Schwarmfinanzierung Warum Crowdinvesting für Startups Fluch und Segen zugleich ist

Mittwoch, 31. August 2016
Auf Plattformen wie Seedmatch suchen viele Startups nach Investoren
Auf Plattformen wie Seedmatch suchen viele Startups nach Investoren
Foto: Seedmatch

Crowdinvesting ist bei vielen jungen Unternehmern beliebt, wenn sie frisches Geld für ihr Startup brauchen. Die Schwarmfinanzierung im Netz kann nützliche Marketing-Effekte erzeugen, ist aber auch jüngst in die Kritik geraten. Einige Projekte haben Schwierigkeiten mit den Anlegern.

Als der Online-Shop Kartenmachen.de im Juni 2016 ein Crowdinvesting auf der Plattform Seedmatch startete, erzielte das 2014 gegründete Unternehmen schon seit zwei Jahren Gewinne. Obwohl sich Gründer Andreas Ritter weiteres Kapital bequem bei der Bank hätte besorgen können, entschied er sich für Crowdinvesting. Der Grund: Er wollte die Marketing-Effekte der Kampagne nutzen. Und die Rechnung scheint, stand heute, aufzugehen: Ritter hat nicht nur 340.500 Euro eingesammelt, sondern auch die die Reichweite für sein Startup erhöht sowie neue Multiplikatoren und Geschäftspartner gefunden.

Andreas Ritter, Geschäftsführer von "Kartenmachen.de"
Andreas Ritter, Geschäftsführer von "Kartenmachen.de" (Bild: Kartenmachen.de)
"Wer die Marketing-Effekte einer Crowdfunding-Kampagne mitnehmen will, darf sich nicht in seinem Unternehmen verschanzen", sagt Ritter. Man solle, so der Gründer, den Dialog mit den potentiellen Kleinanlegern suchen, mit Bloggern und Journalisten. Das Wirtschaften auf Plattformen wie Seedmatch oder Companisto habe Community-Charakter - und davon würden Startups profitieren. Beispiel: Die Crowd hatte die Idee für den neuen B2B-Zweig des jungen Unternehmens. Über die Schwarmfinanzierung wurde zudem die Pro Sieben Sat 1 Gruppe auf Ritter aufmerksam und lud ihn ein, sich für das Accelerator-Programm des Medienunternehmens zu bewerben. Dinge, die ohne das Zutun der vielen Geldspender nicht passiert wären.

Doch Crowdinvesting kann für junge Unternehmen auch schnell nach hinten losgehen. Aktuelles Beispiel: Protonet. Das Hamburger Startup verkauft Server an Privatleute sowie Kleinunternehmer und muss sich derzeit den Frust seiner Anleger anhören. Nachdem Gründer Ali Jelveh per Crowdinvesting auf Seedmatch mehr als drei Millionen Euro eingesammelt hatte, stieg die renommierte Startup-Schmiede "Y Combinator" aus den USA in das Unternehmen ein. Sie verlangte von Protonet die Gründung einer US-Tochterfirma, in die das komplette Vermögen fließen sollte. Gesagt, getan. Die Kleinanleger waren plötzlich nur noch an der wertlosen Protonet GmbH beteiligt.

Der Fall Protonet offenbart, dass Crowdinvesting größere Probleme als gedacht mit sich bringt - und die Anleger beispielsweise im Falle einer Pleite nahezu machtlos sind. Laut "Spiegel" ist nämlich jedes zehnte schwarmfinanzierte Projekt pleite gegangen, Anleger sollen bislang insgesamt zehn Millionen Euro verloren haben. "Tollabox", ein Startup für spielerisches Lernen, sammelte beispielsweise 600.000 Euro auf Seedmatch ein und meldete später Insolvenz an. "Vibewrite", "foodieSquare" oder "Paymey" sind weitere Beispiele für deutsche Crowdinvesting-Pleiten. Viele Anleger, die bereits in Dutzende Projekte investiert haben, werden deshalb vorsichtiger, pumpen nicht mehr so häufig Geld in die jungen Unternehmen (siehe Kasten).

Crowdfinanzierung im ersten Halbjahr 2016

Laut Berechnungen des Crowdfinanzierungs-Monitor" erhielten Gründer, Unternehmen und Projekte im ersten Halbjahr dieses Jahres 67,6 Millionen Euro per Crowdfinanzierung. Im Vorjahr waren es 50,7 Mio. Euro. Alle drei Bereiche der Crowdfinanzierung, also Crowdfunding, Crowdinvesting und Crowdlending konnten Zuwächse verbuchen. Der größte Anteil kommt mit 43,5 Millionen Euro aus dem Crowdlending. Der Grund für den Anstieg beim Crowdinvesting sei insbesonders auf das deutlich höhere Niveau bei der Immobilienfinanzierung zurückzuführen. Das in Start-ups investierte Kapital ging hingegen zurück und lag bei 8,2 Millionen Euro, nach 9,6 Millionen Euro im Vorjahr.
Kartenmachen.de-Gründer Ritter ist sich dennoch sicher, dass Crowdinvesting langfristig neue Kunden für sein Startup generieren wird. Er bemüht sich darum, den Kontakt mit seinen Investoren auch nach der Finanzierung zu pflegen. "Für viele Startups ist nach dem Funding Schluss mit der Investoren-Kommunikation", sagt er. "Dadurch verlieren sie wertvolle Kontakte und Zugang zu Wissen. Investoren verfügen über viel Business-Know-how und große Netzwerke, die sie gerne teilen. Wer das nicht nutzt, vergibt Chancen." ron

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