Ryanair-CMO Kenny Jacobs "Wir wollen das Amazon des Reisens werden"

Mittwoch, 02. November 2016
Ryanair-CCO David O'Brien, Fraport-Chef Stefan Schulte und Ryanair-CMO Kenny Jacobs
Ryanair-CCO David O'Brien, Fraport-Chef Stefan Schulte und Ryanair-CMO Kenny Jacobs
Foto: Fraport

Ryanair-CEO Michael O'Leary ist für seine markigen Sprüche bekannt - und seine Untergebenen scheinen ihrem Boss da in nichts nachstehen zu wollen: Bei der Vorstellung der neuen Frankfurt-Verbindungen skizzierte Ryanair-CMO Kenny Jacobs die ehrgeizigen Pläne der irischen Billigfluglinie für Deutschland. Und die haben wenig mit klassischer Werbung, dafür um so mehr mit einem Gesamtpaket aus Kampfpreisen, ambitionierten Serviceversprechen und Word-of-Mouth-Marketing zu tun.
Es ist sicher eine der Wirtschafts-Nachrichten des langsam ausklingenden Jahres: Ryanair wird ab kommendem März erstmals vom internationalen Flughafen in Frankfurt am Main aus fliegen. Zwei Flugzeuge werden die Iren dort stationieren, die dann viermal täglich abheben und dabei die Mittelmeer-Ziele Faro in Portugal sowie Palma de Mallorca, Malaga und Alicante bedienen. Dafür nimmt das Unternehmen eigenen Angaben zufolge 200 Millionen Euro in die Hand, wie auf einer gemeinsamen Pressekonferenz von Ryanair und dem Flughafenbetreiber Fraport erklärt wurde. Für Ryanair waren Chief Commercial Officer David O'Brien und Chief Marketing Officer Kenny Jacobs vor Ort. Beide betonten, dass Frankfurt als Destination entscheidend für die Wachstumspläne in Deutschland sei. Im kommenden Jahr peilt Ryanair 16 Millionen Fluggäste im hiesigen Markt an, zum Start sollen 400.000 davon von Frankfurt aus fliegen. Das sei recht wenig, "aber viele Dinge beginnen klein. Mit dem Winterflugplan 2017 werden wir hoffentlich größer in Frankfurt", so Jacobs.
Kenny Jacobs
Bild: Ryanair

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Bei den neuen Verbindungen ab Frankfurt setzt Ryanair wie gehabt auf den Preis als wichtigstes Argument für die Kunden: Bereits ab 9,99 Euro könnten Fluggäste die vier neuen Verbindungen buchen. Durch Frankfurt als neue Basis und die Tiefstpreispolitik will Ryanair seinen Marktanteil im hiesigen Billigflug-Segment vervielfachen. Aktuell liegt man bei 7 Prozent - deutlich weniger als in anderen europäischen Märkten. "Es ist erstaunlich, dass das Land, das der Welt Aldi und Lidl geschenkt hat, einen so kleinen Markt für Low-Cost-Carrier hat", so Chief Commercial Officer O'Brien.

Wer angesichts des neuen Flugangebotes nun eine Marketing-Offensive von Ryanair erwartet hatte, sieht sich allerdings getäuscht: "Unsere Preise sprechen für sich", so Jacobs gegenüber HORIZONT Online. Seine Erwartung ist, dass sich die Ryanair-Tarife schon herumsprechen werden - so, wie das in der Vergangenheit auch funktioniert habe. "Word of Mouth ist sehr wichtig für uns", sagt der erste CMO in der Geschichte von Ryanair.
Die Marktanteile der Low-Cost-Carrier in Deutschland
Die Marktanteile der Low-Cost-Carrier in Deutschland (Bild: Statista)
Beim Marketing will Jacobs vielmehr die Ryanair-Linie beibehalten. Und die heißt: Einfach, günstig, effizient. Pro Fluggast gebe man im Schnitt lediglich 16 Cent für Marketing aus, so Jacobs. So viel wie möglich erledige man inhouse, das gilt etwa für digitale Marketingmaßnahmen. Zudem leistet man sich mit Oliver, London, nur eine Leadagentur für Europa. Allein Media lässt Ryanair in Deutschland von Mediacom in Düsseldorf betreuen.

Um weiterhin so effizient wie möglich und so kostengünstig wie nötig werben zu können, soll Ryanair  auch in naher Zukunft mit Kampagnen arbeiten, die bereits im Markt sind. Dabei sollen von TV über Print bis Radio alle wichtigen Kanäle bedient werden. In Deutschland war der erste klassische Auftritt der Airline, der die Serviceleistungen von Ryanair anpreist, erstmals vor gut einem Jahr zu sehen.
Ryanair-Motiv zum Start der Frankfurt-Verbindungen
Ryanair-Motiv zum Start der Frankfurt-Verbindungen (Bild: Ryanair)
Eine deutlich größere Rolle spielen allerdings digitale Maßnahmen - und damit ist zur Abwechslung mal nicht Google gemeint, wo Ryanair überhaupt nicht investiert. Beim Thema Word of Mouth vertraut Jacobs stark auf die sozialen Netzwerke. Die wichtigsten Marketing-Kanäle seien jedoch die Website, laut Jacobs bereits heute die meistbesuchte Airline-Website der Welt, und die App von Ryanair. Beide digitalen Präsenzen sollen in Zukunft mehr sein als reine Flugbuchungsportale. Jacobs' Vision ist, dass die Kunden über die Portale nicht nur ihren Flug, sondern auch weitere Produkte wie Mietwägen, Unterkünfte - und möglicherweise sogar Tickets anderer Airlines buchen können. "Wir wollen das Amazon des Reisens werden", erklärt Jacobs.

Für den Ryanair-Chefmarketer bedeutet das auch, das Innovationstempo hoch zu halten. Mit zusätzlichen Reise-Extras in der App, einem Bewertungsportal, automatischem Check-In oder Offline-Maßnahmen wie einem verbesserten Interieur der Maschinen und frischeren Uniformen für die Crews hat Ryanair hier in der Tat einiges getan. Abgesehen von den Preisen könnte man allerdings sagen, dass viele dieser Maßnahmen gerade einmal die Lücke zu Wettbewerb der Netzwerk-Airlines schließen. ire

Ryanair in Zahlen:

Passagiere im Q1 Finanzjahr 2017: 31,2 Millionen (Q1 Finanzjahr 2016: 31,2 Millionen)

Umsatz im selben Zeitraum: 1,69 Milliarden Euro

Nettogewinn: 256 Millionen Euro

Passagiere im Geschäftsjahr 2016: 106,4 Millionen (Geschäftsjahr 2015: 90,6 Millionen)

Flottenstärke: 341 Boeing 737-800 (315 neue Maschinen bis 2024)

Durchschnittliche Anzahl der Beschäftigten im Geschäftsjahr 2016: 10.926
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