hein

Bundeswehr-Doku "Die Rekruten" Realsatire für Volk und Vaterland

Donnerstag, 03. November 2016
Eine Klarstellung vorweg: Ich habe nicht gedient, sondern Zivildienst geleistet. Die Absurditäten der Grundausbildung bei der Bundeswehr kannte ich bislang nur aus Erzählungen. Die Webserie "Die Rekruten" bietet nun auch ehemaligen Zivis einen Einblick in den Alltag angehender Soldaten – und bestätigt leider viele Vorurteile, die man über die Truppe pflegt. Unterhaltsam sind "Die Rekruten" trotzdem.
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"Die Rekruten" ist Teil einer großangelegten Recruitingkampagne der Bundeswehr, die seit der Aussetzung der Wehrpflicht mit massiven Nachwuchssorgen zu kämpfen hat. Man wolle die Ausbildung "auf Augenhöhe mit den jungen Menschen" zeigen und gleichzeitig "mit den alten Klischees über die Bundeswehr aufräumen", teilt die Bundeswehr mit. Das gelingt aber leider nicht wirklich.

Kaum in der Kaserne angekommen, müssen sich die Rekruten an die Eigenarten bei der Truppe gewöhnen: Klappe halten, Stillstehen, Befehlen folgen. Eine Linie auf dem Boden markiert etwa die Stelle, an der die Neulinge vor der Tür zur Anmeldung warten müssen. Um anklopfen zu können, vollführen die Rekruten eigenartige Verrenkungen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Erst dann darf eingetreten werden. Geantwortet wird ab sofort nur noch mit einem zackigen "Jawohl", kommuniziert wird gern und oft in rätselhaften Abkürzungen: "Sind Sie FWDler oder SAZ?!" Und wem dann immer noch zu wohl ist, der darf mal eben einen Haufen Kleiderbügel zählen. Die Folge, in der Rekruten in der Kaserne ankommen, heißt passenderweise "Kulturschock". Inszeniert ist die Webserie (Produktion: Parow Pictures) im Stil klassischer Youtube-Videos: Die Kamera wackelt, dass einem beim Zuschauern mitunter schwindlig wird, die Schnitte sind schnell, die Musik und die Soundeffekte launig. Wenn ein Rekrut dumm aus der Wäsche schaut, wird schon mal ein Fragezeichen über seinem Kopf eingeblendet.

Es ist der große Reiz von Doku-Soaps, dass man aus sicherer Entfernung in fremde Lebenswelten eintauchen kann. Wer selbst nie eine Kaserne von innen gesehen hat, bekommt in "Die Rekruten" eine ganz gute Vorstellung davon, wie es zugeht beim Bund. Diejenigen, die selbst noch Wehrdienst leisten mussten, schwelgen beim Zuschauen in Erinnerungen, wie die zahlreichen Kommentare belegen - und wundern sich über die schicke Ausstattung der Vorzeigekaserne, in der "Die Rekruten" gedreht wurde.

Ob die Webserie allerdings dazu geeignet ist, potenzielle Kandidaten von einer Ausbildung bei der Bundeswehr zu überzeugen, darf bezweifelt werden. Dafür sind "Die Rekruten" zu sehr Realsatire. Bereits jetzt gibt es die ersten Persiflagen auf die Serie – etwa von "Titanic"

Wer schon immer Vorbehalte gegen die Truppe hatte, wird sich durch "Die Rekruten" eher bestätigt fühlen, als vom Gegenteil überzeugt. Unterhaltsam ist die Webserie trotzdem. Zumindest aus sicherer Entfernung. dh

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