Roland Pimpl

Roland Pimpl

Augstein-Erben wollen raus Was ist der "Spiegel" den Mitarbeitern und G+J wert?

Donnerstag, 16. April 2015
Die Ausstiegsabsichten von drei der vier Augstein-Erben beim "Spiegel" zwingt dessen Mitarbeiter und Gruner + Jahr zum Schwur. Denn nun können – oder besser: müssen – diese beiden bestimmenden Gesellschafter des "Spiegel" ihren Worten Taten folgen lassen und beweisen, dass sie an die Zukunft des Verlags glauben. Und die Onliner könnten zeigen, wie viel ihnen ihre geforderte Beteiligung wert ist.

Die HORIZONT-Geschichte schlug am Mittwoch ein wie eine Bombe, bei den "Spiegel"-Mitarbeitern, ebenso in gesamt Medien-Deutschland: Die Halbgeschwister Jakob, Julian und Maria Sabine Augstein wollen ihre Anteile am väterlichen Verlag (jeweils 6 Prozent) offenkundig verkaufen.

Während die beiden Letztgenannten angesichts sinkender Gewinne wohl das Interesse am journalistischen Geschäft verloren haben – die Jahr-Enkel lassen grüßen –, dürfte bei Jakob Augstein auch eine Prise Trotz mitspielen: Der Verleger der Wochenzeitung "Der Freitag", "Spiegel"-Kolumnist und TV-Talker galt als Unterstützer des geschassten Chefredakteurs Wolfgang Büchner und dessen schnellen digitalen Verlagsumbaus – konnte sich gegen Mitarbeiter KG und G+J aber nicht durchsetzen. Zudem wurden ihm eigene Ambitionen auf ein Spitzenamt beim "Spiegel" nachgesagt, ob nun als Chefredakteur oder als Herausgeber.
Augstein, Jakob
© Hartmut Müller-Stauffenberg/ action press

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Wie auch immer: 18 Prozent am "Spiegel" dürften bald zum Verkauf stehen. Einzig die vierte im Erbenbunde, die "SZ"-Redakteurin Franziska Augstein, will ihre 6 Prozent behalten. Und nun? Die übrigen Gesellschafter – Mitarbeiter KG (hält 50,5 Prozent), G+J (25,5 Prozent) und Franziska Augstein – haben ein Vorkaufsrecht, aber keine Kaufpflicht. Stattdessen können sie sogar andere Interessenten ablehnen. In Teilen der Spitzen von Mitarbeiter KG und G+J wird das Thema seit einiger Zeit eruiert; nun müssen sie also irgendwann Farbe bekennen.

Verweigern die verbleibenden Gesellschafter die Übernahme der 18 Prozent sowohl selber als auch durch neue Investoren, dann blieben die drei Erben auf ihren Anteilen sitzen. Jedoch: An einem solchen öffentlichen Zwist mit einem ausstiegswilligen, aber blockierten und bestens vernetzten Jakob Augstein (dem Insider bereits bei der Büchner-Nachfolgersuche eine nur bedingt konstruktive Rolle nachsagten) haben Mitarbeiter KG und G+J keinerlei Interesse.

Und gerade G+J müsste sich fragen lassen, wieviel Tatkraft denn tatsächlich hinter dem Dauerbekenntnis (zuletzt G+J-Chefin Julia Jäkel im HORIZONT-Interview) zu Investitionen im Allgemeinen und in Qualitätsjournalismus im Besonderen steckt, falls man sich einer Aufstockung der "Spiegel"-Anteile verweigerte. Auch Thomas Rabe, Chef des G+J-Eigners Bertelsmann, lässt derzeit kaum eine Gelegenheit aus, sich zum Journalismus zu bekennen.

