Tour de France Wie der Grand Départ in Düsseldorf dem deutschen Radsport Schub geben soll

Samstag, 01. Juli 2017
Applaus für die Fahrer bei der Team-Vorstellung in Düsseldorf
Applaus für die Fahrer bei der Team-Vorstellung in Düsseldorf
© ASO

Die Zahl 7 spielt für das Verhältnis der Deutschen zur Tour de France eine magische Rolle: 1977 fuhr Didi Thurau 15 Tage im gelben Trikot, 1987 fand der Grand Départ in Berlin statt, 1997 gewann Jan Ullrich als erster Deutscher die Tour. Und: 2007 stiegen ARD und ZDF während des Rennens wegen Dopingskandalen aus der Berichterstattung aus. Das Radsportinteresse stürzte hierzulande jäh ab, laut Nielsen von 40 Prozent 2006 auf rund 20 Prozent. 2017 nun, nach 30 Jahren, wieder ein Grand Départ, diesmal in und um Düsseldorf.

Jeder Vierte bekundet inzwischen wieder Interesse am Radsport (HORIZONT 18/2017), der auch vom allgemeinen Trend zur Mobilität per Rad profitiert. Es sind vor allem die konstanten Erfolge und das glaubhafte Auftreten von Fahrern wie Tony Martin, John Degenkolb, Marcel Kittel und André Greipel, die die Resonanz stabilisiert haben, auch aufseiten deutscher Sponsoren, wie etwa die Engagements von Alpecin, Bora, Hansgrohe, Lidl und Canyon zeigen.

Von einem gelungenen Event in der rheinischen Metropole erwartet nicht nur die ausrichtende Stadt einen Imageschub, sondern auch die Macher der Rad-Szene eine weitere Initialzündung für die Disziplin. Die mediale Welle vor der Tour fällt denn in Print, Online und TV auch deutlich höher aus als in den Vorjahren. Im Vergleich zum alles beherrschenden Thema Fußball schwappt sie aber weiter auf niedrigem Niveau. Laut einer von Alpecin beauftragten Umfrage von 1000 Personen wussten einen Monat vor dem Start 83,6 Prozent der Befragten nichts vom Grand Départ in der Heimat, obwohl 42,6 Prozent Interesse am Radsport bekundeten und ein Drittel eine TdF-Etappe in der Nähe besuchen würde. Dennoch erwartet Düsseldorfs OB Thomas Geisel am Wochenende bis zu einer Million Besucher beim Radsportfest am Rhein, wo der Prolog stattfindet und die erste Etappe startet.
Mehr als 10.000 Fans jubelten den Tour-Startern in Düsseldorf zu
Mehr als 10.000 Fans jubelten den Tour-Startern in Düsseldorf zu (Bild: ASO)

Teams: Bühne für Deutsche

Von den 22 Teams am Start stehen in Düsseldorf besonders die Mannschaften mit deutschen Fahrern und Sponsoren im Fokus. So haben die Sprintasse André Greipel von Lotto Soudal und Marcel Kittel von Quick-Step Floors (mit Co-Sponsor Lidl) bei der 2. Etappe durchaus Chancen auf das gelbe Trikot. Auch John Degenkolb von Trek-Segafredo hofft bei der Tour 2017 auf seinen ersten Tagessieg.

Das mit deutscher Lizenz fahrende Team Sunweb ist mit den deutschen Profis Nikias Arndt und Simon Geschke, aber ohne Giro-Sieger Tom Dumoulin dabei. Ohnehin scheint der Kommunikationsfokus des Teams trotz deutscher Lizenz nach dem Wechsel des Hauptsponsors Alpecin – abgesehen von Talentförderung – zurzeit weniger auf dem deutschen Markt zu liegen. Dieser unterstützt nun das mit Schweizer Lizenz startende Team Katusha Alpecin, das mit den deutschen Fahrern Nils Politt, Rick Zabel sowie Topstar Tony Martin antritt. Der Weltmeister im Zeitfahren gilt beim 14 Kilometer langen Prolog als Favorit auf das gelbe Trikot.

