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Tina Beuchler, Nestlé
Mara Monetti

Porträt Tina Beuchler Tina ganz analog

Tina Beuchler, Nestlé
von Katja Gußmann, Donnerstag, 14. Dezember 2017

Tina trägt heute ihre rosa Jeans. Ein knalliger Kontrast zur bananengelben Sitzecke, in die sich zurückziehen kann, wer vom Datentrubel des digitalen Transformationsgeschäfts bei Nestlé Deutschland eine Pause braucht. Tina Beuchler nimmt Platz. Heute geht es besonders turbulent zu im Arbeitsraum des Digital Acceleration Teams, kurz: DAT. Wie jeden Tag flimmern die jüngsten Tweets und Posts der Social Community in Echtzeit über Bildschirme, unter der Decke montiert, beobachtet von den „Social Listenern“. Doch an diesem Morgen hält es die jungen Mitarbeiter nicht auf ihren Sitzen. Sie dirigieren sich gegenseitig durch den Raum, rufen sich wichtige Botschaften zu: Eine 360-Grad-Videoaufnahme ist die alles beherrschende Aufgabe. Ein junger Mann gleitet auf einem Rollbrett elegant und nahezu lautlos, aber filmend, vorbei an Monitoren, Tischen und Tina. Cool! Und Cut! Rufe hallen durch den Raum, das Werk ist vollbracht – das Ruhebedürfnis der nahezu doppelt so alten Menschen in der Rückzugsecke geht vergessen. Bis, ja, bis Tina ihren Oberkörper reckt, den Blick zur Lärmquelle richtet und im Tonfall von „Herr Ober, eine Cola bitte“ sagt: „Geht das auch leiser?“

Tina ist die Chefin hier. Unbestritten. Die üblichen Insignien der Macht – Kostümchen, großes Einzelbüro mit Vorzimmerdame, Unnahbarkeit – hat sie nicht nötig. Natürliche Autorität einer Frau, die lange Handball gespielt hat. Da scheut man keinen ruppigen Körperkontakt und wirft zielsicher. Treffer, versenkt. Hinfallen gehört zum Spiel, Aufstehen auch. Den Sieg fest im Blick. Und die oberste Regel: Fairplay, im Team. Tina Beuchler duzt sich mit allen. Das „Sie“ hat sie gleich abgeschafft, als sie 2006 von der Wiesbadener Mediaagentur Carat Direct zu Nestlé wechselte. Ihr ist der Kontakt wichtig, der vertrauensvolle Umgang. Sie will mittendrin sein, mitbekommen, was los ist. Ja, sie hätte ein eigenes Büro haben sollen, „aber das wollte ich nicht“, sagt sie. So steht ihr Schreibtisch im siebten Stock des Bürogebäudes in Frankfurt-Niederrad im Großraumbüro. Einen Großteil des Tages verbringt Tina Beuchler ohnehin in Meetings, ihren aufgeräumten Clean-Desk-Policy-Schreibtisch sieht sie nur morgens und abends. Einen Tag in der Woche wechselt sie ins DAT zu den bunten Monitoren der Jungschar der Social Listener.