Der Kaufpreis sollte für G+J/Bertelsmann zu stemmen sein: Nach den Daumenregeln der Investitionslehre dürfte die Spiegel-Gruppe aktuell rund 160 Millionen Euro wert sein. Damit wären die zur Disposition stehenden 18 Prozent ungefähr 30 Millionen Euro wert. Eher noch etwas mehr, wenn man den gesellschaftlich-journalistischen Markenwert mit einpreist; eher deutlich weniger, wenn man den Firmenwert allein auf – in Zukunft wohl weiter sinkende – Gewinne gründet. Ein strategischer Kaufpreis dürfte keine Rolle spielen, da G+J schon jetzt über alle Vetorechte verfügt; mehr Anteile brächten also kaum Machtzuwachs.
Julia Jäkel
© Jorinde Gersina / Gruner + Jahr

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Spätestens an dieser Stelle kommt die Mitarbeiter KG ins Spiel. In ihr sind jene aktuell rund 750 der knapp 1200 Mitarbeiter der Spiegel-Gruppe organisiert, denen als stille Gesellschafter 50,5 Prozent am Verlag gehören. Hier wird seit Mittwoch auch offen darüber diskutiert, ob man – statt G+J oder statt eines neuen Investors – die 18 Prozent der abtrünnigen Augsteins übernehmen könnte. Denn einerseits sind viele "Spiegel"-Mitarbeiter traditionell von der Urangst durchdrungen, eines Tages von G+J/Bertelsmann komplett übernommen zu werden – etwa dann, falls der "Spiegel" auch mal Verluste machen sollte und die Gesellschafter Geld nachschießen müssten, also auch die beteiligten Mitarbeiter aus ihren Privat-Portemonnaies.

Doch andererseits: Rund 30 Millionen Euro sind für die bisher 750 stillen Gesellschafter viel Geld. Etwa 40.000 Euro müsste jeder beteiligte Mitarbeiter für die neuen Anteile berappen, ob nun direkt oder indirekt, falls die KG einen Kredit aufnähme.

So verwundert es kaum, dass nun auch eine weitere Diskussion neue Nahrung erhält: Jene über eine Beteiligung aller Mitarbeiter der Spiegel-Gruppe am Unternehmen, denn bisher sind nur die Print-Redakteure, Dokumentare und kaufmännischen Angestellten derart privilegiert – oder im Verlustfall zum Nachschießen verpflichtet. Die rund 150 Online-Redakteure plus 300 weiteren Mitarbeiter in den übrigen Sparten (etwa Spiegel TV, "Manager Magazin") blieben bisher außen vor.

Werden beide Themen miteinander verknüpft – auch darum dürfte es nun gehen –, könnte sich die Basis der stillen Gesellschafter verbreitern, auf maximal 1200 Mitarbeiter. Dann wären pro Kopf "nur" 25.000 Euro fällig. Denkbar wäre auch, dass sich G+J und Mitarbeiter KG den Zukauf teilen; dann würde sich der Pro-Kopf-Kaufpreis weiter verringern. Dass allein Franziska Augstein ihre Halbgeschwister herauskauft, kann indes ausgeschlossen werden.

Die bisherigen stillen (Print-) Gesellschafter müssen sich also nicht nur fragen, ob sie ihre Macht, Ausschüttungsrechte und Nachschusspflichten mit den Onlinern teilen wollen, sondern auch, ob sie aktiv in ihr Haus investieren wollen. Sind sie nun bereit, ihren Lippenbekenntnissen, dass man G+J kleinhalten wolle, auch geldwerte Taten folgen zu lassen? Und die bisher außen vor gebliebenen Onliner: Halten sie ihre Forderung nach Gesellschafterbeteiligung auch dann noch aufrecht, wenn die Mitgliedschaft in der erlauchten Mitarbeiter KG Eintrittsgeld kostet, nämlich den Kaufpreis der Augstein-Anteile?

Fazit: Sowohl G+J als auch die Mitarbeiter KG sollten interessiert sein, die 18 Prozent von Jakob, Julian und Maria Sabine Augstein zu übernehmen, ob nun alleine oder gemeinsam. Und die drei Abtrünnigen dürften keine Lust haben, dabei von G+J oder der KG blockiert zu werden. Das alles klingt nicht danach, als sei keine Einigung möglich. rp

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