Roland Pimpl

Roland Pimpl

Anti-Google-Kampagnen der Verlage Die zweite Meinung bei "FAZ" und Axel Springer

Mittwoch, 18. März 2015
Vor allem im Sonntagsmarkt sind "FAZ" und Axel Springers "Welt" größte Konkurrenten – doch in Angst und Argwohn gegenüber Google wirken beide Zeitungen kongenial vereint. Besonders unter dem verstorbenen "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher, der mit Springer-Chef Mathias Döpfner ("Wir haben Angst vor Google") die Verlagskampagne gegen Google anführte. Jetzt zeigt sich: Führende Redakteure beider Titel denken da anders. Dies spricht nicht gegen "FAZ" und "Welt", sondern ausdrücklich für beide Titel. Und für die innerredaktionelle Meinungsfreiheit in beiden Häusern.

Rainer Hank, seit Ende der 80er-Jahre bei der "FAZ", zwischendurch beim "Tagesspiegel" und seit Herbst 2001 Wirtschaftsressortleiter bei der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" (und dort ein luzider Kommentator auch zum Thema Euro), hat mal wieder ein Buch geschrieben. In "Links, wo das Herz schlägt – Inventur einer Idee" beschreibt Hank (s)eine Wandlung vom gefühlsduseligen Linken zum lösungsorientierten Liberalen.

Darin kritisiert Hank auch unreflektiertes Google-, Apple- und Amazon-Bashing und die Wünsche unter anderem der Verlagslobby, Google zu zerschlagen. Sein zentrales Argument (das immer mal wieder auch in HORIZONT zu lesen ist): Ein Unternehmen, das stark ist, weil es gute Dienste bietet, die viele Menschen freiwillig nutzen – das sollte nicht zerschlagen werden. "Die Marktwirtschaft ist für den Kunden da", legt der "FAZ"-Redakteur nun im Interview mit der "Welt" nach, und Google & Co brächten viele Vorteile. Ja, Marktwirtschaft könne ungnädig sein: "Neue Wettbewerber bringen alte Wettbewerber in die Bredouille, die dann versuchen, ihr partikuläres Interesse als Ausdruck des Gemeinwohls darzustellen."

Das ist deutlich. Doch es geht noch weiter: "Wer hat gesagt, er fürchte sich vor Google?", fragt Interviewgast Hank beim Gesprächstermin in Springers holzgetäfeltem Journalistenclub: "Ich war es nicht." Eine Frontalanspielung auf Döpfners offenen Brief einst in Schirrmachers "FAZ" – und damit eine klare Distanzierung von deren Anti-Google-Feldzug.

Interessant zuvor auch die Frage der Interviewerin Andrea Seibel, ihres Zeichens Ressortleiterin Meinung bei Springer-Döpfners "Welt". Auch Seibel hält offenbar wenig von der Kampagne unter anderem ihres CEO: Es ärgere sie "gewaltig", dass Hank seine "liberalen Marktgedanken" nicht öfter in seiner "FAZ" veröffentlicht habe, "die ja fast messianisch-getrieben einen Kreuzzug gegen Google führt". rp

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