Philipp Westermeyer "Wie krass, ich arbeite ja doch in einer geilen Branche"

Montag, 15. Februar 2016
Philipp Westermeyer
Philipp Westermeyer
Foto: Isadora Tast

Ins Dschungelcamp ist Philipp Westermeyer (noch) nicht eingezogen. Aber im digitalen Dickicht kennt sich der Gründer der Online Marketing Rockstars allerbestens aus, wie im Interview mit HORIZONT deutlich wird.
Seit knapp sechs Jahren gibt es die Online Marketing Rockstars – und genauso lange die Konferenz Rockstars Festival, die seit 2015 zudem von einer Expo begleitet wird. In dieser kurzen Zeit haben Mitgründer Philipp Westermeyer und sein Team das Event zu einem echten Geheimtipp in der Onlinemarketingszene gemacht. Inzwischen etabliert sich die zweitägige Veranstaltung mehr und mehr zu einem „must visit“ für alle, die sich über Digitalmarketing schlaumachen wollen. 2016 finden Konferenz und Expo erstmals in den Hamburger Messehallen statt. Sie haben das Rockstars Festival in fünf Jahren zu einem der angesagtesten Events in der Onlinemarketing-Branche gemacht. Es gibt inzwischen eine regelrechte Fangemeinde. Was ist Ihr Erfolgsrezept? Das Wichtigste ist sicherlich, dass wir alle selbst aus der Branche kommen. Wir sind nicht irgendein Kongressveranstalter, der sich irgendein neues wachstumsträchtiges Thema für sein Geschäft ausgesucht hat. Wir wissen sehr genau, wie unsere Zielgruppe tickt und was sie auf einer Veranstaltung sehen und hören will. Deshalb könnte ich auch nie ein Festival für Haushaltswaren oder Segelboote auf die Beine stellen.

Wie tickt denn die Zielgruppe und was will sie hören? Pauschal lässt sich das gar nicht beantworten. Gradmesser ist für mich letztlich immer die Frage, ob ich selbst gerne auf das Festival gehen würde. Wir sind in der Digitalmarketingszene so eng vernetzt, dass wir beispielsweise sehr genau wissen, welche Speaker längst abgegriffen sind und wer wirklich cool ist und etwas Neues zu erzählen hat. Genauso können wir aber auch sehr gut beurteilen, welche Musik bei den Leuten gut ankommt und welche eben nicht.

„Wir sehen immer wieder, wieviel Spaß es den Leuten macht, gleich zu Beginn des Jahres zu denken: 'Wie krass, ich arbeite ja doch in einer geilen Branche‘.“
Philipp Westermeyer
Apropos Musik: Das Rockstars Festival lebt auch von seiner progressiven, jungen Inszenierung. Die Aftershowpartys sind legendär. Wie hoch ist auf dem Festival der Anteil von knallhartem Business und was ist reine Show? Im Grunde ist es jedes Jahr unser Ziel, einen guten Dreiklang hinzubekommen aus Information, Inspiration und Networking. Wir sind ganz sicher keine reine Informationskonferenz, aber es wird bei uns auch nicht pausenlos gefeiert. Die perfekte Mischung macht es aus. Wobei die Möglichkeit zum Networking für uns und unsere Gäste einen extrem hohen Stellenwert hat. Und je größer das Festival wird, desto wichtiger und letztlich auch einfacher wird natürlich gerade der Aspekt, neue und interessante Leute kennenzulernen.

Die Besucherzahlen sind in nur fünf Jahren von 200 auf 7000 gestiegen. 2016 werden Sie voraussichtlich erstmals die 10000er-Marke knacken. Wie groß soll das Festival noch werden? Ganz ehrlich: Darauf habe ich keine Antwort. Es gibt keinen konkreten Businessplan, der uns Wachstum x bis zum Jahr y vorschreibt. Als wir vor fünf Jahren gestartet sind, waren die Online Marketing Rockstars für uns kaum mehr als ein Hobby. Heute hängen wir uns mit aller Kraft rein, um zu sehen, was der Markt hergibt. Gut möglich, dass wir irgendwann an eine Grenze stoßen oder merken, dass die Veranstaltung zu kippen droht, weil sie zu groß und zu komplex wird. Doch solange der Markt es zulässt, wollen wir weiter wachsen. Schließlich haben wir mit mehr Größe und mehr Budget auch immer neue und bessere Möglichkeiten, das Festival noch geiler zu machen.

