Metro Group Warum Media-Saturn endgültig in die Freiheit entlassen wird

Mittwoch, 30. März 2016
Media-Saturn-Chef Pieter Haas würde den neuen selbständigen Unterhaltungselektronik-Riesen führen
Media-Saturn-Chef Pieter Haas würde den neuen selbständigen Unterhaltungselektronik-Riesen führen
Foto: Media-Saturn

Es gibt viele Trennungsgründe, aber eine Scheidung wegen zu großen Erfolgs hat eher Seltenheitswert. Und doch ist das letztlich der Treiber für den Vorstand der Metro AG, sich von seinem Media-Saturn-Geschäft zu trennen.
Wird der Plan so wie vorgeschlagen von den Gesellschaftern abgesegnet, spaltet sich der Handelsriese Metro ab kommenden Jahr in zwei Unternehmen auf: einen Großhandels- und Lebensmittel-Spezialisten und ein auf Unterhaltungselektronik-Produkte und -Dienstleistungen fokussiertes Unternehmen. Beide Unternehmen würden als separate Aktiengesellschaften mit jeweils eigener Börsennotierung, eigenständigem Unternehmensprofil sowie eigenem Vorstand und Aufsichtsrat agieren. Mit den großen Worten hatte Metro-Vorstandvorsitzender Olaf Koch dann bei der begleitenden Pressekonferenz so seine Probleme. Die geplante Trennung sei ein "entscheidender Schritt" in der Unternehmensgeschichte, nicht notwendigerweise ein "historischer Schritt", so Koch - nur um sich dann selbst zu relativieren: "Möglicherweise ist das sogar ein historischer Schritt."

Es ist zumindest ein Schritt, der zwei international agierende Unternehmen mit Anspruch auf Marktführerschaft in ihren jeweiligen Segmenten schaffen soll. In Zahlen gefasst liest sich das geplante Zukunftsszenario folgendermaßen: Das neue Unternehmen für Großhandel und Lebensmittel würde von Olaf Koch selbst geführt, hätte einen Umsatz von 38 Milliarden Euro und wäre in 35 Ländern aktiv. Der selbständige Unterhaltungselektronik-Riese würde von Media-Saturn-CEO Pieter Haas geführt, hätte aktuell einen Jahresumsatz von 22 Milliarden Euro und wäre in 15 Ländern aktiv. Beide Unternehmen könnten mit einer Börsennotierung am MDax rechnen. Das muss und soll auch nicht so bleiben. Koch betonte mehrmals, dass beide Unternehmen nach der Aufspaltung ihre Aktien auch als Akquiseinstrument einsetzen könnten. Anders gesagt: Der Handelsmanager geht davon aus, dass in beiden der für Metro relevanten Segmente Konsolidierungen die kommenden Jahre prägen werden und sich der Konzern durch seine Zellteilung perspektivisch einen größeren Marktanteil wird sichern können. Der positive Nebeneffekt im Fall von Media-Saturn: Dadurch, dass derartige Zukäufe auf Ebene der Metro-Aktionäre passieren würden, würde der Geschäftsbereich, in den Minderheitenaktionär Kellerhals hineinregieren kann, perspektivisch kleiner werden.

Möglich wird das überraschende Manöver erst durch die positiven Geschäftszahlen der vergangenen Jahre. So hat Metro Cash & Carry zehn Quartale in Folge den Umsatz auf vergleichbarer Fläche erhöht und die Ergebnisse verbessert. Media-Saturn hat sechs Quartale hintereinander den Umsatz auf vergleichbarer Fläche gesteigert, historisch hohe Marktanteile in den relevanten europäischen Märkten erzielt und im vergangenen Geschäftsjahr eine starke Ertragslage berichtet. Mit dem Verkauf von Galeria Kaufhof konnte zudem die Nettoverschuldung deutlich gesenkt werden.

Klappt alles nach Plan, soll es bis Mitte 2017 soweit sein. Spannend könnte es dabei allerdings noch für die Handelstochter Real werden. Während Metro in seinem Großhandelsgeschäft mittlerweile die richtige Erfolgsformel wiedergefunden zu haben scheint, basieren Kochs Vertrauensbekundungen für den Großflächen-Lebensmittelhändler ausschließlich auf Verweisen zu den geänderten Konsumgewohnheiten im Lebensmittelhandel. Mit dem Marken-Credo der Konzernmutter "Champion for independent business" und der Hoffnung, dort von der Digitalisierung von Gastronomie und Hotelerie profitieren zu können, hat das Real-Geschäft faktisch nichts zu tun. Würde Koch sein Credo der Konzentration auf Kernkompetenzen und Agilität konsequent umsetzen, wäre Real zumindest ein Wackelkandidat. Kein Geheimnis ist dagegen, dass man in Ingolstadt die Scheidung gar nicht schnell genug haben kann. In einem ersten Statement sagt CEO Pieter Haas: "Wir sehen großes Potenzial, dass die so geschaffene Consumer Electronics Gruppe verstärkt in Zukunftsthemen investieren und damit den Wert der gesamten Gruppe für unsere Kunden, Partner und Gesellschafter sowie für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter steigern wird."

Für Haas verspricht die neue Aufstellung die Chance, den Transformationsprozess bei Media-Saturn noch energischer vorantreiben zu können. Nicht nur im Onlinehandel, wo das Unternehmen derzeit an der Umsatzmarke von 2 Milliarden Euro kratzt, müssen die Ingolstädter ihr Tempo noch deutlich steigern. Auch der Aufbau des digitalen Servicegeschäfts und die Etablierung von Kundenloyalitätsprogrammen erfordert Kompetenzen, die sich in der bisherigen Metro AG nur schwer entwickeln ließen. Außerdem kann Haas nun noch weitere Tochterunternehmen für spezialisierte Geschäftsfelder gründen, ohne die wachsende Komplexitität innerhalb des Konzern-Konglomerats Metro fürchten zu müssen. cam
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