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 Sprach- und Gestensteuerung führen zu einem Paradigmenwechsel in der Mensch-Maschine-Kommunikation.
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Sprachassistenten, KI & Co Wie die Interaktion zwischen Mensch und Maschine künftig aussehen könnte

Sprach- und Gestensteuerung führen zu einem Paradigmenwechsel in der Mensch-Maschine-Kommunikation.
Seit vielen Jahren bewegen wir die Maus, klicken und tippen Texte ein, wenn wir uns im Internet bewegen. Mit dem Smartphone haben wir auch gelernt, zu "wischen" und unsere Gefühle über Emoticons auszudrücken. Wie geht es jetzt weiter, da sich mit Voice abermals ein Paradigmenwechsel andeutet?
von Klaus Janke, Mittwoch, 13. Dezember 2017
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    So gut wie alle User-Experience-Experten beschäftigen sich zurzeit mit dem Thema Sprachsteuerung und, damit gekoppelt, künstlicher Intelligenz. Strittig ist jedoch, was sich in Zukunft alles über Voice gestalten lässt – und bei welchen digitalen Touchpoints Text und Bild gefragt sind. Ist es symptomatisch, dass Amazon zusätzlich zum Echo mit der Variante Echo Show wieder eine Display-Komponente eingeführt hat? "Ich glaube, dass Amazon Echo Show nur eine Zwischenlösung darstellt", sagt Jörg Heidrich, Executive Director UX bei der Digitalagentur UDG United Digital Group. "Der Sprachservice wird perspektivisch die Komplexität durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz so weit reduzieren, dass keine zusätzlichen Displays zur Erklärung oder zur Illustration mehr nötig sein werden."

    Visualität – die starke Ergänzung zu Voice-Anwendungen

    Anderer Meinung ist Stephan Enders, neuerdings Leiter des Innovation Studio der Plan.Net-Gruppe: "Voice-Anwendungen werden in den meisten Fällen von Displays unterstützt werden. Sehr viele Informationen lassen sich mit einer visuellen Komponente besser vermitteln." Ähnlich sieht es Frank Rief, geschäftsführender Gesellschafter Rief Mediadesign und Professor an der Mediadesign Hochschule München: "Komplexere, geschichtete Informationen werden sich auch in Zukunft nur schwer auditiv transportieren lassen." Daher bleibe Visualität notwendig. "Aber das muss kein klassisches Display mehr sein, sondern vielleicht auch eine Projektion oder ein Hologramm. Vielleicht wird man Displays haben, die man zusammenrollen und in die Hosentasche stecken kann." Am wahrscheinlichsten ist ein Szenario aus vielen neuen Interfaces, für die jeweils die einfachste Interaktionsform gewählt wird.

    Steuern per Handbewegung

    Einen Platz in diesem Potpourri könnte auch Gestensteuerung erobern. Im Rahmen des Projekts Soli arbeitet Google an einem Sensor, der Finger- und Handbewegungen mittels Radartechnik analysiert und in Befehle übersetzt. Die Berührung einer Bedienfläche wäre dann nicht mehr möglich. Gestensteuerung wird heute bereits von Autobauern wie VW eingesetzt, um Radio oder Navigation zu bedienen, ohne auf das Display sehen zu müssen. Ist das eine Blaupause auch für weitere digitale Anwendungen? "Bei der Gestensteuerung liegt die größte Herausforderung darin, einen Industriestandard zu schaffen", sagt Andreas Renner, Associate Creative Director bei der Digitalagentur Triplesense Reply. "Der Nutzer wird nicht für verschiedene Devices individuelle Gesten lernen wollen."

    Die ideale User Experience

    Überhaupt ist bei all dem fraglich, wie viel Umgewöhnung man dem Nutzer zumuten kann. Auf jeden Fall sei es wichtig, "alle neuen Interfaces und Anwendungen von Anfang an mit potenziellen Nutzern zu testen", rät Renner. "So können konzeptionelle Hypothesen frühzeitig validiert und die ideale User Experience geschaffen werden." Sein Kollege Peter Krause, Geschäftsführer von Triplesense Reply, betont: "Obwohl man es dem Nutzer so leicht wie möglich machen sollte, wird er nicht umhinkommen, neu zu lernen." Allerdings versprechen alle Experience-Experten, dass alles reduzierter und einfacher wird.

    Digitale Services prägen Markenidentität

    Umdenken müssen auch die Marketer, denn auf den neuen Interfaces, insbesondere Voice und Internet of Things, lassen sich Markenidentitäten weniger optisch darstellen als gewohnt, es ist weniger Raum für Ästhetik. Wichtiger werden vor diesem Hintergrund Soundlogos für Audio und Vibrationsmuster, mit denen man sich in der Welt der Wearables als Marke zu erkennen gibt. Darüber hinaus werde der digitale Service, den man dem Nutzer bietet, selbst zur "Ausprägung der Markenidentität", glaubt Krause. "Service Design ist für Marken daher künftig essenziell." Dabei sollte auch der sachlichste Infodienst für Alexa immer noch eine emotionale Botschaft der Marke vermitteln, glaubt Design-Experte Rief: "Sowohl für den User als auch für die Markenkommunikation ist der emotionale Moment, also das Bedienerlebnis, enorm wichtig."

    Websites bleiben wohl erhalten

    Und was ist mit der klassischen Website, wie wir sie heute kennen? Wollen wir in Zukunft noch scrollen und zwischen verschiedenen medialen Angeboten auswählen? Ja, so die Einschätzung der Experten, wenn auch nicht mehr so häufig. Verschwinden werde der zentrale Anlaufpunkt mit der WWW-Adresse jedoch nicht: "Websites werden uns mittelfristig erhalten bleiben, weil es immer ein Bedürfnis nach tieferer Information geben wird, das sie mit ihrem Medienmix ideal erfüllen", sagt UDG-Experte Heidrich. In puncto Design und Nutzung sind hier keine größeren Optimierungen mehr zu beobachten – der Status quo scheint gut zu funktionieren. Dennoch sind die UX-Strategen mit der Website noch lange nicht fertig: "Für die Optimierung der Website-Experience bietet insbesondere Personalisierung noch viel Potenzial", so Heidrich.

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