PR-Debakel Wie Amazon zu George Orwell's Big Brother mutierte

Freitag, 15. August 2014
Macht sich unbeliebt bei Buchautoren: Amazon-Boss Jeff Bezos (Bild: Amazon)
Macht sich unbeliebt bei Buchautoren: Amazon-Boss Jeff Bezos (Bild: Amazon)


Bei der Öffentlichkeitsarbeit läuft es gerade nicht gut für Amazon. Nachdem zunächst 909 amerikanische Autoren in einem öffentlichen Brief das Unternehmen wegen seiner Preispolitik kritisierten, zogen nun deutsche Autoren mit einem eigenen offenen Brief nach. Und besonders peinlich: Es stellt sich heraus, dass es Amazon bei seiner eigenen PR nicht so genau mit der Wahrheit genommen hat. Opfer ist ausgerechnet einer der größten Kritiker totalitärer Propaganda: George Orwell.
Denn in einem eigenen Brief an die Autoren hatte Amazon mit einem Verweis auf die Geschichte der Verlagswirtschaft um Verständnis für die eigene Forderung nach einer Verbilligung der E-Books geworben. Das Argument: Als Penguin Books in den 30er Jahren billige Taschenbücher einführte, hätten ebenfalls viele das Ende der Buchbranche gefürchtet. In Wirklichkeit wurde durch diesen Schritt das Lesen populärer denn je.

Als prominenten Beleg der historischen Kurzsichtigkeit zitiert Amazon den britischen Autor George Orwell. Im Amazon-Brief liest sich Orwells Reaktion auf das neue Taschenbuch-Format so: "Wenn die anderen Verleger nur ein bisschen Verstand hätten, würden sie sich dagegen vereinen und es unterdrücken." Der namenlose Autor des Briefs kommentiert das Zitat anschließend: "Ja, George Orwell schlug betrügerische Absprachen vor." Das Problem an der schön pikanten Anekdote: Sie ist schlicht falsch.

In einem Brief an die "New York Times" weist Orwells Nachlassverwalter Bill Hamilton darauf hin, dass der von Amazon zitierte Satz aus dem Zusammenhang gerissen ist. Ursprünglich sagte Orwell nämlich zu dem neuen Taschenbuch-Format: "Die Penguin Bücher liefern einen hervorragenden Wert für Sixpence, so hervorragend, dass die anderen Verleger, wenn sie nur ein bisschen Verstand hätten, sich dagegen vereinen und und sie unterdrücken würden." Anstatt sie zu verteufeln lobte Orwell die Paperbacks also. Eine Einschätzung, die nur konsequent war für einen Autoren, der Zeit seines Lebens der Arbeiterbewegung nahe stand.

Hamilton findet in seinem Leserbrief auch gleich ein passendes Äquivalent zu Amazons Umgang mit der historischen Wahrheit: "Das ist so nah wie man nur dem Ministerium und seinem Doppelsprech kommen kann: Im Dienst der eigenen Propaganda die Wahrheit komplett zu verdrehen." Hamilton räumt ein gleichzeitig geschockt und amüsiert zu sein, dass Amazon seine PR-Taktiken direkt aus Orwells "1984" beziehe: "Das sagt nichts Positives über Amazon's Achtung vor der Wahrheit oder die Qualität seines literarischen Verständnisses. Oder vielleicht interessiert sich Amazon auch einfach nicht für die Autoren, deren Werke es verkauft." cam
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