Alpecin verfolgt mit seinem Radsportengagement internationale Ambitionen, dennoch nutzt die Shampoomarke der Bielefelder Dr.-Wolff-Gruppe das Heimspiel intensiv. Auch für das deutsche Team Bora-Hansgrohe bildet der Grand Départ das Saisonhighlight. Mit dem Weltmeister und Topstar Peter Sagan sowie den deutschen Fahrern Emanuel Buchmann, Marcus Burghardt und Rüdiger Selig wird das Team besonders im Rampenlicht stehen – und umfangreiche Aktivierungsmaßnahmen vor Ort und im TV umsetzen.
Die Tour de France ist 2017 das weltweit größte Sportereignis
Die Tour de France ist 2017 das weltweit größte Sportereignis (Bild: Škoda)

Sponsoren: Im Rennmodus

Von den internationalen Top-Sponsoren der Tour de France dürfte Škoda beim Grand Départ am stärksten sichtbar sein. Nicht nur weil über 250 Fahrzeuge der Tschechen (inklusive des neuen SUV Karoq) seitens Veranstalter und einiger Teams im Renneinsatz allgegenwärtig sind und die Marke mit Bandenwerbung, in der Werbekarawane und als Sponsor des grünen Trikots in Erscheinung tritt. In Düsseldorf spielt zudem Hospitality mit rund 250 Gästen eine wichtige Rolle. Auch im TV-Umfeld aktiviert Škoda sein Engagement mit Spots in ARD und Eurosport ebenso wie im Vorfeld mit Medienkooperationen etwa mit „Sportbild“, „Auto, Motor und Sport“ und „TV Direkt“.

Die deutsche Vertriebsorganisation verlängert das Heimspiel mit PoS-Maßnahmen in den Handel. Dieser ist durch die wachsende Einbindung in die von Škoda gesponserten Jedermann-Rennen mit dem Thema vertraut. Auch Tour-de-France-Sondermodelle soll es geben. Die seit 2004 laufende Partnerschaft mit der TdF steht offenbar vor der Verlängerung.
Immer nah am Geschehen: Kamera-Motorräder sorgen für spannende Live-Bilder
Immer nah am Geschehen: Kamera-Motorräder sorgen für spannende Live-Bilder (Bild: Youtube)

Medien: Push für die Quote

So viel Radsport war lange nicht in den deutschen Medien – sowohl in Print, Online als auch TV, dem nach wie vor wichtigsten Multiplikator für das Interesse am Thema. Eurosport, das sich mit Live-Radsport an 200 Tagen mit über 2300 Stunden Berichterstattung 2017 als „Home of Cycling“ versteht, sieht sich etwa mit der gestiegenen Resonanz auf den Giro d’Italia in seiner Programmpolitik bestätigt. Zur Tour de France wird der Übertragungsumfang nochmals ausgeweitet, wobei ein Schwerpunkt auf der begleitenden Berichterstattung im Web und auf Social Media liegt sowie beim Grand Départ auf einer erweiterten Rahmenberichterstattung mit Moderatoren vor Ort.

Auch die ARD wird nach der Wiederaufnahme von Live-Übertragungen von der Tour de France 2016 trotz überschaubarer Quoten die TdF-Berichterstattung 2017 ausweiten. Gabi Bohr, Programmchefin ARD-Radsport, registriert durch den Tour-Start in der Heimat bereits im Vorfeld ein deutlich gestiegenes Interesse am Thema. Erstmals wird die ARD in diesem Jahr sämtliche Etappen komplett von Beginn an im Livestream und auf dem Ableger One übertragen. Von Düsseldorf sendet das Erste am 1. und 2. Juli jeweils etwa 6 Stunden live. Auch der WDR spielt den Grand Départ sehr intensiv. Ein Top-Ergebnis eines Deutschen dort, hofft Bohr, wird die Reichweiten der Tour pushen.
Düsseldorfs Oberbürgermeister Thomas Geisel setzt hohe Erwartungen in den Grand Départ
Düsseldorfs Oberbürgermeister Thomas Geisel setzt hohe Erwartungen in den Grand Départ (Bild: ASO)

