Pimpls Position Werden nach Zigaretten bald auch High Heels reguliert?

Donnerstag, 10. Oktober 2013
Auch in der EU müssen künftig Schockbilder auf Zigarettenschachteln prangen
Auch in der EU müssen künftig Schockbilder auf Zigarettenschachteln prangen


Das hat wirklich niemanden mehr überrascht: Das EU-Parlament hat entschieden, dass Zigarettenpackungen bald nur noch mit großen Ekelbildern verkauft werden dürfen. Doch selbst wenn Zigaretten irgendwann ganz verboten sind und nur noch die Polizei beschäftigen, die illegalen Drehern, Dealern und Rauchern hinter herjagt: Die Regulierungsmaschinerie wird niemals stoppen. Denn das Leben ist und bleibt eines der gefährlichsten.
Mit seiner Geburt ist man Krankheits- und Unfallrisiken ausgesetzt. Auch deshalb, weil der Mensch, diese dumme Kreatur, sich partout weigert, stets vernünftig nach dem neusten Stand der Medizin zu leben. Er isst gerne mal unvernünftig (vom Trinken und Rauchen ganz zu schweigen), bewegt sich zu wenig oder zu ungestüm. Außerdem kann man ja alles übertreiben und missbrauchen, nicht nur Alkohol (dabei soll ein Gläschen Rotwein ja sogar gesund sein!): Wer sich etwa nur von Mineralwasser ernährt, lebt ziemlich ungesund. Und selbst mit einem Zahnstocher kann man sich böse im Auge verletzen. Da muss doch mal einer vor warnen!

Und so wird es in den kommenden Jahren und Jahrzehnten weitergehen. Stets in ganz kleinen Schritten, damit es nicht allzu absurd wirkt und Rebellion hervorruft, aber immer weiter, von Werbe- zu Produktverboten. Regulierung oder Debatten gibt es bereits bei Alkohol, Lotto- und Internetspielen (Suchtgefahr!), Cola, Süßigkeiten und Knabberzeugs (ungesund!), Fleisch (Umweltschutz!), generell bei Lebensmitteln (nicht alle gleich gesund!), Mode und Kosmetik (ungesundes und diskriminierendes Frauenbild!), frei verkäuflichen Pillen (Missbrauch!), Autos (Energieverbrauch und Unfallgefahr!) und Haushaltsgeräten (Energieverbrauch!).

Die Welt ist also ein Paradies für alle, die davon leben, das Leben sicherer und gerechter zu machen. Es gibt immer etwas zu tun! Und bei der moralischen Beurteilung der Akteure gilt: Die Politik ist quasi Naturgesetz und darob nicht hinterfragbar. Die Ankläger (Experten und "Verbraucherschützer") handeln per se uneigennützig - sie sind die Guten. Die Vertreter der zu regulierenden Wirtschaft hingegen heißen "Lobbyisten" und haben deshalb niemals Recht. Merke: Ein Politiker, der mit der Anklägerseite spricht, macht sich sachkundig. Ein Politiker, der auch Gegenargumente anhört, wird "von der Wirtschaftslobby unter Druck gesetzt".

Dabei sind alle nur Lobbyisten in eigener Sache: Der Staatsapparat (Politiker, Beamte, Gremien), der niemals kleiner wird, immer nur größer, durch immer neue selbst geschaffene Aufgaben zur Selbstbestätigung und zum Selbsterhalt. Politik ist niemals fertig - sonst müsste sie sich ja selbst einschränken, gar abwickeln. Zweitens die Anklägerbranche: Gutachter, die von staatlichen Aufträgen leben. Experten, die mit sorgenvollen Minen in Talkshows sitzen und so ihren Marktwert erhöhen. Organisationen wie die "Verbraucherschützer", die von Staatsgeld leben - auch sie brauchen immer neue Projekte und die Wirtschaft als Feindbild. Und drittens, nicht zu vergessen, die hoch bezahlten Lobbyisten in Berlin und Brüssel.

Die Regulierer können sich im warmen Gefühl wiegen, etwas Wichtiges und Richtiges zu tun: Sie helfen den Menschen, ein richtigeres Leben zu führen. Sie wissen besser, was gut für alle Leute ist - viel besser als diese selber. Denn die Menschen treffen zwar jeden Tag viele komplizierte Entscheidungen - doch bei ihrer Pausenzigarette sind sie unmündig. Wie die Kinder. Apropos: Jede Regulierung wird zuerst mit Kinder- und Jugendschutz erklärt, weil das Credo des unmündigen Menschen hier leichter zu begründen ist. Nur: Was für Kinder gut ist, kann für Erwachsene kaum schlecht sein - und schon gelten die Verbote schön für alle.

Pimpls Position

In der Online-Kolumne kommentiert Roland Pimpl, Hamburg-Korrespondent von HORIZONT, in loser Folge Themen und Thesen aus Medien und Marketing.