Der Vergleich mit der Dmexco, Europas größter Digitalkongressmesse, drängt sich manchen bereits auf. Noch liegt die Dmexco mit zuletzt gut 43.000 Besuchern zwar deutlich vorne, aber müssen sich die Dmexco-Macher langfristig vor Ihnen fürchten? Nein, wenn überhaupt müssen wir uns vor denen fürchten. Zumindest haben wir einen sehr großen Respekt vor der Dmexco. Schließlich ist die ja ein echtes Erfolgsprodukt, das auch weiterhin noch deutlich wächst. Außerdem sind wir mit dem Rockstars Festival doch sehr anders positioniert. Wir kommen uns kaum in die Quere.

Es heißt bei Marketingkongressen ja immer: Agenturen und andere Dienstleister kommen von ganz allein. Eine der wichtigsten Zielgruppen sind deshalb auch für Sie die Werbungtreibenden. Wie hoch ist deren Anteil auf dem Rockstars Festival? Es dürften aktuell rund 50 Prozent sein.

Das ist schon ziemlich viel. Wenn Sie aber weiter wachsen wollen, müsste der Anteil größer werden. Wie wollen Sie noch mehr Werbungtreibende für das Rockstars Festival begeistern? Wir merken, dass unsere Marke erst jetzt bei den Marketingverantwortlichen so richtig aufs Radar kommt. Man kennt uns immer besser und interessiert sich immer mehr für uns. Das liegt aber nicht nur an den Rockstars Festivals der vergangenen Jahre, sondern auch an der wachsenden Relevanz unseres Portals Onlinemarketingrockstars.de und an den zahlreichen Events, die wir das ganze Jahr über veranstalten, wie etwa New Platform Advertising oder Traction Day.

Welche sind die wichtigsten Learnings, die speziell Werbungtreibende von einem Rockstars Festival mit nach Hause nehmen? Da gibt es Hunderte.
„Es gibt keinen konkreten Businessplan, der uns Wachstum X bis zum Jahr Y vorschreibt.“
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Dann nennen Sie uns doch einfach die fünf wichtigsten. Erstens: Sie bekommen einen guten Überblick, wie und wohin sie ihre Budgets in den nächsten Monaten am besten einordnen sollten. Zweitens: Sie lernen, welche neuen Kanäle man für die Zukunft zumindest schon mal in den Hinterkopf packen sollte und welches Equipment man für deren Bespielung braucht. Drittens: Sie bekommen Informationen über wichtige Partner und Dienstleister, um das eigene digitale Ökosystem auszubauen oder besser beurteilen zu können. Viertens: Sie treffen neue Leute und können jede Menge neue Kontakte knüpfen. Fünftens: Sie nehmen neue Motivation und Begeisterung für digitales Marketing mit. Wir sehen immer wieder, wie viel Spaß es den Leuten macht, sich gleich zu Beginn des Jahres mit neuer Power und neuen Ideen aufzuladen und dann zu denken: „Wie krass, ich arbeite ja doch in einer geilen Branche.“ Bei uns bekommt man nach einer langen Winterpause, in der man seine Budgets nur standardmäßig hin- und hergeschoben hat, wieder richtig Bock auf Digitalmarketing.

Vielen scheint in der Tat manchmal die Lust zu vergehen. In einem Interview mit HORIZONT haben Sie davon gesprochen, dass es zwischen Digitalbranche und Werbungtreibenden noch immer Verständigungsprobleme gibt. Wo liegt das Problem? Der digitale Wandel geht einfach wahnsinnig schnell voran und jede neue Plattform hat ihr ganz eigenes Vokabular und ganz eigene Mechanismen – egal ob Facebook, Google, Youtube oder wie sie alle heißen. Das macht es Werbungtreibenden natürlich wahnsinnig schwer. Denn wo soll man das alles lernen? Berufsanfänger kommen zwar mit einem aktuellen Teilwissen von den Unis, doch dann müssen auch sie alles weitere „on the job“ lernen. Leute, deren Uniabschluss schon etwas länger her ist oder die in noch eher klassisch aufgestellten Marketingabteilungen arbeiten, können dieses Wissen kaum mehr nachholen.

