VW-Chef Matthias Müller "Volkswagen wird am Abgasskandal nicht zerbrechen"

Donnerstag, 10. Dezember 2015
Matthias Müller, CEO von Volkswagen
Matthias Müller, CEO von Volkswagen
Foto: VW

Es ist ein selbstbewusstes Fazit, das die VW-Spitze aus den ersten Erkenntnissen des Abgasskandals zieht: Der Konzern wird daran nicht zerbrechen. Er klärt weiter auf, richtet sich neu aus und will das Vertrauen der Kunden zurückgewinnen.
Die Lage redet bei Volkswagen derzeit keiner schön. Aber sie treibt niemanden mehr in die Verzweiflung. "Das Unternehmen wird daran nicht zerbrechen", sagt CEO Matthias Müller.
Hans-Gerd Bode, VW-Konzernsprecher, Hans Dieter Pötsch, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Volkswagen AG, sowie CEO Matthias Müller (v.l.)
Hans-Gerd Bode, VW-Konzernsprecher, Hans Dieter Pötsch, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Volkswagen AG, sowie CEO Matthias Müller (v.l.) (Bild: VW)
Gleichwohl macht Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch erneut klar, dass sich das Unternehmen in der größten Bewährungsprobe seiner Geschichte befinde. „Die Krisenfolgen werden vermutlich beträchtlich sein“, sagte Pötsch. Gut zweieinhalb Monate nach Ausbruch der Abgassaffäre, ausgelöst durch Softwaremanipulationen an Dieselfahrzeugen in den USA, präsentierte heute die Konzernspitze erste Ergebnisse der Aufklärungsarbeit. Seit Mitte September durchforsten insgesamt 450 interne und externe Ermittler, die unabhängig von einander arbeiten, das Unternehmen. In den vergangenen Wochen haben sie gigantische 102 Terrabyte an Daten ausgewertet, 87 ausführliche Interviews geführt und mehr als 1500 elektronische Geräte von 400 Mitarbeitern gesichert. Man versuche den kompletten Prozess und Ablauf nachzuvollziehen, der zu den Manipulationen geführt hat, erklärt Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch: "Alles kommt auf den Tisch, nichts wird unter den Teppich gekehrt."
Hans Dieter Pötsch, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Volkswagen AG
Hans Dieter Pötsch, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Volkswagen AG (Bild: VW)
Erneut sicherte er zu, dass ohne Rücksicht auf Position und Ansehen von Personen ermittelt werde. Bisher hat VW neun hochrangige Manager freigestellt, die möglicherweise an den Manipulationen beteiligt gewesen sein könnten. Konkrete Namen wollte Pötsch aber noch keine nennen. Nach den bisherigen Ermittlungen haben vor allem drei Faktoren zu den Manipulationen geführt:

1. Individuelles Fehlverhalten

2. Schwachstellen in Prozessen

3. Toleranz von Regelverstößen in einigen Teilen des Unternehmens.

Punkte, die der Konzern künftig abstellen will, in dem er beispielsweise Prozesse überarbeitet. Künftig gilt beispielsweise noch stärker als bislang das Vier-Augen-Prinzip. Mängel in den IT-Systemen würden zudem beseitigt. Und um das Vertrauen in die Angaben von Abgas- und Verbrauchswerten zu erhöhen, wird VW Real-Life-Tests auf der Straße fahren und künftig alle Emmissionstests grundsätzlich extern und unabhängig überprüfen lassen. Pötsch nutzte die Chance, auch an den Wettbewerb zu appellieren. "Wenn es um Verbrauchswerte geht, brauchen wir mehr Mut zur Ehrlichkeit."
„Alles kommt auf den Tisch, nichts wird unter den Teppich gekehrt.“
Hans Dieter Pötsch
Was die konkreten Maßnahmen angeht sollen nach wie vor im Januar die Rückrufe in Europa und hierzulande anlaufen und bis Ende des kommenden Jahres beendet sein. In den USA ist VW dagegen noch nicht ganz so weit. Hier laufen die Gespräche mit den entsprechenden Behörden zu den möglichen Lösungskonzepten. Um künftig Manipulationen zu verhindern, will Müller wie schon berichtet den Konzern neu ausrichten und dezentraler aufstellen. So bekommen die einzelnen Regionen und Märkte mehr Eigenständigkeit. Gleichzeitig will der CEO eine neue Unternehmenskultur entwickeln. "Wir brauchen mehr Silicon Valley. Den Mutigen gehört bei VW die Zukunft", sagt der ehemalige Porsche-Chef. Er stellt aber auch klar, dass derzeit nicht daran gedacht werde, einzelne Marken oder andere Unternehmensteile zu verkaufen. Allerdings würden bei VW alle Maßnahmen derzeit auf den Prüfstand gestellt.

Personelle Veränderung

Der personelle Neuaufang bei VW geht weiter. Gestern hatte der VW-Aufsichtsrat Karlheinz Blessing zum neuen Konzern-Personalvorstand ernannt. Ab Januar übernimmt der 58-Jährige den vakanten Posten. Der bisherige Personalchef Horst Neumann, 66, war Ende November in den Ruhestand gegangen. Blessing ist noch Vorsitzender des Vorstandes der Dillinger Hütte und der DHS – Dillinger Hütte Saarstahl sowie der Saarstahl AG. Zudem gibt es zwei neue Vorstände bei der Kernmarke VW. Ralf Brandstätter, 47, übernimmt das Ressort Beschaffung von Javier Garcia Sanz. der Position zusätzlich zu seiner Funktion als Konzernvorstand für Beschaffung wahrgenommen hatte. Garcia Sanz übernimmt zudem jetzt die Aufarbeitung der Diesel-Thematik. Frank Welscher wird neuer Entwicklungschef. Der 51-Jährige folgt auf Heinz-Jakob Neußer.
Mitte kommenden Jahres will Müller die neue Konzenstrategie, in der sich das alles widerspiegelt, vorstellen. Neue Geschäftsfelder, Digitalisierung und mehr E-Autos werden darin eine zentrale Rolle spielen. Und eine Erkenntnis, die Pötsch heute auch noch formulierte. "Kein Geschäft rechtfertigt es, gesetzliche und ethische Grenzen zu überschreiten." Genau daran, und nicht nur an der Qualität der Autos, wird man den Konzern künftig messen. mir

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