Stadt: Was sich OB Thomas Geisel vom Tour-Auftakt in Düsseldorf verspricht

So kurz vor dem Grand Départ: Wie zufrieden sind Sie mit der Vermarktung des Events? In der Stadt wurden die hohen Kosten ja heftig diskutiert. Was die Unterstützung vonseiten der Wirtschaft angeht, wurden alle Erwartungen bei weitem übertroffen. Wir kommen auf  Sponsoringeinnahmen in der Größenordnung von etwa 8 Millionen Euro. Wenn man dies in Relation zum letzten vergleichbaren Ereignis, dem Eurovision Song Contest 2011 in Düsseldorf, setzt, als etwa 800.000 Euro erzielt wurden, sind wir mit dem Grand Départ Lichtjahre davon entfernt. Nicht zuletzt die Staffelung der Sponsorenpakete auch für kleinere Unternehmen war dabei hilfreich. Etwas enttäuschend hat sich allerdings der Verkauf von VIP-Hospitality-Plätzen entwickelt. Was allerdings auch daran liegt, dass die Tour anders als in einem Stadion von jedermann umsonst an der Strecke verfolgt werden kann.

Sie haben dem Grand Départ mit einer Reihe von Veranstaltungen den Weg bereitet. Ist die Tour inzwischen bei den Düsseldorfern angekommen? Unser Ziel war es, den Grand Départ im Düsseldorf-Style zu organisieren, schließlich verstehen wir uns auch als Kultur- und Bildungsmetropole. So gab und gibt es in etlichen Museen Ausstellungen und Aktivitäten zum Thema Fahrrad, es gibt Fotoausstellungen und der Künstler Andreas Gursky hat eine Fotoserie mit Tour-Motiven zur Verfügung gestellt. Die Universität hat eine Ringvorlesung zum Thema organisiert und die Düsseldorfer Kult-Band Kraftwerk gibt am Samstagabend ein Konzert und spielt dort vor allem aus ihrem 2003 veröffentlichten Album „Tour de France“. In der Stadt wird die Tour mit vielen kreativen Ideen auch von Händlern und Vereinen  jedenfalls aufs Herzlichste begrüßt. Dass solche großen Events stets auch viele Kritiker auf den Plan rufen, ist in Deutschland ja nicht nur ein Düsseldorfer Phänomen.

Wieviele Besucher erwarten Sie in Düsseldorf? Wir rechnen mit 500.000 bis eine Million Besuchern. Das Wetter dürfte bei den vielfach kurzfristigen Reiseplanungen dabei bei vielen eine Rolle spielen. Wir erwarten auch viele Radsportfans aus den radsportbegeisterten Nachbarländern Niederlande, Belgien, Frankreich und Großbritannien. Bei den Hotels gibt es jedenfalls offenbar bereits einen hohen Buchungsstand. Wenn diese Gäste anschließend  sagen:  „Ich habe ein tolles Sporterlebnis in einer großen Stadt gehabt“, bin ich sehr zufrieden.

Der Tour-Tross zieht nach einem Wochenende weiter. Was bleibt dann an längerfristigen Effekten für Düsseldorf Imagestudien zufolge gilt Düsseldorf  bei vielen eher als Stadt ohne Eigenschaft. Da hilft es natürlich, wenn man nach der Tischtennis-WM Anfang Juni und der Triathlon-EM vor einer Woche nun ein Ereignis von der Dimension des Grand Départ erfolgreich bestreitet. Dann fangen Leute an, diese Kompetenz  mit dieser Stadt zu assoziieren – und dies in weltweitem Maßstab. Zudem hat die Vorbereitung des Grand Départ sich als unglaublicher Treiber für die regionale Zusammenarbeit erwiesen und zum Abbau des Vorurteils der arroganten Metropole beigetragen. Schließlich wird der Grand Départ dazu beitragen, Düsseldorf auf dem Weg zu einer richtigen Fahrrad-Stadt einen großen Schritt nach vorne zu bringen. joz

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