David Hein

David Hein

Unglücksvideo in der "Tagesschau" Warum die Verwendung von Internetvideos alternativlos ist

Mittwoch, 10. Februar 2016
Die "Tagesschau" hat zur besten Sendezeit die wackeligen Handybilder eines Augenzeugen aus dem Unglückszug von Bad Aibling gezeigt. Im Internet werden die Bilder kontrovers diskutiert. Auch wenn die Entscheidung, das Material auszustrahlen, im aktuellen Fall falsch war, ist die Verwendung von Internetvideos in der Regel mittlerweile oft unverzichtbar.
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Die Bilder aus dem Unglückszug sind nur schwer zu ertragen: Man sieht schockierte, traumatisierte Menschen, hört Verletzte um Hilfe rufen, Menschen wimmern vor Schmerzen. Es sind Aufnahmen, die die "Tagesschau" und andere Nachrichtensendungen normalerweise nicht verwenden, und das mit gutem Grund. Bilder von Unfallopfern zu zeigen, verstößt nicht nur gegen journalistische Standards, es ist im Zweifelsfall sogar strafbar. Auf der anderen Seite gibt es mittlerweile kaum ein Unglück, einen Unfall oder einen Terroranschlag, von dem keine Amateuraufnahmen existieren. Oft sind die zufälligen, verrauschten Aufnahmen von Augenzeugen oder Überwachungskameras die einzigen Bilder, die es von Unglücken gibt.

Die ersten Minuten der Terroranschläge von Paris, der Bombenanschlag auf den Boston-Marathon, der Einschlag der ersten Maschine in das World Trade Center in New York – die wenigen unmittelbaren Bilder, die es von diesen Katastrophen gibt, sind allesamt zufällig entstanden. Oft sind es die einzigen bewegten Bilder zeitgeschichtlicher Ereignisse. In all diesen Fällen stehen Redaktionen vor der schwierigen Entscheidung: Was können wir unseren Lesern und Zuschauern zeigen und was nicht? Was ist ethisch vertretbar? Darf man die Bilder der Leichen im Bataclan zeigen? Die aus den brennenden Twin Towers fallenden Menschen? Die Verletzten im Zug?

In den meisten Redaktionen gibt es klare Standards für den Umgang mit solchen Bildern. Die Bilder von Unfallopfern oder Toten sind hierzulande in der Regel tabu. Auch die "Tagesschau" hat sich an diesen Grundsatz gehalten. Auf den verwendeten Sequenzen sieht man verbogenes Metall, Sitze, Enge und Dunkelheit – keine Verletzten, auch der Ton wurde bewusst weggelassen. Besonders aussagekräftig sind die wackeligen Aufnahmen (siehe Video ab Minute 0:49) nicht. Sie liefern dem Zuschauer keinen Mehrwert und vermitteln in der geschnittenen Version auch kaum einen brauchbaren Einblick in die Situation im Unglückszug.
Kai Gniffke, Chefredakteur von ARD Aktuell, hat in seinem Blogeintrag selbst von einem "halbherzigen Kompromiss" gesprochen. "Ein Kompromiss vielleicht, aber einer, der dem journalistischen Informationsauftrag ebenso gerecht wird, wie dem Respekt gegenüber den Opfern – und den Zuschauern."

Auch wenn die Entscheidung, die Aufnahmen zu zeigen, im aktuellen Fall wegen des fehlenden Mehrwerts falsch war – auf Handyvideos und Amateuraufnahmen zu verzichten, wäre im Zeitalter allgegenwärtiger Smartphones ebenfalls fahrlässig, wenn man ein Ereignis möglichst authentisch abbilden will. Die oft schwierige Entscheidungsfindung bei der Verwendung dieses Materials transparent zu machen, auf die Problematik der Bilder hinzuweisen, und das Rohmaterial aus Rücksicht auf Opfer und Zuschauer gegebenenfalls auch zu schneiden, ist dabei aber unverzichtbar. Und in dieser Hinsicht hat ARD Aktuell alles richtig gemacht. dh
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