SXSW2016 Präsident Obamas drei Aha-Momente für die Digital-Branche

Sonntag, 13. März 2016
Barack Obama auf der SXSW
Barack Obama auf der SXSW
Foto: SXSW
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Barack Obama Apple South by Southwest Angela Merkel Dmexco


Würde Angela Merkel einfach auf der Dmexco auftauchen, um die Digitalbranche aufzufordern, bei der Lösung von Deutschlands Problemen zu helfen? Präsident Obama tat genau dies auf der SXSW in Austin und machte dabei eine gute Figur – trotz der andauernden Krise um Apples Verschlüsselungen. Der Auftritt zeigt auch, warum der Puls der internationalen Tech-Welt derzeit in Texas schlägt.

Am Ende des Interviews mit dem Chefredakteur der texanischen Online-Zeitung Texan Tribune ließ er dann doch noch ein bisschen den Commander-in-Chief raushängen. Als ihm bedeutet wurde, dass die vorgesehene Zeit aufgebraucht sei, entschied Obama einfach: "Ich bin der Präsident und ich werde mir einfach noch eine Minute nehmen." Wirklichen Protest hatte er zu diesem Zeitpunkt nicht zu erwarten. Denn mit seinem Auftritt zum Auftakt der Tech-Konferenz SXSW Interactive hatte er der Branche schon den größten denkbaren Ritterschlag verliehen: Sie sind nun offiziell keine T-Shirt-tragenden Sonderlinge mehr, die unverständliches Kauderwelsch reden, sondern haben nun das Mandat des Präsidenten, für mehr Demokratie in den USA zu sorgen, extremistische Propaganda weltweit zu entwaffnen und generell die Gesellschaft zu modernisieren.
„Ich bin der Präsident und ich werde mir einfach noch eine Minute nehmen.“
Barack Obama
Und obwohl es Evan Smith, dem Chefredakteur der Texas Tribune, nie gelang, Obama inhaltlich ernsthaft in Bedrängnis zu bringen, lieferte das Gespräch sowohl für die New- als auch die Old Economy einige sehr interessante Erkenntnisse.

Der Fall Apple: Seine Aussage, dass es im Verschlüsselungsstreit zwischen Apple und FBI keine „absolutistischen Positionen“ geben dürfe, brachte dem Präsidenten prompt heftige Kritik von Digitalexperten wie Cory Doctorow ein. Die inhaltliche Botschaft war jedoch klar. Auch wenn sich die US-Regierung bewusst ist, dass sie durch die Snowden-Enthüllungen viel guten Willen der Öffentlichkeit verspielt hat, ist der Staat nicht bereit, die Kontrolle über Teile des gesellschaftlichen Geschehens einfach einem privaten Unternehmen zu überlassen. Wenn Apple beispielsweise mit Apple Pay ein offizieller Kanal des Zahlungsverkehrs sein will, möchte die amerikanische Steuerbehörde hier auch Steuersünder jagen können.

Das würde für die Silicon-Valley-Philosophie, die sich stets auch als Anti-Establishment verstand, einen grundlegenden Kulturwandel bedeuten. Apple kämpft gerade für diese Werte und hat zumindest in der Wahrnehmung der US-Öffentlichkeit erste Erfolge erzielt. Aber selbst wenn es Apple gelingt, sich gegen die Forderung des FBI durchzusetzen, wäre das Problem nicht grundsätzlich gelöst. Denn wie Präsident Obama anmerkte: In einer Krise könnte das Thema Privatsphäre schnell wieder auf den Tisch kommen und dann werde es "eine schnelle und schmutzige Lösung" geben. Die Debatte zwischen Datenschützern und Datennutzern ist damit kein Streit mehr über die Auslegung von Geschäftsbedingungen oder Werberichtlinien mehr, sondern eine Frage, die eine gesellschaftlich konsensfähige Lösung braucht.

Das nächste neue Ding: Obama musste sich von seinem Gesprächspartner Smith fragen lassen, weshalb denn ein Vertreter der schnell und kreativ arbeitenden Digitalindustrie überhaupt bei der trägen und ineffizienten Regierung anheuern sollte. Der Präsident konnte damit kontern, dass manchmal Langsamkeit auch seine Berechtigung hat. Die Tech-Industrie sei fasziniert von der Suche nach dem nächsten neuen Ding: "Aber manchmal geht es eben nicht darum, das nächste neue Ding zu finden, sondern darum, wie man es am besten einsetzt."

Konflikt der Welten: Obama bekannte sich offen zu dem größten Tech-Debakel, das er als Early-Adopter-Präsident zu verantworten hatte. Nach der erfolgreichen Verabschiedung des Affordable-Care-Acts sollten sich die Berechtigten auf einer Website für die neue Krankenversicherung anmelden. Tatsächlich brach die neu aufgebaute Regierungs-Website unter dem Ansturm der User sofort zusammen und war über Wochen nur selten zu erreichen. Das Problem: "Die ganze Ausstattung des Projekts war noch nach den Richtlinien beschafft worden, die man ursprünglich für Büroartikel wie Briefpapier entwickelt hatte." Entsprechend antiquiert war das Ergebnis. Erst über eine digitale Task Force, die Obama über seine persönlichen Kontakte in Silicon Valley rekrutierte, gelang es, die Probleme zu lösen.
Quelle: videmicapp 

Für Old-Economy-Unternehmen ist die Lektion kaum zu übersehen. Ein digitalaffines Spitzenmanagement ist längst keine Erfolgsgarantie, wenn die Strukturen im Unternehmen nicht grundsätzlich geändert werden. Eine digitale Task-Force kann zwar Veränderungen im Gesamtunternehmen anschieben, ist dabei von der Rückendeckung des Top-Managements abhängig. Dass das ebenfalls seine Tücken hat, dürfte an der US-Regierung zu beobachten sein. Unter Obama hat die digitale Task-Force schon mehrere Großbaustellen der Verwaltung deutlich beschleunigt. Aber wenn er in zehn Monaten das Oval Office für seinen Nachfolger räumt, stellt sich für die Digital-Experten die Frage, ob sie auch für den neuen Präsidenten arbeiten würden. Und zumindest bei Donald Trump dürfte die Antwort sehr eindeutig ausfallen. cam

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