Ist die Lage tatsächlich so dramatisch? Wir haben den Eindruck, dass das digitale Wissen bei vielen Werbungtreibenden in den letzten Jahren massiv aufgebaut wurde. Das Problem liegt nach meiner Beobachtung vor allem im Mittelbau. Die meisten großen Konzerne und natürlich auch die Start-ups sind im Digitalmarketing in der Tat inzwischen schon sehr weit voran. Aber in der breiten Masse der kleinen und mittleren Unternehmen dauert der Know-how-Aufbau im digitalen Marketing noch immer viel zu lange. Das ist einerseits ein strukturelles Problem und liegt an mangelnden Budgets und Personalressourcen. Andererseits werden diese Unternehmen noch immer viel zu wenig von digitalen Dienstleistern adressiert, die hier naturgemäß wenig Geschäft sehen.

Philipp Westermeyer

Nach BWL-Diplom und Medienmanagement-Master startete Philipp Westermeyer, 36, seine Karriere als Vorstandsassistent bei der Bertelsmann AG und wechselte dann als Investment Manager zu Gruner + Jahr New Media Ventures. 2009 gründete er gemeinsam mit Tobias Schlottke und Christian Müller „Ad yard“, das die drei 2011 an Gruner + Jahr verkauften, um gemeinsam die Adtech-Firma „Metrigo“ zu gründen. Diese verkauften sie im März 2015 an Zalando, sind aber nach wie vor Geschäftsführer des Spezialisten für Performance- und Display-Marketing. 2010 starteten sie zudem gemeinsam mit Christian Byza die Online Marketing Rockstars.
Welche sind denn die wichtigsten Trends im digitalen Marketing, die Werbungtreibende derzeit am stärksten unterschätzen? Aus Sicht der großen Konzerne wird meines Erachtens noch zu sehr versäumt, digitales Wissen inhouse auf- und auszubauen. Hier wird noch zu viel an Agenturen oder andere Dienstleister ausgelagert. Das Beispiel Zalando aber zeigt derzeit sehr gut, wie wichtig und richtig es ist, digitales Marketing ins Haus zu holen. Die sind auf allen Kanälen extrem aktiv, arbeiten aber nur minimal mit Agenturen zusammen. Stattdessen hat Zalando inzwischen eine mehr als 200 Mitarbeiter starke Digitalmarketingabteilung. Die haben einfach begriffen, dass beziehungsweise wann es sich lohnt, auch echte Spezialisten einzukaufen.

Wobei für einen Marktführer im E-Commerce sicher andere Regeln gelten als beispielsweise für einen FMCG-Konzern. Das ist richtig. Doch ich bin überzeugt, dass sich alle Konzerne ab einer bestimmten Größe noch weitaus intensiver mit dem Thema Insourcing von Digitalmarketing-Know-how befassen müssen.

Als Bremser wird hier allerdings gerne auch der sogenannte „War for Talents“ angeführt. Die Online Marketing Rockstars betreiben mit Onlinemarketingjobs.de auch ein Jobportal, Sie müssten es also beurteilen können. Haben Sie auch den Eindruck, dass Werbungtreibende auf der Suche nach Digitalexperten oft den Kürzeren gegenüber anderen Marktteilnehmern ziehen?Nein. Natürlich gibt es eine generelle Knappheit. Exzellente SEO-Experten findet heute keiner so leicht, über diesen Mangel können alle klagen. Dennoch ist meine Beobachtung, dass sich da gerade etwas dreht. Früher haben in der Tat eher Start-ups oder eben Google, Facebook und Co die guten Leute vom Markt gezogen. Inzwischen aber gehen viele doch ganz gerne in Konzerne oder andere werbungtreibende Unternehmen. Es hat ja auch Vorteile, sich beispielsweise mal nur für ein ganz bestimmtes Produkt ins Zeug zu legen. Außerdem lernen inzwischen auch viele die zum Teil ja deutlich besseren Verdienst- und Aufstiegschancen bei den Werbungtreibenden zu schätzen.
„In der breiten Masse der kleinen und mittleren Unternehmen dauert der Know-how-Aufbau im digitalen Marketing noch immer viel zu lange. “
Philipp Westermeyer
Dann noch mal zurück zur Frage nach den Trends: Gibt es weitere Entwicklungen im Digitalmarketing, die Sie derzeit als deutlich unterschätzt ansehen? Podcasts. Ich persönlich beschäftige mich momentan sehr intensiv damit. Denn ich glaube, dass Podcasts in der nächsten Zeit eine echte Renaissance erfahren werden. Und zwar sowohl als Contentkanal als auch als Werbekanal. Beim Thema Musik haben es Anbieter wie Spotify längst geschafft, dass sich die Leute ihre eigenen Playlists erstellen und streamen. Beim gesprochenen Wort, egal ob redaktionelle Beiträge oder Serials, steht uns diese Entwicklung noch bevor. Und dann werden Podcasts auch als Werbeplattform sehr interessant werden.

