Online-Video-Pionier Wie Mediakraft das eigene Geschäftsmodell umbaut

Donnerstag, 30. März 2017
Constantin Stammen ist der neue starke Mann bei Mediakraft
Constantin Stammen ist der neue starke Mann bei Mediakraft
© Mediakraft / Hajo Drees

Bei Mediakraft stehen die Zeichen wieder einmal auf Veränderung: Das Multichannel-Network wird sich künftig deutlich stärker auf Dienstleistungen für Brands konzentrieren und das klassische Vermarktungs-Geschäft mit Youtubern neu ausrichten. Gegenüber HORIZONT Online erläutert Geschäftsführer Constantin Stammen die neue Strategie.
Wie Mediakraft mitteilt, liege hinter dem Unternehmen das erfolgreichste Jahr der Firmengeschichte. Gleichzeitig wird immer klarer: Die exklusive Betreuung von Youtube-Künstlern bei Vermarktung und Reichweitenaufbau ist kein Geschäft, mit dem sich nachhaltig wirtschaftlich erfolgreich arbeiten lässt.
Anzeichen dafür gab es zuletzt viele: Zahlreiche Youtuber haben sich von ihren Netzwerk-Partnern losgesagt - teilweise lautstark, wie auch Mediakraft erfahren musste - , die Independent-Szene wuchs. Zudem klagen selbst manche Top-Stars der Branche inzwischen über sinkende Videoaufrufe und Verlust von Abonnenten - mit entsprechenden Auswirkungen auf die Werbe-Einnahmen. Als dann Maker Studios, 2014 für 675 Millionen Dollar vom Disney-Konzern aufgekauft und so etwas wie der internationale Leuchtturm unter den Multichannel-Networks, kürzlich zahlreiche Stellen abbaute und das Künstler-Portfolio radikal zusammenstrich, war dies ein deutliches Signal dafür, dass sich die MCN-Branche im Umbruch befindet.

Dennoch ist der Webvideo-Bereich immer noch äußerst vielversprechend. Mediakraft verweist etwa auf die positive Entwicklung der Vermarktungs-Tochter Produktkraft: Der Bereich habe bereits im Mai des vergangenen Jahres den Gesamtumsatz des Jahres 2015 übertroffen, wie Mediakraft mitteilt - ohne jedoch konkrete Zahlen zu nennen. Zu den Kunden zählen unter anderem die Sparkassen, McDonald’s, Mondelez sowie L`Oréal. Mediakraft sieht künftig das größte Potenzial darin, B-to-B-Leistungen für Unternehmen anzubieten und positioniert sich daher nun als Social-Media-Vermarkter und Lösungsanbieter für Brands und Unternehmen. Zu den Kernleistungen der Kölner sollen die Analyse vorhandener Youtube-Kanäle sowie die Entwicklung von Social-Media-Strategien inklusive Optimierungsempfehlungen, Konzeptentwicklung und Umsetzungsmaßnahmen gehören.

"Unser Ziel ist, strategisch deutlich näher an die Brands heranzurücken und auch im Management der Unternehmen auf höherer Ebene wahrgenommen zu werden, als dies bislang der Fall war", sagt Geschäftsführer Constantin Stammen. Der Finanzchef ist im Mediakraft-Management der neue starke Mann. Sein bisheriger Co-Geschäftsführer Boris Bolz, der Anfang 2015 von Red Bull zu Mediakraft gestoßen war, hat das Unternehmen dagegen verlassen. "Es waren spannende und lehrreiche zwei Jahre. Da der Turn-Around jetzt geschafft ist, sehe ich meine persönliche Zukunft in einem anderen Bereich, zu dessen Details ich jedoch konkret noch nichts sagen möchte", lässt sich Bolz zitieren.

Bolz' Aufgaben werden künftig von Stammen und Levent Gültan, in der Mediakraft-Geschäftsführung für die Bereiche Platforms & Operations und Business Development zuständig, übernommen. Die Verkleinerung des Management-Teams geht mit einer allgemeinen Straffung - das Wort Stellenabbau fällt nicht - beim Personal einher: "Künftig wollen wir unsere bestehenden Ressourcen wirksamer einsetzen und in allen Bereichen schlanker werden", erklärt Stammen. Aktuell arbeiten insgesamt rund 90 Menschen für Mediakraft.
„In der Vergangenheit haben wir uns zu viel mit Dingen beschäftigt, die kein Geld gebracht haben.“
Constantin Stammen
Komplett vom alten Modell verabschieden will man sich nicht: "Was wir machen, ist keine Revolution, vielmehr verfeinern wir unser Geschäftsmodell und erschließen neue Erlösquellen", sagt Stammen. "In der Vergangenheit haben wir uns zu viel mit Dingen beschäftigt, die kein Geld gebracht haben. Im Vordergrund stehen künftig B-to-B-Dienstleistungen für Unternehmen. Das klassische Artist-Management bleibt aber ein wichtiger Bestandteil unseres Portfolios."

Im Bereich Künstler-Management will sich Mediakraft künftig unabhängiger von exklusiven Partnerschaften machen und öffnet sich auch netzwerkunabhängigen Youtubern. Zudem will man verstärkt flexible Vertragsmodelle anbieten, wo nach dem Baukastenprinzip verschiedene Leistungen je nach Bedarf des Youtubers kombiniert werden. Nicht im Fokus stehen soll dagegen Klick-Wachstum: "Wir werden künftig stattdessen viel stärker danach selektieren, welche Künstler unser Portfolio sinnvoll ergänzen und welche Mehrwerte wir durch eine Partnerschaft schaffen können", sagt Levent Gültan.
Y-Titty
Bild: Universal Music

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Das Mandantengeschäft soll also auch dahingehend umgebaut werden, dass nicht mehr möglichst viele möglichst große Social-Media-Stars zum Portfolio gehören. "Früher gab es in unserem Portfolio eine gewisse Asymmetrie", sagt Stammen. "In Zukunft wollen wir im Segment Artist-Management speziell für mittelgroße Youtuber weitergehende Modelle entwickeln, weil solche Influencer sich bei Brands zunehmender Beliebtheit erfreuen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um bestehende Vertragskünstler oder externe Youtuber handelt." Nicht mehr zum Mediakraft-Portfolio gehören künftig die Lochmann-Brüder Heiko und Roman: Der Exklusiv-Vertrag mit dem als "Die Lochis" bekannt gewordenen Comedy-Duo läuft Ende März aus. Das Zwillings-Paar baut stattdessen seine eigene Agentur auf und behält auch seine Kunden.

Die dritte Säule neben B-2-B-Leistungen und Künstler-Management ist die Produktion von Original-Content. Diese Inhalte erzielten laut Mediakraft-Mitteilung inzwischen international eine Reichweite von über 250 Millionen Video-Views monatlich. Zu den erfolgreichsten Formaten aus diesem Bereich gehören etwa die per Crowdfunding finanzierte Infortainment-Reihe "The Great War", das Kino- und Filmkulturmagazin "Die Filmfabrik, der Mystery-Kanal "Streng Geheim" und der Ratgeberkanal "So geht das". Die Produktionsleistungen bietet Mediakraft inzwischen auch externen Kunden an, beispielsweise für Auftragsproduktionen, Brand-Channel-Produktionen oder Unternehmensfilme. ire
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