SXSW2016 Googles brave neue Welt und ihre Bruchstellen

Freitag, 18. März 2016
Demonstration der VR-App Tilt Brush in der Google Fiber Lounge
Demonstration der VR-App Tilt Brush in der Google Fiber Lounge
Foto: Horizont
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Neben Elon Musk ist Google eine der zuverlässigsten Quellen im Silicon Valley für große Zukunftsträume. Doch ausgerechnet auf der South by Southwest, wo die Nerds ihr jährliches Woodstock feiern, gab sich der Suchmaschinenriese sehr, sehr brav. Statt Künstlicher Intelligenz, menschlicher Unsterblichkeit oder der jüngsten Augmented-Reality-Pläne stand der 2012 gegründete Glasfaser-Netz-Dienstleister Google Fiber im Mittelpunkt der Festivalaktivitäten.
Tatsächlich ist auffällig, wie groß die Diskrepanz zwischen den von Google demonstrierten Aspirationen und den konkreten geschäftlichen Rahmenbedingungen in Austin ausfiel. So präsentierte der Chef des Google-Car-Projekts Chris Urmson vor vollem Haus die Vision und die schon erzielten Erfolge des Konzerns bei der Entwicklung autonom fahrender Autos. Ein konkretes Datum, oder auch nur einen Zeitkorridor für die Einführung des Google-Autos konnte er allerdings nicht nennen.
Das ist insofern bemerkenswert, als dass es Google auf diese Weise gelungen ist, den Gesamtmarkt in die gewünschte Richtung zu treiben, ohne tatsächlich selbst mit einem eigenen Produkt in dem Markt präsent zu sein. Googles Testflotte sorgt für die Grundlagen einer Straßenverkehrsordnung für automatisierte Fahrzeuge, die aufgeschreckten Hersteller liefern die konkreten Produkte und Carsharing-Anbieter wie Uber und Lyft die Geschäftsmodelle für eine vernetzte Nutzung.

In diesem Szenario muss Google selbst nichts weiter tun, außer fleißig zu forschen und am Ende ein Betriebssystem zu liefern, das Automobilhersteller kostenlos nutzen können. Den Rest erledigt - ähnlich wie bei Android - der Skalierungseffekt des Marktes.

Ähnlich das Bild beim Thema Virtual Reality: In der immensen Warteschlange vor der Eröffnungsparty der Google Fiber Lounge tobten die Spekulationen, welche virtuellen Wunder wohl in der Halle zu sehen sein würden. Die Wahrheit war geradezu enttäuschend prosaisch. In  einer Fotokabine konnten die Gäste 360-Grad-Erinnerungsfotos schießen und auf der Bühne demonstrierten Google-Mitarbeiter die beeindruckende, aber eben auch längst bekannte VR-App Tiltbrush, mit der sich im virtuellen Raum dreidimensional malen lässt.

Auch bei dem Trendthema Virtuelle Realität will Google also auf absehbare Zeit nicht über die Rolle des Möglichmachers hinausgehen. Google bietet mit seinem überarbeiteten Betriebssystem, You-Tube als Präsentationsplattform und dem zum Kampfpreis verkauften Google Cardboard (mittlerweile mehr als 5 Millionen mal verkauft) nicht mehr als eine Abschubfinanzierung, der auch kleineren VR-Machern und kompletten Amateuren den Einstieg ins Medium erleichtern soll.

Denn Google will nicht den High-End-Markt für VR-Content bedienen, sondern hofft auf einen Massenmarkt, wie Andrey Doronichev, Google Produktmanager VR-Apps, auf einem Panel bestätigte: "Der User-generated Content ist aus unserer Sicht entscheidend für den Erfolg dieses Technologie."

Vor diesem Hintergrund könnte sich ausgerechnet das derzeit wohl am wenigsten inspirierende Google-Geschäftsfeld, der Glasfaser-Kabeldienst Fiber, für die Konzermanager zum aufregendsten Projekt entwickeln. Denn erstmals verweigert der Konzern nicht den Sprung über die Hardware-Hürde, sondern steigt mit echten Materialinvestitionen in lokale Märkte ein.

Der Service, der schon konkret für 22 US-Städte angekündigt ist, lockt mit Rekord-Übertragungsgeschwindigkeiten und Kampfpreisen. Er könnte für den Konzern allerdings auch zum Milliardengrab werden, denn Experten bezweifeln, dass sich das Netzwerk zu den aktuellen Gebühren tatsächlich kostendeckend betreiben lässt. Zudem schafft sich Google auf diese Weise mächtige neue Feinde bei den Kabelnetzbetreibern, die bisher keinerlei Konfliktpotenzial mit der Suchmaschinen-Marke hatten.

Den größten Lerneffekt könnte Google aber der Umstand liefern, dass es sich erstmals nicht in der digitalen Welt bewegt, wo man problemlos nur den profitablesten Aspekt einer Dienstleistung anbieten kann. Google hat versucht, dieses Modell auch auf Fiber zu übertragen: Der Dienst erschließt beispielsweise nur Stadtteile, in denen es genügend Voranmeldungen gibt, bietet keine Telefonie an und verlegt seine Kabel aus Kostengründen überirdisch.

Ob sich auf diese Weise tatsächlich genügend Abonnenten außerhalb der Hardcore-Zielgruppe der Millennials gewinnen lassen, darf allerdings bezweifelt werden. Nutzer, die schnell eine Internetverbindung brauchen, werden sich wohl kaum auf das Rätselraten einlassen, ob Google Fiber nun tatsächlich den jeweiligen Stadtteil erschließt oder nicht.

Auch die Entscheidung die Kabel oberirdisch zu verlegen, könnte zum spannenden Thema für die Nutzerzufriedenheit mit der Marke Google werden. Sollte Google Fiber den erwartbaren höheren Verschleiss der Infrastruktur nicht adäquat warten, könnte dieses negative Serviceerlebnis durchaus auf die Wahrnehmung von anderen Google-Produkten durchschlagen.

Und tatsächlich scheint Googles Kontakt mit der realen Welt ihren ersten Tribut zu fordern. Nachdem das neue Netz ursprünglich nur Googles Kerngeschäft der Internet-Datenübertragung bedienen sollte, rudert das Unternehmen nun zurück. Es laufen erste Tests, wie sich auch Telefongespräche über den neuen Service übertragen lassen könnten. Ein Kabelprovider ohne Triple Play ist offensichtlich doch nicht attraktiv genug für die Mehrheit der Kunden. cam
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