Bevormundung der Bürger? Weniger Freiheit? Beschneidung der Meinungsäußerung von Unternehmen? Zerstörung von Markenwerten? Enteignung? Gefährdung von Jobs? Höhere Staatsquoten durch immer mehr Kontrollgremien und immer weniger Werteproduzenten? Ungewollte Schwarzmärkte? Ach was. Für die Regulierungslobby sind dies bloß akademische Argumente von Erbsenzählern in Wirtschaft und Wissenschaft. Und somit läuft das prohibitive Procedere stets auf die gleiche Weise ab, Schritt für Schritt, langsam über Jahre.

Lesen Sie hier: In sechs Schritten zum Totalverbot
1. Schritt: Warnende oder empfehlende Studien
Da freuen sich immer die Gutachter und Gegengutachter. Jahrelang werden sie mit lukrativen Studien beauftragt, die nur dann veröffentlicht werden, wenn die gewünschten Ergebnisse herauskommen. Die Pro-Regulierungsstudien haben aber einen entscheidenden Vorteil: Ihre Schlussfolgerungen klingen immer moralisch hochwertiger. Reden wir etwa einmal über eine mögliche Helmpflicht für Fußgänger. Jede Untersuchung dazu käme notwendigerweise zu einem Ergebnis wie: "Eine Helmpflicht für Fußgänger würde pro Jahr 333 Unfalltode verhindern und 3333 Unfallverletzungen verhüten." Und jeder, der gegen eine Helmpflicht argumentiert, ist moralisch sofort in der Defensive: Es geht doch um Menschenleben! Ein absurdes Beispiel? Nein. Eine Helmpflicht für Radler etwa wird schon diskutiert, bei der Anschnallpflicht fing es vor Jahrzehnten genau so an, ebenso wie später beim Thema Tabak.

2. Schritt: Amtliche Empfehlungen und Kampagnen
Auch hier freuen sich die beauftragten Institute, Agenturen und Medien. Und alle genießen das Gefühl, beim Umerziehungsprogramm auf Steuergeld auf der richtigen Seite zu stehen.

3. Schritt: Gesetzliche Warnhinweise auf Produkten
Längst eingeführt bei Tabakwaren. Die Hinweise werden größer und ekeliger, weitere Waren werden hinzukommen - vielleicht bald Bier, Bonbons, Nahrungsmittel (Lebensmittelampel), Zahnstocher ("Nicht verschlucken!") und Fahrräder ("Helme retten Leben!").

4. Schritt: Werbevorschriften und -verbote
Längst sichtbar etwa bei Alkohol, Tabak, Lotto, Pharma und Autos (Verbrauchsdaten). Auch hier gilt: Es trifft immer mehr Gattungen, und aus Zwangshinweisen werden Werbeverbote. Besonders fortschrittlich ist die britische Werbeaufsicht Advertising Standard Authority: Sie zensiert nicht mehr nur zu schöne, zu schlanke, zu nackte Körper, zu sonnengebräunte Haut - sondern auch zu lange Wimpern und zu subtile Andeutungen in Modeanzeigen. Und die EU hat sich nach der Bürokratie stiftenden "Health-Claims-Verordnung" (ist "bekömmlich" nun eine Wohlfühlaussage - oder schon ein verbotener gesundheitsbezogener Hinweis?) auch bereits Gedanken gemacht über Kosmetikwerbung und Rollenklischees in TV-Spots. In Frankreich wurden schon Zigaretten aus historischen Filmplakaten herausretuschiert, und die hiesige Politik kritisiert schon mal allzu idyllische Bauernhöfe in der Lebensmittelwerbung. Die Begründungen sind immer gleich: Irreführung, Diskriminierung, Gesundheitsgefährdung. Doch wer prüft eigentlich Wahlwerbung auf ihren Wahrheitsgehalt?

5. Schritt: Sondersteuern und gesetzlich regulierter Verkauf
Gibt es längst für Tabak und Alkohol; die UNO fordert Strafsteuern auch für Zucker-, Salz- und fettreiches Essen. In einigen Ländern wird Alkohol nur in lizenzierten Läden verkauft. Die konsequenteste Lösung, nämlich Produktverbote, zögert die Politik heraus, um weiter Steuern und Lizenzgebühren abzuschöpfen. Für Zigarettenpackungen gibt es Mindestgrößen, und irgendwann wird es Höchstgrößen für Cola-Becher geben, wie mal in New York geplant.

6. Schritt: Verkaufs- und Konsumverbote
Bei den Rauchverboten in der Gastronomie wird es nicht bleiben. Diskutiert wird bereits über Rauchverbote auch in Privaträumen - es könnten ja Kinder kommen. Außerdem könnten Nachbarn geschädigt werden, von der Brandgefahr ganz zu schweigen. Was fehlt noch? Verbote, auch von High Heels, wegen Umknickgefahr und orthopädischer Schadwirkung. Aber klar, erstmal kämen Warnhinweise und Verbote, in Modeanzeigen mit hohen Hacken (und für sie) zu werben. Und irgendwann gäbe es dann erlaubte Höchstabsatzhöhen, und so weiter. rp

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