Das „Sie” wurde gleich abgeschafft

Selbst Jahrgang ’66, gehört Tina Beuchler einer Generation an, deren Fixsterne am Markenhimmel Wrangler-Jeans, Adidas-Turnschuh und Sony Walkman hießen. Tina trägt als Teenager gerne Clogs, Latzhose und lange Haare. Wenn sie zum Tennismatch geht, verweigert sie das weiße Röckchen und schlägt lieber in grauer Jogginghose auf. Sie jobbt und spart auf eine Vespa, düst darauf der Freiheit entgegen, Abnabeln ist das Ziel. Nach dem Abi geht sie für ein halbes Jahr als Au-pair nach Washington D.C. Es ist nicht ihre erste Auslandserfahrung. „Meine Eltern sind wegen eines Entwicklungshilfeprojekts meines Vaters nach Uganda gezogen, da war ich drei Jahre alt“, erzählt sie. „Vielleicht hat diese Erfahrung bei mir den Grundstein gelegt für eine gewisse Offenheit, die ich mir in meinem Leben bewahrt habe, ein Interesse an anderen Kulturen, Ländern, Menschen.“ Erinnerungen an die Zeit in Uganda? Sie lacht: „Andere Kinder haben meinen Teddybär in einen Swimmingpool geworfen. So was weiß ich noch. Aber auch, dass wir Personal im Haus hatten. Ich war manchmal bei ihnen in ihren Hütten zu Besuch. Da wurde Matoke-Brei aus Kochbananen zubereitet, den Duft erinnere ich.“ Ihr Vater hilft beim Aufbau der Fernseh-Außenübertragungstechnik in dem afrikanischen Land. Die schönste Zeit ihres Lebens, werden die Eltern später über die drei Jahre in Kampala sagen, in denen auch Tinas Bruder zur Welt kommt. Als es Zeit für die Einschulung wird, zieht die Familie zurück nach Deutschland, der Vater nimmt eine Stelle beim ZDF an. Dass seine Tochter viele Jahre später Media Director bei Nestlé Deutschland wird, ahnt er nicht. Eines geben die Eltern ihrer Tochter auf ihren Weg dorthin mit: auf Veränderungen im Leben positiv reagieren.

Prozesse ins digitale Zeitalter überführen

Auf den USA-Aufenthalt folgen vier Jahre Betriebswirtschaftsstudium an der Fachhochschule Mainz. „Mein Studium habe ich ziemlich stringent durchgezogen“, sagt sie. Anschließend steigt sie als Junior-Beraterin bei der Werbeagentur Feldt und Compagnie ein. Ganz bewusst entscheidet sie sich 1990 für die kleine Agentur mit damals zwölf Festangestellten. „Bauchgefühl“ nennt sie als Argument. Es hat sie gut beraten, in sechs Jahren lernt sie das Geschäft von der Pike auf – und wird Geschäftsführerin, bis sie 2000 zur Mediaagentur Carat Direct wechselt. Ein Headhunter wirbt sie 2006 für Nestlé als Head of Media Communication ab. „Ich fand es reizvoll, auf die Kundenseite zu wechseln und selbst Entscheidungen zu treffen“, sagt sie. Ganz so einfach wie gedacht, läuft der Wechsel nicht. Im Rückblick lacht sie ein bisschen über sich selbst, atmet tief aus und erklärt: „Nach den vielen Jahren im Agenturumfeld in so einem Großkonzern klarzukommen, zu verstehen, wie Prozesse, wie Entscheidungswege, Arbeitsformen, Procedures ablaufen, das war nicht leicht. Der Größenunterschied, die höhere Komplexität waren eine Herausforderung. Ich bin auf der Managementebene eingestiegen, habe das Unternehmen nicht als Trainee kennengelernt. Ich musste erst einmal Fuß fassen, Vertrauen aufbauen.“

(© Mara Monetti)
Heute ist es ihre Aufgabe, diese komplexen Unternehmensprozesse ins digitale Zeitalter zu überführen. Sie macht das gerne, aber nicht immer geht es ihr schnell genug. Zu „pushy“ sei sie dann, hört sie in Feedback-Gesprächen. Spricht die Media- und Digitalchefin von ihrer Arbeit, reiht sich ein Satz glasklar an den anderen. Sie hat für sich die Komplexität des Datendaseins längst heruntergebrochen auf leicht konsumierbare Bits und Bites, wo andere nur „Giga“ sehen. Mit nahezu mathematischer Präzision formuliert sie, als zöge sie ihre Sätze aus einem ordentlich sortierten Gedankenschrank, der Vokabeln wie „fluides Konzept“ oder „Exposure“ für sie bereithält.

