Kommentar Mercedes und das "geklaute" Huhn - die unsägliche Plagiatsparanoia der Werber

Dienstag, 24. September 2013
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Wer in der Werbung arbeitet, braucht Nerven wie Drahtseile. Diese Erfahrung machen in diesen Tagen - wieder einmal - Mercedes und Jung von Matt/Neckar. Kaum hatte HORIZONT.NET gestern den neuen Mercedes-Spot vorgestellt, wurden der Stuttgarter Autobauer und seine Kreativagentur bereits mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert.
Es ist beinahe wie in "Und täglich grüßt das Murmeltier". Auch wenn prominente Branchenköpfe wie kürzlich Serviceplan-Chef Florian Haller regelmäßig zur Ordnung rufen, ist es doch immer dasselbe: Bei (fast) jedem neuen TV-Spot, der aus dem Einheitsbrei herausragt, finden umtriebige Kreative dann doch noch den "Original-Spot", der angeblich als Vorlage gedient haben soll, und watschen den Auftraggeber und seine Agentur mit Leser-Kommentaren und Facebook-Posts ab. Jüngste Beispiele waren der TV-Spot von Vodafone, die mit einem Grand Prix in Cannes ausgezeichnete WWF-Kampagne "The Ant Rally" von BBDO, der von Serviceplan umgesetzte Live-Werbeblock von Sky und die Kampagnen von Linken, Grünen und SPD zur Bundestagswahl.
Aktuelles Opfer der Plagiats-Jäger sind also mal wieder Mercedes und Jung von Matt. Der Vorwurf: Der neue Spot, in dem der Autobauer Hühner zu den Beats von Diana Ross' Evergreen "Upside Down" tanzen lässt, um für seine "Intelligent Drive"-Lösungen zu werben, soll von Fuji abgekupfert sein. Hintergrund: Auch der Kamerahersteller hat in einem TV-Spot mit einem Huhn experimentiert und sich dabei die Beweglichkeit des gefiederten Tieres zunutze gemacht, um für den Bildstabilisator seiner X-S1-Kamera zu werben.

Bei Jung von Matt/Neckar weist man die Vorwürfe weit von sich. Wie Robert Herter, Creative Director bei der Stuttgarter Werbeschmiede, in einem Kommentar und im Gespräch mit HORIZONT.NET beteuert, wurde der Mercedes-Spot bereits im vergangenen Sommer, also "lange vor dem Fujifilm-Spot", entwickelt und bereits am 20. Februar 2013 online gestellt. Dabei hätten sich die Kreativen von einem privaten Youtube-Video inspirieren lassen, in dem zwei Jungen mit Hühnern spielen. "Wenn, dann war es umgekehrt", reicht Herter den schwarzen Peter an Fuji weiter.

Die Diskussion, wer denn nun erster war, ist allerdings genauso wenig zielführend. Denn Werbung ist vor allem dann gut, wenn sie funktioniert. Heißt: Wenn der Zielgruppe die Alleinstellungsmerkmale klar vermittelt werden und dadurch ein Kaufimpuls ausgelöst wird. Dazu braucht man zwar kreative Ideen. Doch sind Ideen gleich verbrannt, nur weil ein Unternehmen aus einer völlig anderen Branche auch darauf gekommen ist? Eher nicht! Viel wichtiger ist, dass kreative Ideen am Ende auch gut umgesetzt werden und in ein schlüssiges Kreativkonzept einfließen. Im Falle von Mercedes ist das zweifelsohne gelungen. Der Spot ist nicht nur ein aufmerkamkeitsstarker Hingucker. Er ist darüber hinaus auch einwandfrei exekutiert und bringt die Vorteile des "Intelligent Drive"-Konzeptes auf den Punkt. Die Frage, welches Huhn zuerst da war, das von Mercedes oder das von Fuji, ist vor diesem Hintergrund zweitrangig. mas
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