Ein bezüglich Werbekanal deutlich greifbarer Trend ist, dass sich auch E-Commerce-Plattformen als Werbeträger vermarkten. Für klassische Publisher wie Verlage sind das „bad news“. Doch welche Konsequenzen hat es für Werbungtreibende? Ich bin überzeugt, dass E-Commerce-Plattformen sehr schnell ein sehr großes Thema für die Werbungtreibenden sein werden. Da entsteht gerade in der Tat ein völlig neuer machtvoller Kanal.

Sie müssen das sagen, weil Sie mit Ihrer Firma Metrigo inzwischen zu Zalando gehören. Und die wollen diesen Bereich bekanntlich deutlich ausbauen. Das hat damit nichts zu tun. Ich glaube einfach an die Wirksamkeit dieses neuen Kanals. Es würde mich jedenfalls überhaupt nicht wundern, wenn schon in zwei bis drei Jahren große Fashionfirmen wie beispielsweise Adidas, Boss oder Diesel im Digitalmarketing auch Mitarbeiter sitzen haben, die sich ausschließlich mit E-Commerce-Plattformen als Werbekanal beschäftigen.
„Ich bin überzeugt, dass starke Marken wieder massiv an Relevanz gewinnen werden.“
Philipp Westermeyer
Zurzeit allerdings wächst die Skepsis der Werbungtreibenden gegenüber vielen Formen des Digitalmarketings eher wieder an. Die Organisation Werbungtreibende im Markenverband (OWM) fordert vehement bessere Wirksamkeitsnachweise, eine konvergente Währung und Effizienzsteigerungen. Wie sehr ist die Skepsis aus Ihrer Sicht eigentlich begründet? Wir befinden uns ja gerade in einer Umbruchphase. Es werden im Digitalmarketing wahnsinnig viele Dinge auf einmal diskutiert und kritisiert. Seien es Realtime Bidding oder Attribution, Tracking oder Targeting, Bot Traffic oder Ad Blocking. Da passiert gerade sehr viel Neues und jeder hat eine andere Meinung. Für viele Werbungtreibende ist Digitalmarketing deshalb ein ziemlich undurchsichtiger Haufen. Auf der anderen Seite ist die Konsolidierung im Digitalmarketingmarkt ja bereits in vollem Gange. Es wird hier in den nächsten Monaten und Jahren noch zu einer deutlich größeren Bereinigung kommen. Zumindest für die Werbungtreibenden ist das eine gute Nachricht.

Letzte Frage: Das Thema Markenbildung spielt bei den Online Marketing Rockstars keine große Rolle, richtig? Kommt drauf an. An Markenbildung im klassischen Sinne glaube ich in der Tat nicht. Selbst wenn ich ein extrem erfolgreiches Startup führen würde, das ein Werbebudget von 10 oder 20 Millionen Euro im Jahr zur Verfügung hätte, würde ich nicht über Gross Rating Points oder solche Dinge nachdenken wollen. Das heißt aber nicht, dass ich nicht an Marken glaube. Im Gegenteil: Ich bin überzeugt, dass starke Marken wieder massiv an Relevanz gewinnen werden. Gerade im Digitalmarketing sind starke Marken ja extrem wichtig und hilfreich. Ich glaube nur, dass es für einen effizienten Markenaufbau heute tausend bessere Möglichkeiten gibt als eine GRP-Diskussion oder was es da noch so alles gibt aus der alten klassischen Werberwelt.

Interview: Anja Sturm
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