Werberat-Bilanz Mehr Beschwerden, mehr Sexismus

Donnerstag, 27. Februar 2014
Gerügtes Motiv der "Neuen Nordhäuser Zeitung"/ Luck & Franke GbR
Gerügtes Motiv der "Neuen Nordhäuser Zeitung"/ Luck & Franke GbR


Die Deutschen regen sich bei Werbung gerne auf. Vor allem bei nackten Brüsten, einem diskriminierenden Frauenbild und Sexismus kocht die Erregung hoch. Der Werberat kann das bestätigen. 2013 gab es 1350 Eingaben von Personen und Organisationen. So viele wie schon lange nicht mehr. Nur einmal in der 42-Jährigen Geschichte des Gremiums gab es mehr Eingaben: im Jahr 2001.
Das zeigt die aktuelle Bilanz des Selbstregulierungsorgans der hießigen Werbewirtschaft. Die Beschwerden richteten sich insgesamt gegen 522 Aktivitäten, von denen 340 in die Zuständigkeit des Werberats entfallen. Häufigster Beschwerdegrund ist ein diskriminierendes Frauenbild (154 Fälle) vor Verstößen gegen ethische Mindestanforderungen (22 Motive) und die Gefährdung von Kindern und Jugendlichen (22 Fälle).

Das klingt nach einer Flut von massiven Verletzungen branchenüblicher Standards. Doch in der täglichen Arbeit zieht Hans-Henning Wiegmann eine andere Bilanz: "Es gibt Grenzüberschreitungen in der Werbung. Aber wir können auch feststellen, dass die Branche das nötige Fingerspitzengefühl besitzt", sagt der Vorsitzende des Deutschen Werberats. In 249 Fällen konnte die Beschwerde gegen die Werbung daher auch als unbegründet zurückgewiesen werden. In 91 Fällen allerdings teilte das Gremium die Bedenken aus der Bevölkerung. Und hier zeigt sich, wie schwer das Wort des Werberates wiegt. Die betroffen Unternehmen stellten in der Mehrheit die Werbung ein oder änderten sie. Die Durchsetzungsquote des Gremiums liegt im vergangenen Jahr bei 88 Prozent. Das schafft Respekt. Bei den Branchenteilnehmern, der Politik und Verbraucherschutzorganisationen.

Löste viele Proteste aus: Redcoon-Spot
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Und das ist wichtig. Greift die Selbstregulierung nämlich nicht, wird eines Tages der Gesetzgeber aktiv. Für die Werbefreiheit wäre das alles andere als gut: " Je mehr Gesetze es gibt, desto weniger Platz gibt es für die Selbstregulierung", sagt Julia Busse, Geschäftsführerin des Werberates. Daher greift die Institution auch zu ihrem schärfsten Schwert, der öffentlichen Rüge, wenn sich ein Unternehmen weigert, die beanstandete Werbung zu ändern. 2013 war das elf Mal der Fall. Ein Plus von 83 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Besonders das Nein von Redcoon sorgte in dem Zusammenhang bundesweit für Aufsehen. Erst einige Tage nach der Roten-Werbekarte zog der Onlinehändler seine Oberweitenfixierte-Kampagne zurück. Auf die Media-Saturn-Tochter und die ebenfalls gerügte Neue Nordhäuser Zeitung, deren Werbesujet allerdings schon über zehn Jahre alt ist, konzentrierten sich alleine ein Drittel der Beschwerden.

Und noch eine Veränderung gegenüber dem Vorjahr stellt der Werberat fest: Die organisierten Beschwerden von Gruppierungen nehmen zu. Die Werbung wird dabei vor allem für eine Stellvertreter-Debatte von gesellschaftlichen Themen genutzt. Gerade deshalb legt Julia Busse auf eines besonderen Wert: "Wir prüfen in jeden Einzelfall individuell, ob eine Grenzüberschreitung vorliegt. Und die kann sich durch gesellschaftliche Strömungen über die Jahre durchaus verändern."

Zumal die Arbeit nicht abreißt. Seit vorgestern liegt dem Gremium eine Beschwerde gegen die aktuelle Jägermeister-Kampagne vor. Hier stößt sich eine Person daran, dass das Jägermeister-Kreuz in dem Spot in Flammen aufgeht. Ob das gegen die Regeln des Werberats verstößt, ist offen. "Der Fall wird jetzt erst geprüft", sagt Busse. Die Verletzungen von religiösen Gefühlen spielt 2013 bei den Beschwerden übrigens kaum eine Rolle. Hier gab es lediglich eine Eingabe. mir

Diese Motive wurden vom Werberat gerügt:

Gerügtes Motiv der Simple Communication
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Fred and Fly lag mit zwei Motiven daneben
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Stieß ebenfalls auf Kritik: die Werbung von Seka
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Marks Foodservice lag ebenso daneben
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Für den Werberat ist die Werbung von pcfritz.de Onlinestore ziemlich offline
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Hungrig auf Ärger: Waldwirtschaft Alter Kanal
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Anhänger-Land änderte nach einer Rüge seine Werbung
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