Ulrike Simon

Ulrike Simon

"Bild" ohne Tanit Koch Es war an der Zeit

Freitag, 02. Februar 2018
Tanit Koch ist ein misstrauischer Mensch. Sie ist vorsichtig, penibel und kontrolliert. An die Spitze einer groben Marke gehört jedoch ein grober Charakter. Einer, der aus dem Bauch heraus entscheidet, nicht verkopft ist und nicht lange diskutiert. Einer wie Julian Reichelt eben.
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Reichelt und Koch sind journalistisch miteinander aufgewachsen. "Ich kenne sie, seit sie bei ,Bild‘ angefangen hat. Sie kennt mich, seit meinen ersten Tagen als Redakteur und Reporter", sagte Reichelt während der Redaktionsversammlung am Freitag.

Es stimmt. Beide sind geprägt von "Bild", jener "Bild" unter ihrem gemeinsamen, langjährigen Chefredakteur Kai Diekmann. Der Unterschied: Tanit Koch war das, was ein männlicher Kollege einmal "Kais Mädchen" nannte. Julian Reichelt ging eigene Wege.

Tanit Koch im Januar beim DLD
Tanit Koch im Januar beim DLD (© dpa/picture Alliance)
Als Tanit Koch Chefredakteurin der gedruckten "Bild" wurde, war Reichelt enttäuscht. Diekmann hatte vorgezogen, eine Vertraute als Nachfolgerin vorzuschlagen. Springer tat ihm den Gefallen: aus Loyalität und mit dem Wissen, ein Zeichen zu setzen.

Die Abschiedsmail von Tanit Koch an die "Bild"-Redaktion

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

Abschieds- und Liebeserklärungen (behauptet jedenfalls Fontane) sollten etwas gemeinsam haben: Kürze.

Zunächst zum Abschied, der gleich offiziell um 9.30 Uhr im Produktionsraum verkündet wird: Ich gebe meine Position als BILD-Chefredakteurin zum 1. März 2018 auf und verlasse den Verlag.

Wenn zwei Menschen professionell nicht harmonieren, lässt sich das eine Zeitlang durch Kompromisse ausgleichen. 2017 war davon geprägt, bis meine Kompromissbereitschaft an ihre Grenzen gelangte. Hinzu kam die Gewissheit, dass sich BILD nicht durch Kompromisse auszeichnet, sondern durch Klarheit. Deshalb habe ich mich zu diesem Schritt entschlossen.

Wie schwer er mir nach 13 großartigen Jahren im Haus gefallen ist, weiß jeder, der mich kennt. Die Liebeserklärung gelingt mir deshalb nicht in aller Kürze: Mein Herz schlägt BILD-rot, es schlägt für Euch, für Eure Leidenschaft, Eure Professionalität, Eure Menschlichkeit und Euren so ausgeprägten Sinn für Unsinn. Ihr seid BILD - und BILD ist einzigartig. Einzigartig ist auch die Position, die ich nun nach zwei Jahren verlasse und für die ich dem Verlag, allen voran Kai Diekmann, unendlich dankbar bin. Ich habe bei BILD journalistisch mehr erreicht, als meine Phantasie hergegeben hat (ein Luftballon-Büro inklusive), und ich wünsche Marion, Miriam, Uli, Julian, Brügel, Florian, Daniel und jedem einzelnen von Euch, auch künftig immer das zu erreichen, was BILD so unvergleichlich macht.

Ich lächle, während ich diese Zeilen schreibe, denn ich denke an Euch. Mit Euch zu arbeiten sollte vergnügungssteuerpflichtig sein - und dieses Vergnügen hält ein Leben lang an.

Danke für alles!

Bis gleich im 16. Stock,

Eure Tanit
Tanit Koch war die erste Frau an der Spitze von "Bild". Das ging gut, solange Diekmann Herausgeber blieb. Danach wurde eine Doppelspitze diskutiert, doch die alleinige Verantwortung für die Marke "Bild" wurde Tanit Koch nicht zugetraut. Das liegt nicht daran, dass sie eine Frau ist. Aber auch eine Frau muss sich in dieser Position als robust erweisen.

Julian Reichelt
© Axel Springer

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Boss der Bosse wurde daher Reichelt. Koch behielt ihre Zuständigkeit für die gedruckte "Bild". Das, sagte Mathias Döpfner am Freitag, war "gut gemeint, hat aber in der Praxis nicht funktioniert".

"Bild" ist längst eine digitale Marke, ihre DNA aber ist die gedruckte Zeitung. Sie verdient das meiste Geld. Umso mehr schmerzt der rapide Auflagenabsturz.

Als Verantwortlicher für die Gesamtmarke konnte sich Reichelt daher gar nicht zurückhalten. Er musste in Kochs Arbeit eingreifen. Für die Redaktion war das nicht existente Verhältnis der beiden belastend. Betrat Reichelt den Raum, war Koch degradiert. Augenkontakt mieden sie, in wichtige Entscheidungen band Reichelt sie nicht ein. Insofern war es an der Zeit, dass der Vorstand Klarheit schafft. usi

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