So konzentriert spricht Tina Beuchler auch vor großem Publikum. Ein Profi. Das qualifiziert sie auch für den Vorsitz der OWM, den sie seit 2013 innehat. Was reizt sie an dieser Position? Die Möglichkeit, etwas zu bewegen. Das will sie und dazu braucht sie die Macht des Amtes. Gekrönt in diesem Jahr mit der Auszeichnung Media-Persönlichkeit, verliehen von der Fachzeitschrift W&V. Sie bleibt bescheiden, ist sachlich, standhaft, überlegt. Aber nicht überheblich. Woher nimmt sie ihre Sicherheit, ihre Überzeugungskraft? „Bin ich denn so selbstsicher?“, stellt sie die Gegenfrage. Und beantwortet sie selbst: Aber doch, ja, sie war Handballtrainerin, Klassensprecherin, hat sich schon früh in Führungsrollen geübt. Und an ihrer Sicherheit gearbeitet. Sie zählt auf: Coachings, Trainings, Seminare. Sie nutzt Schulungen und ist inzwischen selbst Mentorin. „Vor großem Publikum sprechen, das bleibt eine Herausforderung“, sagt sie, und auch, wie sie sie annimmt: Achtsamkeitstraining. „Das hätte ich schon viel früher anfangen sollen.“ Es hilft ihr, sich zu konzentrieren und auszublenden, was sie ablenken könnte.

So schafft sie es auch, ihr Berufshandy in den Ferien beiseitezulegen. „Wenn ich nicht im Urlaub total abschalten könnte, hätte ich nicht die Kraft für meinen Job.“ Man sieht sie förmlich vor sich: in Outdoorkleidung gemeinsam mit ihrer Frau und Hund bei Wind und Wetter wandern und im Winter die Skihänge hinabsausen. Ein Hauch dieser frischen Luft umweht sie selbst in der gelben Sitzecke des DATs. Ihr Teint ist es, die leicht geröteten Wangen, frei von deckendem Make-up. Die dunklen Haare, glatt aus dem Gesicht gekämmt und zum Zopf gefasst, unterstreichen die sportliche Note. Erst ihr hochkonzentrierter Blick, eingerahmt von einer Brille, verortet sie wieder als Office-Frau vor dem Computer und im nächsten Meeting. Die Lippen schmal – Tina Beuchler könnte sehr streng wirken, wären da nicht diese zarten Fältchen in den Mundwinkeln, die ihren Humor bezeugen. Sie lächelt gerne, auch mal in sich hinein und manchmal über sich selbst.

Veränderungen für eine bessere Welt anstoßen

Ernst reagiert sie auf unangenehme Fragen, mit denen sich Nestlé konfrontiert sieht: Abfallberge dank Kaffeekapseln, unmoralische Geschäfte mit Trinkwasser in Afrika, Orang-Utan-Sterben für Palmöl in Schokoriegeln. Sie beobachte eine Veränderung des Konzerns in den vergangenen Jahren, sagt sie ruhig, überlegt, geradeso, als habe sie dieselben Sätze schon oft ausgepackt und sorgsam auseinandergefaltet: „Ich sehe mehr Verantwortung bei Nestlé. Ich werde in meiner Haltung sicherer, weil ich bessere Argumente habe. Ich sehe, dass das Unternehmen an vielen Stellen nicht nur über Nachhaltigkeit Broschüren produziert, sondern tatsächlich Fortschritte macht. Da hätte ich privat keine andere Meinung.“ Sie denkt nach und dann schimmert die Tina in Latzhose und Clogs durch, wenn sie sagt: „Am Ende bleibt ein Wunsch, weswegen ich mich hier auch mehr als 40 Stunden die Woche engagiere: Mit dem Unternehmen für eine gesündere Ernährung oder vielleicht auch für eine bessere Welt meinen Beitrag zu leisten.“ Dann nämlich, wenn sie es schafft, an kritischen Punkten in diesem großen Konzern Veränderungen anzustoßen. Bewegt sich ein Tanker, schlagen die Wellen höher als bei einem Fischerboot. Da denkt sie nicht blauäugig, sondern pragmatisch. Das haben ihre Eltern schon gewusst, als sie ihrer Tochter den Namen gaben. Kurz und gut sollte er sein, ohne Mar- oder Bet- oder Chris- davor. Einfach nur: Tina. Katja Gußmann

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